"Turk Stream"-Pipeline Das steckt hinter Russlands Türkei-Plänen

Wladimir Putin feiert die Fertigstellung eines wichtigen Teilstücks der Gaspipeline "Turk Stream". Der russische Präsident schmiedet bereits Pläne für eine Verlängerung bis nach Österreich. Was steckt dahinter?
Putin und Erdogan

Putin und Erdogan

Foto: Ramil Sitdikov/ AP

Seit Monaten schiebt sich die "Pioneering Spirit" langsam durch das Schwarze Meer, von Norden kommend in Richtung Südwesten. Sie gilt als größtes Schiff der Welt, eine wuchtige schwimmende Insel, mit mehr als 500 Besatzungsmitgliedern an Bord und Kränen, die mit Leichtigkeit selbst bis zu 48.000 Tonnen schwere Bohrinseln aus dem Wasser heben können.

Am Montag haben sich Russlands Präsident Wladimir Putin und der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan per Videoübertragung live auf die "Pioneering Spirit" schalten lassen, um gemeinsam den Abschluss eines zentralen Bauabschnitts der Gaspipeline Turk Stream zu feiern: Etwa 1800 Kilometer Gasröhren hat das Schiff in den vergangen Monaten auf dem Grund des Schwarzen Meeres verlegt. Schon 2019 will Russland das erste Gas durch die Pipeline pumpen.

Schiff "Pioneering Spirit" im Bosporus

Schiff "Pioneering Spirit" im Bosporus

Foto: AP/Ali Aksoyer/DHA-Depo

Moskau und Ankara schicken sich an, im Eiltempo ein Projekt zu vollenden, das ursprünglich aus einer Niederlage geboren wurde. 2014 hatte Putin erst genervt den Bau einer Schwarz-Meer-Pipeline in die EU gestoppt: South Stream hieß das Projekt und sollte Gas von Bulgarien über den Balkan bis nach Österreich liefern. Doch die EU stellte sich quer, allen voran der damalige Energiekommissar Günther Oettinger. Putin präsentierte damals flugs Erdogan als neuen Partner - und die ersten Pläne für Turk Stream.

Doch was bezweckt Putin genau mit der Initiative? Welche Rolle spielt Erdogan? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Putins zweite Balkanoffensive

Begraben hat Moskau die alten Pläne für eine südliche Gaspipeline in die EU allerdings nie. Sie ist gedacht als Gegenstück zur Ostseepipeline Nord Stream. Auch ein Blick auf den Verlauf von Turk Stream zeigt, wohin Russlands Ambitionen zielen: Das Verlegeschiff "Pioneering Spirit" hat die letzten Röhrenteile nordwestlich des Bosporus auf dem Meeresboden verlegt. Anlanden wird das russische Gas also auf dem kleinen europäischen Landzipfel der Türkei, in nicht einmal 50 Kilometern Entfernung zur Grenze des EU-Mitglieds Bulgarien. "Mindestens die Hälfte" der Gaslieferung werde an Abnehmer in Europa gehen, verkündete der türkische Präsident Erdogan während des Festakts im Beisein von Putin.

Über Bulgarien, Serbien und Ungarn bis nach Österreich, das ist die Idee. Putin hat dafür schon die Werbetrommel gerührt, bei einem Treffen mit Ungarns Premier Viktor Orban im September. Ungarn sei sehr interessiert, sagte Orban. Mit Serbien wiederum könnte schon im Januar ein entsprechendes Memorandum unterzeichnet werden, glaubt Russlands Vizepremier Juri Borisow. Dann reist nämlich Putin zu einem Besuch nach Belgrad.

Für Russland hat diese Überland-Verlängerung von Turk Stream nicht nur wirtschaftlich Relevanz: Slawische Länder wie Serbien oder Bulgarien sind Russland seit Jahrhunderten recht eng verbunden. Russland sieht sich in der Region allerdings in einer Art Wettstreit um Einfluss mit der EU und der Nato. Deutlich wurde das beispielsweise daran, wie heftig Moskau auf den Nato-Beitritt des 600.000-Einwohner-Landes Montenegro reagierte. So warnte Putins Verteidigungsminister Sergej Schoigu, über das 600.000-Einwohnerland werde sich "der Balkan kontrollieren" lassen.

Welche Rolle spielt die Türkei?

Vor drei Jahren standen Russland und die Türkei noch kurz vor einem Krieg. Türkische Soldaten hatten damals einen russischen Kampfjet über Syrien abgeschossen. Die Regierung in Moskau verhängte Sanktionen gegen die Türkei, der Kreml warf Erdogan einen "Dolchstoß" vor. Als sich der türkische Präsident ein halbes Jahr später bei Putin entschuldigte, gingen beide Seiten allerdings zügig wieder zum Alltag über.

Mittlerweile sind die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei enger als je zuvor. Beide Länder stimmen sich nicht nur im Syrien-Konflikt ab, sondern arbeiten auch wirtschaftlich eng zusammen. Putin war erst Ende Oktober für einen Syrien-Gipfel in Istanbul. Montag war er erneut in der Stadt. Bei dem Treffen zwischen dem russischen Präsidenten und seinem türkischen Amtskollegen Erdogan soll es diesmal vor allem um Turk Stream gehen.

Die türkische Regierung betrachtet die Pipeline als Schlüsselprojekt, um den Energiebedarf des Landes in den kommenden Jahren zu decken - und den zuletzt drastischen Anstieg der Kosten für Energieeinfuhren (2017: 37 Milliarden Dollar) zu dämpfen. Seit 2005 hat sich der türkische Gasbedarf fast verdoppelt, von knapp 30 Milliarden Kubikmetern auf zuletzt mehr als 50 Milliarden Kubikmeter.

Die beiden vor der Fertigstellung stehenden Röhrenstränge von Turk Stream sollen davon bis zu 31 Milliarden Kubikmeter decken. Geplant ist allerdings die Erweiterung um zwei weitere Röhren, das würde die Kapazität verdoppeln - und könnte die Türkei auf einen Schlag zum strategisch wichtigen Knotenpunkt machen, von dem die Versorgung Südosteuropas abhängt. "Wenn die Türkei es geschickt anstellt, kann sie zu einem Energie-Drehkreuz werden", glaubt Gürkan Kumbaroglu, Direktor des Zentrums für Energieforschung an der Istanbuler Bogazici Universität.

Obwohl Russland schon heute rund die Hälfte der türkischen Gasimporte liefert - Angst vor einer drohenden Energieabhängigkeit hat Erdogan offenbar nicht. Ein Grund dafür ist die geografisch günstige Lage seines Landes: Die Türkei ist bereits heute Abnehmer von Flüssiggas aus Algerien und Nigeria, von den Nachbarstaaten fördern Iran und Aserbaidschan Gas, der Irak könnte dazu kommen.

Was verspricht sich der Kreml von dem Deal?

Russland ist seit einiger Zeit im Begriff, seine Lieferbeziehungen im Gasmarkt langfristig neu zu ordnen. So ist gerade bekannt geworden, dass die Führung in Moskau mit China über eine Ausweitung der Gaslieferungen über die "Power of Siberia" genannte Pipelineverbindung verhandelt.

Im laufenden Jahr hat Gazprom die Fördermenge erhöht, bis zum Jahresende dürfte sie 500 Milliarden Kubikmeter übersteigen. Mehr hat der Konzern zuletzt im Jahr 2011 an die Erdoberfläche gepumpt. Anders als in früheren Jahren schwimmt der Kreml nicht mehr im Geld - und muss beispielsweise das Renteneintrittsalter erhöhen.

Partner Putin und Erdogan

Partner Putin und Erdogan

Foto: MURAD SEZER/ REUTERS

Auf der anderen Seite geht es darum, die Absatzmärkte der Zukunft gegenüber Konkurrenten abzustecken. Aserbaidschan beispielsweise hegt ebenfalls Pläne für den Bau eines "Südlichen Gaskorridors" bis auf den Balkan. Allerdings wird das Projekt mit bis zu 45 Milliarden Dollar Kosten veranschlagt. Das ist ein Vielfaches der Baukosten der neuen Schwarzmeer-Pipeline die bei acht bis zehn Milliarden Dollar liegen.

Gazprom will allerdings auch sein Revier gegenüber dem großen Rivalen USA verteidigen. Sowohl Demokraten als auch Republikaner fordern die Europäer immer wieder auf, in Zukunft verstärkt auf Flüssiggas aus US-Produktion zu setzen. Russland bemühe sich gerade darum "Marktnischen zu besetzen und konkurrierende Gaslieferungen zu blockieren", sagt Maria Belova von der Moskauer Energieberatungsfirma Vygon Consulting.

Was bedeutet das für das bisherige Transitland Ukraine?

"Das Projekt richtet sich nicht gegen die Interessen anderer", betonte Putin während der Turk-Stream-Feierlichkeiten. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew sieht man das anders. Mit Turk Stream und Nord Stream 2 in der Ostsee sichert sich Gazprom zwei weitere Zugänge zum europäischen Markt - und das an der Ukraine vorbei, dem bislang mit Abstand wichtigstem Transitland, mit dem sich Moskau nach der Annexion der Krim und dem Krieg im Donbass im Dauerkonflikt befindet. Knapp 80 Milliarden Kubikmeter flossen im vergangenen Jahr über ukrainisches Territorium Richtung Westen. Damit sollte eigentlich bald Schluss sein.

Seit Jahren schmiedet Russland Pläne, wie die Ukraine als Transitland umgangen werden könnte. Nord Stream, South Stream als auch Turk Stream sind Instrumente, mit denen Russland dieses strategische Ziel erreichen will. Warum das dem Kreml wichtig ist, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten: Die Ukraine fürchtet, Russland werde das Land mit Gaslieferstops erpressen und politisch auf die Knie zwingen wollen, sobald Europa über andere Transitrouten sicher versorgt sei. Kiew sieht Energielieferungen in die EU über ukrainisches Territorium als eine Art Lebensversicherung an.

Russland wiederum gibt an, die Ukraine sei ein unzuverlässiger Partner und habe in der Vergangenheit Gas abgezweigt, das für Europa gedacht war. Außerdem seien die Transitgebühren - etwa zwei Milliarden Dollar pro Jahr - horrend.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier versucht derzeit, einen Kompromiss auszuhandeln. Moskau hat ihm öffentlich zugesichert, eine Mindestmenge an Gas weiterhin über die Ukraine zu liefern.

Die Frage ist, wie glaubhaft diese Zusagen sind - nachdem Putin über Jahre beständig die Schließung des Transitkorridors Ukraine zum strategischen Ziel erklärt hat. "Das Hauptziel von Turk Stream", daran hat die Moskauer Energie-Expertin Belova keinen Zweifel "ist die Minimierung des Gastransits via Ukraine".

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