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17. August 2018, 14:41 Uhr

Handelsstreit mit USA

Lira verliert erneut an Wert

Kurz vor dem Wochenende ist der Kurs der türkischen Währung erneut eingebrochen. "Jeder überlegt sich zwei Mal, ob er noch Lira halten will", sagt ein Analyst.

Kurz schien es, als sei der Kursverlust der vergangenen Tage beendet. Doch mit der Erholung der Lira ist es anscheinend schon wieder vorbei. Dollar und Euro verteuerten sich bis zum Mittag um jeweils etwa fünf Prozent gegenüber der türkischen Währung. "Wir sind kurz vor dem Wochenende, da überlegt sich jeder zwei Mal, ob er noch Lira halten will", sagte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann.

Die Währungskrise belastet auch die Börse des Landes. Der türkische Leitindex Ise 100 gab um mehr als ein Prozent nach. Damit steuert die Börse aktuell auf einen Wochenverlust von fast zehn Prozent zu - dies wäre der bislang höchste dieses Jahres.

Nachdem sich die Wechselkurse in den vergangenen Tagen zugunsten der Lira entspannt hatten, sollte eine Telefonkonferenz des türkischen Finanzministers Berat Albayrak - dem Schwiegersohn des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan - mit ausländischen Investoren die Lage weiter entschärfen. Über 4000 Interessenten hatten sich für die Schalte mit Albayrak registriert.

"Es war gut, dass er der Inflationsbekämpfung 'Top-Priorität' einräumte", sagt Leuchtmann. Albayraks Einschätzung, Geldpolitik allein reiche zur Inflationsbekämpfung nicht aus, sei zwar prinzipiell richtig. "Doch ohne Geldpolitik ist alles andere, was gegen Inflation unternommen wird, nichts."

Erdogans Einfluss auf die Geldpolitik

Die türkische Zentralbank hatte entgegen der allgemeinen Erwartungen den Leitzins trotz des Lira-Verfalls zuletzt nicht angehoben. Eine Leitzinserhöhung könnte das Vertrauen der Investoren in die türkische Wirtschaft stärken - Präsident Erdogan sprach sich jedoch mehrfach gegen hohe Zinsen aus und betonte, er wolle stärkeren Einfluss auf die Geldpolitik nehmen.

Seit Monaten verliert die Lira bereits an Wert, ausgelöst durch einen Handelsstreit der Türkei mit den USA. Angesichts der Drohungen von US-Präsident Donald Trump, Strafzölle gegen Stahl aus der Türkei auf 50 statt bislang 25 Prozent zu verdoppeln, sank die türkische Währung Mitte August auf ein Rekordtief. Erstmals mussten mehr als sieben Lira für einen Dollar und mehr als acht Lira für einen Euro gezahlt werden.

Als Vergeltung für die US-Strafzölle hob Ankara am Mittwoch die Einfuhrzölle auf mehrere US-Produkte deutlich an. Für Autos etwa stieg der Zollsatz um 120 Prozent, für alkoholischen Getränke um 140 Prozent und für Tabak um 60 Prozent. Die USA kündigten umgehend wirtschaftliche Gegenmaßnahmen an.

Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern ist aus verschiedenen Gründen angespannt. Auslöser der aktuellen gegenseitigen Abstrafungen ist vor allem ein Streit um zwei Geistliche: Die USA fordern die Freilassung des amerikanischen Pastors Andrew Brunson, der wegen des Verdachts auf Spionage und Terrorvorwürfen in der Türkei unter Hausarrest steht. Die Türkei hingegen verlangt die Auslieferung des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen, den Erdogan für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich macht.

ire/dpa/Reuters

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