Comeback der Kernenergie Japan plant Bau neuer Atomkraftwerke

In Deutschland streitet die Regierung über einen »Streckbetrieb« der letzten Reaktoren. In Japan will Ministerpräsident Kishida sogar über neue Meiler entscheiden – trotz Fukushima.
Kernkraftwerk Sendai im Südwesten Japans: Laufzeiten von bis zu 60 Jahren

Kernkraftwerk Sendai im Südwesten Japans: Laufzeiten von bis zu 60 Jahren

Foto: Kyushu Electric Power Co./ dpa

Gut elf Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima setzt Japan wieder auf Atomkraft. Der Anteil der Kernenergie an der Energieversorgung des Landes soll auf mehr als ein Fünftel steigen. Nachdem es bislang vor allem um eine Wiederinbetriebnahme von nach dem Unfall abgeschalteten Meilern ging, steht nun sogar der Bau neuer Kernkraftwerke zur Debatte.

Konkret erwägt die Regierung von Ministerpräsident Fumio Kishida die Entwicklung und Errichtung von Atomkraftwerken der nächsten Generation. Bis Jahresende wolle man diesbezüglich zu einem Ergebnis kommen, kündigte Kishida an. Dies wäre eine deutliche Abkehr von Japans bisheriger Linie, keine zusätzlichen Atomkraftwerke zu bauen.

Ministerpräsident Kishida: Nicht allein mit der Kehrtwende in der Atompolitik

Ministerpräsident Kishida: Nicht allein mit der Kehrtwende in der Atompolitik

Foto: Pool / REUTERS

Damit nicht genug. Das erdbebengefährdete Japan plant zudem eine Verlängerung der Laufzeiten bestehender AKW – auf über 60 Jahre. Denn: Die vor Deutschland drittgrößte Volkswirtschaft der Welt hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum 1. April 2030 rund 22 Prozent seiner Stromversorgung aus Atomenergie zu erzeugen. Vor Fukushima lag der Anteil bei etwa 30 Prozent, 2020 waren es nur etwas mehr als fünf Prozent .

Japan will alle alten Meiler wieder ans Netz bringen

Die neue japanische Atompolitik unterscheidet sich damit enorm von der deutschen. Hierzulande streitet die Regierung trotz Energiekrise über eine kurze Verlängerung der Laufzeiten für die noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke. Vor allem die Grünen tun sich schwer mit solch einem Streckbetrieb – oder gar damit, bereits stillgelegte AKWs wieder hochzufahren. Sie verweisen auf Risiken der Technologie.

In der Bevölkerung hat sich angesichts der knapper und teurer werdenden Energie die Haltung inzwischen gewandelt. Eigentlich hat Deutschland nach Fukushima beschlossen, bis Ende 2022 komplett aus der Atomenergie auszusteigen. (Lesen Sie hier: Atomkraft? Ja bitte! )

Japan wiederum hatte nach der Katastrophe, bei der ein schweres Erdbeben und ein gewaltiger Tsunami 2011 zum Super-GAU führten, strenge Sicherheitsstandards eingeführt. Der Betrieb von Reaktoren wurde grundsätzlich auf 40 Jahre begrenzt.

Ein Betrieb für weitere 20 Jahre ist jedoch möglich, wenn Sicherheitsverbesserungen vorgenommen werden. Bislang haben 17 Atomreaktoren die verschärften Sicherheitsauflagen erfüllt, zehn Meiler davon wurden inzwischen wieder angefahren. Man werde alles tun, auch die übrigen sieben ans Netz zu bringen, so Kishida.

Mit seinem Wechsel in der Atompolitik ist Japan nicht allein. Auch in Europa setzen immer mehr Staaten wieder auf Kernenergie. In Großbritannien wird mit Hinkley Point C das erste AKW seit mehr als 20 Jahren gebaut, das Kraftwerk Sizewell soll ebenfalls einen neuen Block erhalten. Auch in Frankreich und weiteren EU-Staaten werden neue Meiler errichtet. In Schweden werben liberale Politiker vor der Reichstagswahl Mitte September wegen der hohen Energiepreise für einen Ausbau der Atomkraft.

apr/dpa
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