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16. Juli 2018, 15:04 Uhr

US-Stahllobbyist

"Die Horrorvorstellung eines Handelskriegs ist völlig übertrieben"

Ein Interview von , New York

Donald Trumps Handelskrieg schockiert die Welt. Doch nicht alle. Im Interview erzählt Stahllobbyist Scott Paul, dass US-Arbeiter dank der Strafzölle wieder hoffen - und warum er trotzdem ein Problem mit dem Präsidenten hat.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Paul, Sie sind kein Fan von Präsident Donald Trump. Vergangenes Jahr, nach den rechtsextremen Aufmärschen von Charlottesville, traten sie aus Protest aus seinem Wirtschaftsbeirat aus.

Scott Paul: Ich fand seine Reaktion auf die Vorfälle abstoßend und verstörend. So etwas muss unzweideutig verurteilt werden.

SPIEGEL ONLINE: Und doch können Sie sich mit den Handelskriegen anfreunden, die er vom Zaun bricht?

Paul: Persönlich bin ich mit vielem von dem nicht einverstanden, was der Präsident tut. Aber das muss sich ja nicht gegenseitig ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn die meisten US-Wirtschaftsvertreter nichts Gutes sehen in den Strafzöllen Trumps?

Paul: Nicht alle Zölle sind gut. Aber bei manchen Branchen gibt es Grund, etwas zu tun, zum Beispiel bei Stahl und Aluminium.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Paul: Die Welt produziert viel zu viel Stahl. China stellt die Hälfte allen Stahls her, in Fabriken, die meist von der Regierung kontrolliert werden. Die haben Dutzende Zombie-Stahlwerke, die Stahl gießen, den keiner will und keiner braucht.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die amerikanische Industrie damit zu tun?

Paul: Diese Überproduktion hat verheerende Auswirkungen auf Arbeiter, deren Wirtschaftssysteme Importe weitgehend ohne Schutz zulassen. Die USA hat es dabei am härtesten getroffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll Protektionismus das ändern?

Paul: Einige US-Stahlwerke bekommen bereits jetzt neue Aufträge und stellen wieder Arbeiter ein, sie fahren Überstunden oder zusätzliche Schichten. Hochöfen, die stillgelegt waren, gehen wieder in Betrieb. Dort sind die Arbeiter ziemlich happy. Sie litten zuvor unter außerordentlichen Schwierigkeiten, während es vielen anderen Amerikanern besser ging.

SPIEGEL ONLINE: Wo sind die Arbeiter denn zum Beispiel happy?

Paul: Etwa in Illinois. Ich war jetzt öfters mal in Granite City, direkt bei St. Louis. Das Stahlwerk ist das Herz des Ortes, es war jahrelang geschlossen, jetzt laufen beide Hochöfen wieder. Mehr als 800 Arbeiter wurden da wieder eingestellt. Die ganze Gemeinde ist wiederauferstanden.

SPIEGEL ONLINE: Das liegt in diesem Fall aber nicht nur an den Zöllen, sondern hat auch andere Gründe.

Paul: Deshalb sind die Leute anderswo auch noch vorsichtig. Die einen hoffen, dass sich die Lage verbessert. Den anderen wurde schon zu oft der Boden unter den Füßen weggezogen. Und einige misstrauen dem Präsidenten und seinem angeblichen Talent, gute Deals abzuschließen. Sie wissen nicht, auf welcher Seite dieses Deals sie landen werden.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass China oder die EU einknicken werden?

Paul: Wir wollen niemandem vorschreiben, wie er seine Wirtschaft managt. Aber wenn man damit gegen die Regeln der Welthandelsorganisation WTO verstößt, muss man doch eingreifen, um das Exportverhalten wenigstens teilweise zu modifizieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie können sich die USA auf WTO-Regeln berufen, wenn der US-Präsident selbst wenig davon hält? Die EU und ein halbes Dutzend andere Staaten haben vor der WTO gegen die Zölle Einspruch erhoben.

Paul: Das ist eine gute Frage. Die gesetzliche Grundlage der jetzigen Stahl- und Aluminiumzölle ist der Schutz der nationalen Sicherheit Amerikas. Da hat der Präsidenten großen Handlungsspielraum.

SPIEGEL ONLINE: Da gehen die Argumente aber durcheinander. Vorhin sprachen wir von Not leidenden Arbeitern, und auf einmal sprechen wir von Krieg und Frieden. Und was haben Stahl und Aluminium mit nationaler Sicherheit zu tun, wo Kriege doch immer mehr im digitalen Raum geführt werden?

Paul: Die Vorstellung, dass wir unsere Feinde allein mit Stahl und Aluminium besiegen, ist sicher altmodisch. Aber das Militär kommt ganz ohne Stahl nicht aus. Es gibt nur noch einen letzten, bedeutsamen US-Hersteller von Panzerplatten, wie sie für Flugzeugträger oder Panzerfahrzeuge gebraucht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist das?

Paul: ArcelorMittal.

SPIEGEL ONLINE: Der weltgrößte Stahlkonzern - aber sitzt der nicht in Luxemburg?

Paul: Die produzieren das in Coatesville in Pennsylvania, direkt außerhalb von Philadelphia.

SPIEGEL ONLINE: Der Anteil des Militärs an der gesamten US-Stahlnachfrage ist aber nur minimal - drei Prozent.

Paul: Alle Stahlwerke, die Stahl fürs Militär produzieren, bedienen zugleich auch den zivilen Markt. Sie hängen von diesem Markt ab. Gibt es zu viel Importe, werden alle Preise unmöglich niedrig.

SPIEGEL ONLINE: Sind alte Industrien wie Stahl und Kohle, die Trump so nostalgisch liebt, der richtige Weg in die Zukunft?

Paul: Pittsburgh wird nie wieder die Stahlmetropole sein, die es mal war. Trotzdem: Ich glaube, dass wir unsere Stahlproduktion hochfahren können, wenn die Wirtschaft weiter wächst.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker fürchten, dass der Zollkrieg die US-Wirtschaft kaputtmachen könnte.

Paul: Ich finde, dass die negativen Auswirkungen heillos übertrieben werden. Unsere Wirtschaft brummt, und selbst mit den Vergeltungszöllen wird das beim Bruttoinlandsprodukt nur auf einen Rundungsfehler hinauslaufen. Die Horrorvorstellung eines Handelskriegs ist viel dramatischer als die Realität.

SPIEGEL ONLINE: Also als nächstes Autozölle?

Paul: Dazu behalte ich mir meine Meinung lieber vor, bis ich weiß, was die Regierung wirklich macht.

SPIEGEL ONLINE: Aber die würden ja noch einen viel größeren Teil der US-Wirtschaft treffen als Stahl.

Paul: Ja, mit diesem Ansatz sind gewissen Risiken verbunden.

SPIEGEL ONLINE: Das Risiko, künftig amerikanische Autos fahren zu müssen, die oft schlechter sind als ausländische?

Paul: Ich fahre einen elektrischen Chevy Volt von GM. Das ist ein tolles Auto.

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