Währungskrise in der Türkei Erdogan ruft Bürger zu Stützungskäufen der Lira auf

Die türkische Lira verliert seit Wochen dramatisch an Wert. Präsident Recep Tayyip Erdogan will den Absturz nun stoppen - auch mit Hilfe der "Brüder mit Dollar und Euro unter dem Kissen".
Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan

Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan

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Minus 19 Prozent zum Euro, minus 25 Prozent im Vergleich zum Dollar - so sieht die Bilanz der türkischen Lira in den vergangenen Monaten aus. Praktisch täglich melden die Nachrichtenagenturen ein erneutes Rekordtief der türkischen Währung.

Der Wertverfall könnte zum Problem für die türkische Politik werden. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat für den 24. Juni vorgezogene Präsidentschaftswahlen angesetzt. Die Nachrichten über die boomende türkische Volkswirtschaft sollten ihm einen leichten Sieg ermöglichen. Aber die Debatte um die schwächelnde Lira droht, die wirtschaftlichen Erfolge zu überlagen.

Abhilfe könnten nach Ansicht von Erdogan nun die Bürger schaffen. Der Präsident hat seine Landsleute um Unterstützung bei der Stabilisierung der Lira gebeten. Sie sollten ihre Dollar- und Euroguthaben in die heimische Währung umtauschen. "Meine Brüder, die Dollars oder Euros unter ihren Kissen haben", wandte sich Erdogan am Samstag auf einer Wahlkampfveranstaltung in Erzurum im Osten an die Bevölkerung. "Geht und tauscht euer Geld in Lira um."

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Der Wertverlust der Lira ist für die türkische Wirtschaft ein zweischneidiges Schwert. Einerseits verschafft er türkischen Exporten in der Tendenz einen Wettbewerbsvorteil: Ihre Produkte werden im Vergleich zur Konkurrenz günstiger. Die Türkei ist aber auch ausgesprochen abhängig von Importen, das Land hat ein Handelsbilanzdefizit von 76 Milliarden Dollar im Jahr 2017. Diese Einfuhren werden durch die Währungskrise teurer. Die Teuerungsrate (Inflation) ist auf deutlich über zehn Prozent gestiegen. Das bekommt auch die Bevölkerung zu spüren.

Obwohl die Zentralbank offiziell das Ziel verfolgt, die Inflation auf fünf Prozent zu drücken, intervenierte sie nicht. Unter Analysten weckte das Zweifel, ob die Notenbanker noch unabhängig von der Politik agierten - und sich womöglich zurückhielten, um den Wirtschaftsboom mit Wachstumsraten von mehr als sieben Prozent vor der Wahl nicht zu bremsen.

Der dramatische Absturz der Lira hat inzwischen allerdings auch die Zentralbank zum Handeln gezwungen. Ende der Woche setzte sie den Leitzins hoch, um die Währung zu stabilisieren. Die Zinserhöhung brachte allerdings nur eine geringfügige Verbesserung gegenüber dem Rekordtief.

Erdogan hat bereits angekündigt, dass er nach den Parlaments- und Präsidentenwahlen am 24. Juni eine größere Kontrolle über die Geldpolitik ausüben will. Der Präsident, der sich erneut um sein dann mit weitaus größeren Machtbefugnissen ausgestattete Amt bewirbt, hat sich selbst zum "Gegner von Zinsen" erklärt.

Zuletzt kam eine Analyse der auf Wirtschaftsthemen spezialisierten Nachrichtenagentur Bloomberg zu dem Schluss, es seien gerade Äußerungen wie diese, mit denen Erdogan Investoren verschrecke - und damit die Lira auf Talfahrt schicke (hier geht's zum Bericht).

beb/Reuters
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