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Stefan Raab: König des Gaga-TV

Foto: Ingo Wagner/ picture-alliance/ dpa

TV-Phänomen Stefan Raab Der Bundesblödler

Stefan Raab zotet sich seit zehn Jahren durch seine Late-Night-Show, feiert Traumquoten mit absurden TV-Events und krönt nebenbei Popsternchen. Aus dem geschmähten Flegel-Moderator ist einer der wichtigsten Strippenzieher der Unterhaltungsbranche geworden - dank eines Erfolgsgeheimnisses.

Stefan Raab

Groß im Siegesfieber taumeln ist nicht: An diesem Freitag muss schon zum nächsten Mega-Event antreten. In der Kölnarena steigt die "TV total Autoball Weltmeisterschaft 2010". B-Promis wie Ross Antony und Joey Kelly werden dann, begleitet von aufgepeitschten Sportkommentatoren, einen riesigen Gummiball mit Autos über einen Fußballplatz schieben. Fast vier Stunden soll das Mega-Event dauern, ProSieben überträgt ab 20.15 Uhr. Und natürlich tritt auch Raab selbst an.

Lena Meyer-Landrut

Der 43-Jährige wird mit voller Kraft kämpfen. Er liebt Wettkämpfe. Auch Oslo war ja im Grunde einer. Dreimal hatte Raab es vorher schon versucht beim Eurovision Song Contest. Er hatte zwei trashige Blödelsongs geschrieben - "Guildo hat euch lieb" für den fuselfrisurigen Schlagerstar Guildo Horn, "Wadde hadde dudde da" für sich selbst. Er hatte Max Mutzke mit der Soul-Nummer "Can't wait until tonight" ins Rennen geschickt. Aber erst mit hat Raab es geschafft.

Die 19-Jährige holte Platz eins für Deutschland, den ersten seit 28 Jahren. Nebenbei bekam der Schlagerwettbewerb dank Raabs Masterplan wieder den nötigen Glamour für satte Einschaltquoten und nationale Begeisterung. Politiker in Deutschland forderten das Bundesverdienstkreuz für Lena - und für Raab. Lenas Sieg ist sein Triumph. Spätestens jetzt ist klar: Raab, ein gelernter Metzger, der mit Mitte 20 im elterlichen Dachgeschoss erste Werbe-Jingles produzierte, ist einer der wichtigsten Fernseh- und Musikmacher Deutschlands.

Raab hat seine Geschicke immer selbst gelenkt

Wirklich durchschauen lässt sich Raabs Welt freilich nicht. Der gebürtige Kölner schottet sich jenseits der Mattscheibe erfolgreich ab. Über sein Privatleben ist fast nichts bekannt, außer, dass er zwei Töchter hat und in einer Villa in Köln leben soll. Ähnlich geheimnisumwittert sind auch seine geschäftlichen Aktivitäten.

Raab hat einen eigenen Musikverlag mit Namen Roof Groove und das Plattenlabel Raab Records aufgebaut. An der Produktionsfirma Brainpool ist Raab mit 12,5 Prozent beteiligt. Neben seinen eigenen Sendungen produziert Brainpool Formate wie "Stromberg", "Pastewka" und "Ladykracher". Laut Bundesanzeiger brachte es Brainpool 2008 mit rund 260 Angestellten auf einen Jahresüberschuss von 10,2 Millionen Euro.

Konkrete Auskünfte über die einzelnen Firmen aus Raabs Reich, über Teams, jüngste Gewinne oder über Raabs genaue Funktion in dem Geflecht erhält man auf Anfrage bei Brainpool nicht. Raab, der in der Branche als kreatives Mastermind von Brainpool gilt, gebe über seine beruflichen Aktivitäten nur im persönlichen Gespräch Auskunft, teilt seine Assistentin mit. Interviewtermine seien derzeit aber wegen der Sommerpause leider unmöglich.

Raab lenkt seine Geschicke eben am liebsten selbst.

Schon als er 1993 eher zufällig als Moderator für Viva entdeckt wurde, machte er sich selbst zur Marke - durch angstfreie Dreistigkeit. Raab setzte auf Grenzhumor. Er riss Witze über seine Studiogäste, fragte Passanten auf der Straße nach weihnachtlichem Kopulationsverhalten und ihrem "Christbaumständer" und zuckte dabei nicht mit der Wimper. Nebenbei schrieb sich der Selfmade-Musiker, der als Schüler in Eigenregie Gitarre, Ukulele und Klavier lernte, Gaga-Hits wie "Böörti Böörti Vogts" und "Hier kommt die Maus" auf den Leib.

Raab spielte den Flegel der TV-Branche, rieb den Deutschen ihre Peinlichkeit unter die Nase. Er sprengte die biedere ZDF-Hitparade mit einem schrägen Auftritt im grellen Kostüm, bei dem er den falschen Text sang und Instrumente demolierte. Und als ihn Dieter Thomas Heck zur Goldenen Stimmgabel lud, grinste Raab minutenlang frech in die Kamera, während im Hintergrund sein Playback dudelte.

Auch nach dem Wechsel zu ProSieben setzte Raab mit der Late-Night-Show "TV total" zunächst auf das Prinzip gnadenlos. Randgruppenwitze, unverschämte Fragen an seine Gäste - nichts war tabu. Und mehr als einmal schoss Raab übers Ziel hinaus. Für seine Schmuddel-Witze über die Schülerin Lisa Loch wurden Zehntausende Euro Schadenersatz fällig. Auch eine Mutter ging vor Gericht: Raab hatte ein Foto von ihr mit einer Schultüte gezeigt und gewitzelt: "Unfassbar, oder? Die Dealer tarnen sich immer besser."

"Keine Hühnerhof-Eitelkeiten"

Die Hardcore-Rüpel-Zeiten sind längst passé. Mittlerweile fungiert "TV total" vor allem als Vermarktungsplattform und Versuchslabor für die unzähligen anderen Formate, die Raab im Laufe der Jahre geschaffen hat. Denn ProSieben lässt den umtriebigen Raab mittlerweile einfach machen, wie es scheint. Und Raab macht Quote. Oft gegen jede vermeintliche Fernsehlogik.

Das "TV total Turmspringen" und die "Wok WM", bei der sich die Teilnehmer über Stunden hinweg auf chinesischen Pfannen eine Eisbahn hinunterstürzen, lockten Millionen vor die Bildschirme. Die "TV total Stock Car Crash Challenge" füllte die Arena auf Schalke. Die Sendung "Schlag den Raab" hält die Zuschauer manchmal über fünf Stunden hinweg bei der Stange. Das Format wurde mittlerweile in 16 Länder verkauft. Auch die Autoball-Nummer funktionierte beim ersten Versuch bestens, vor der Europameisterschaft guckten 17,9 Prozent der 14- bis 49-Jährigen bei dem seltsamen Gebolze zu.

Raabs Kunst ist, dass er sich immer wieder neu erfindet. Als die ersten Zeitungen mäkelten, Raab habe das Gaga-TV nun wirklich ausgereizt, plante der schon seine ersten Castingshows, die wider Erwarten bierernst gemeint waren. Plötzlich fand Raab junge Poptalente wie Stefanie Heinzmann - und Lena.

So umstritten Raab in seinen Anfangsjahren war, so hemmungslos wird ihm jetzt gehuldigt. In der Branche wird er als genialer Stratege gefeiert - und als einer der Aufrechten unter den Sternchen-Findern. Raab verzichte im Gegensatz zu anderen Casting-Gurus auf Knebelverträge und pfeife auf die "Bild"-Zeitung, heißt es. Selbst der Unterhaltungskoordinator der alterwürdigen ARD, Thomas Schreiber, gibt sich begeistert von Raab: Die ungewöhnliche Zusammenarbeit mit Brainpool beim Eurovision Song Contest sei "sehr zielorientiert" gewesen: "Da gab es keine Hühnerhof-Eitelkeiten, wie es sonst gelegentlich der Fall ist." Raab sei "Profi in jeder Hinsicht".

Auch bei Mitarbeitern scheint Raab beliebt zu sein. Einer, der früher mit ihm gearbeitet hat, hat den Alt-Comedian "ausnahmslos" als "fairen und sehr respektvollen Chef" erlebt. Raab gilt als diszipliniert und zurückhaltend, sobald die Kameras ausgehen. Als einer, der gern eine gewisse Distanz hält.

Den Erfolg des Phänomens Raab erklärt das alles freilich noch nicht.

"Ich probiers natürlich noch mal"

Es gibt diese eine Szene bei einer der berüchtigten "Schlag den Raab"-Sendungen. Raab und sein Gegner stehen am Start vor einem Mountainbike-Parcours. Es ist die zweite Runde auf der staubigen Piste, fünf Touren soll es insgesamt geben. Raab atmet heftig, die erste Fahrt war schon ein Höllenritt. Trotzdem tritt er, als der Startschuss fällt, sofort wieder hastig in die Pedale. Und da passiert es. Beim ersten Hügel gerät das Rad außer Kontrolle, Raab fliegt in hohem Bogen über den Lenker, landet mit dem Gesicht im Dreck. Das Fahrrad knallt noch einmal mit voller Wucht auf ihn drauf, Raab verliert kurz das Bewusstsein.

Als er aufwacht, wirkt er reichlich orientierungslos, fiese Schrammen überziehen eine Gesichtshälfte. Raab weiß nicht mehr, wie viele Runden schon gelaufen sind und ob er gewonnen oder verloren hat. Trotzdem sagt er: "Ich probier's natürlich noch mal". Steigt mit wackligen Beinen aufs Fahrrad, fährt schwankend eine Proberunde. "Da guckt man dem Kind Stefan zu, das einfach nicht fassen will, dass es aufgeben soll", sagt einer seiner Ex-Mitarbeiter.

Raab hat sich bei seinen Sendungen schon die Nase einschlagen lassen, sich Steißbein und Jochbein gebrochen. Trotzdem sucht er immer neue Herausforderungen. Vielleicht ist ein Teil seines Erfolgs tatsächlich so einfach zu erklären: Er will einfach gewinnen. Immer und immer wieder. "Wettbewerb mag ich immer", sagte er im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Und die Zuschauer wollen sehen, ob er es schafft.

"Moralisch, musikalisch und ethisch keine andere Möglichkeit"

Auch in Sachen Lena hat Raab sofort nach Oslo die nächste Runde eingeläutet. Während die frisch gebackene Schlagerkönigin nach ihrem Sieg ziemlich geplättet schien, gab Raab bei der ersten Pressekonferenz in Deutschland schon die nächste Zielmarke vor: Es gebe "moralisch, musikalisch und ethisch" gar keine andere Möglichkeit, als dass Lena im kommenden Jahr ihren Titel verteidige, erklärte er grinsend.

Musikerkollegen und Fachleute raten dringend davon ab, bei dem Wettbewerb habe noch kein Künstler zweimal hintereinander gewonnen. Alles andere als ein erneuter Sieg schade der jungen Sängerin. Doch Raab scheint bei der Pressekonferenz felsenfest überzeugt von seiner Idee, grinst freudig erregt, witzelt schon über einen "Triple", einen Dreifachsieg seines neuen Sternchens.

Es wäre nicht das erste Mal, dass er wider jede Logik recht behält.

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