Trotz möglicher Übernahme durch VW Karmann entlässt 720 Mitarbeiter

Eine Rettung ist eventuell in Sicht - doch für viele Mitarbeiter kommt sie zu spät: Der insolvente Autohersteller Karmann entlässt erneut 720 Mitarbeiter. Daran kann auch die geplante Übernahme durch Volkswagen nichts ändern.

Karmann-Standort Rheine: Den restlichen Mitarbeitern eine Chance geben
ddp

Karmann-Standort Rheine: Den restlichen Mitarbeitern eine Chance geben


Osnabrück - Ein Großteil der Beschäftigten muss gehen, um die Arbeitsplätze der Kollegen zu retten: Der insolvente Osnabrücker Autobauer Karmann entlässt trotz der möglichen Übernahme durch den Volkswagen-Konzern zum Ende dieser Woche weitere 720 Mitarbeiter. Es gehe darum, den dann noch verbliebenen rund 900 Beschäftigten "eine Chance zu geben", sagte der Sprecher des Betriebsrats, Gerhard Schrader, der Nachrichtenagentur ddp. Die von der Kündigung betroffenen Mitarbeiter wurden nach einem Sozialplan ausgewählt.

Der Insolvenzverwalter schloss weitere "drastische Schritte" - nämlich die endgültige Schließung des Stammwerks in Osnabrück noch in diesem Monat - nicht aus. "Was in dieser Woche unbedingt erzielt werden muss, ist eine Entspannung der finanziellen Lage", sagte er. Am Dienstag tagte auch der VW-Vorstand, um über eine Übernahme des Traditionsunternehmens zu beraten.

Der Sprecher des Insolvenzverwalters wollte über den Verlauf der Gespräche nichts sagen. Das Gleiche gelte für laufende Verhandlungen mit Mercedes.

Karmann hatte am 8. April die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Zuvor waren in einer ersten Entlassungswelle 1700 Mitarbeitern gekündigt worden. Sie wechselten zum Teil in eine Transfergesellschaft. Weitere 300 Beschäftigte mussten gehen, nachdem der Insolvenzverwalter die Geschäfte übernommen hatte.

"Die Belegschaft ist psychisch am Ende"

Insidern zufolge verlangen die Karmann-Gesellschafter einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag von VW. Der Autokonzern ist laut Medienberichten aber bislang nur bereit, 20 Millionen Euro zu zahlen. Von VW gab es dazu keinen Kommentar.

Die Karmann-Gesellschafter, die Familien Battenfeld, Boll und Karmann, weisen auf Verpflichtungen aus großen Investitionen in das Werk hin. So gebe es noch Restschulden aus dem Bau einer neuen Lackieranlage vor einigen Jahren in Höhe von 25 Millionen Euro. Die Familien wollten kein Angebot annehmen, was darunter liege, hieß es aus informierter Quelle. Einen Zuschlag müsse es auch für die Anlagen, Maschinen, Hallen und Immobilien von Karmann geben, die noch im Besitz der Eigentümer sind.

Betriebsrat Schrader sagte: "Die Belegschaft ist psychisch am Ende. Wir haben in der Vergangenheit schon mehrfach geglaubt, sichere Zukunftsprojekte zu haben." Doch die Hoffnungen seien immer wieder enttäuscht worden. Die Kündigungen in dieser Woche seien bereits die elfte Entlassungswelle seit 2004. Damals beschäftigte Karmann weltweit noch 9900 Mitarbeiter und war Europas größter Cabrio-Hersteller.

wal/ddp/dpa



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