Vorsichtiger Börsengang Twitter fürchtet den Facebook-Fluch

In zwei Wochen will Twitter an die Börse. Die Wall Street und das Silicon Valley sind in freudiger Erwartung. Doch der Kurznachrichtendienst peilt eine eher zurückhaltende Premiere an - er hat von den Fehlern seines Rivalen Facebook gelernt.

Twitter-Börsengang: Erlös von bis zu 1,6 Milliarden Euro angepeilt
AFP

Twitter-Börsengang: Erlös von bis zu 1,6 Milliarden Euro angepeilt

Von , New York


Wer erfand Twitter? War es Jack Dorsey, der coole Web-Entwickler, der die Idee zu dem Kurznachrichtendienst auf einem Spielplatz gehabt haben will und 2006 den ersten "Tweet" verschickte? War es Twitters erster Finanzier, Internetwunderkind Evan Williams? Oder sein Arbeitskollege Biz Stone? Oder der Software-Entwickler Noah Glass, Dorseys Freund und Williams' Nachbar?

Richtige Antwort: Alle ein bisschen. Die Gründungslegenden erfolgreicher Ideen sind immer verwickelt, gerade im Silicon Valley. So auch bei Twitter, dessen intrigenreiche Entstehungsgeschichte demnächst im neuen Buch "Hatching Twitter" nachzulesen sein wird: "Bis jetzt", schreibt Tech-Reporter Nick Bilton in einem Vorabauszug im "New York Times Magazine", "wussten nur eine Handvoll Leute, was Twitter wirklich von einem vagen Einfall in ein Multimilliarden-Dollar-Geschäft verwandelt hat."

Doch der Vorhang lüftet sich immer mehr: Am Donnerstag veröffentlichte Twitter die heiß erwarteten Finanzdetails seines Börsengangs, der ebenfalls Anfang Oktober starten soll. Zumindest eines steht damit fest: Twitter fürchtet den Facebook-Fluch - der Börsengang des größeren Rivalen war eine abenteuerliche Pleite.

Fast eineinhalb Jahre ist sie nun her, Facebooks desaströse Börsenpremiere. Nach einer chaotischen PR-Roadshow in den Wochen zuvor, die eher Facebooks Schwächen offenbarte als seine Stärken, stürzte die gehypte Aktie - auch dank einer Pannenserie bei der Tech-Börse Nasdaq - am Anfang steil ab und brauchte 14 Monate, um allein nur wieder auf ihren Ausgabewert zu klettern.

Um nicht in die gleiche Falle zu tappen, macht Twitter - das Schlichtheit zum Prinzip erhoben hat - auch bei seinem Börsenwagnis nun eher auf Understatement. Die Zahlen sind kleiner, die Roadshow ist kürzer, der Handelsplatz ein anderer: die etabliertere New York Stock Exchange.

Butterfahrt für Investoren

Die Vorsicht kommt nicht von ungefähr. Als Twitter seine Börsenpläne im September mit einem Tweet verkündete, blieb das Interesse an der Aktie zunächst gedämpft. "Mehr Kunden fragten uns nach Facebook, als uns jetzt nach Twitter fragen", sagte Dan Veru, der Investmentchef von Palisade Capital Management, dem "Wall Street Journal". Die Zeitung sprach vom "Facebook-Gespenst".

Twitter will zunächst 70 Millionen Aktien zum Wert von 17 bis 20 Dollar ausgeben - billiger also, als es manche Analysten erwartet hatten. Der Börsengang könnte am ersten Tag bis zu 1,6 Milliarden Dollar in Twitters Kassen spülen und dem Konzern einen Marktwert von fast elf Milliarden Dollar geben - mehr als zwölf Milliarden Dollar, wenn man Optionen mitrechnet.

"Das ist konservativ und wird wahrscheinlich noch steigen, wenn sie die Roadshow starten", sagte der Analyst Sam Hamadeh vom Finanzdienstleister PrivCo der Nachrichtenagentur Reuters. Twitters Zurückhaltung sei verständlich: "Es war Facebooks tödlicher Fehler, den Preis wie die Größe anzuheben."

Twitters Roadshow wird die übliche Butterfahrt, bei der die Top-Manager bei Investoren im ganzen Land persönlich für die neue Aktie trommeln. Sie könnte schon am Montag beginnen, allerdings dann auch relativ schnell wieder enden: Der endgültige Ausgabepreis soll in der Woche darauf bekanntgegeben werden, am 6. November. Tags darauf wird der Börsenstart erwartet.

Von Gewinn keine Rede

Wie Facebook kann sich auch Twitter auf harte Fragen gefasst machen. Die zentrale lautet: Wie kann das Social Network auf Dauer Geld verdienen?

Der erst acht Jahre alte Dienst hatte nach eigenen Angaben im dritten Quartal 2013 fast 232 Millionen aktive User im Monat. Trotzdem gewinnt Twitter nicht schnell genug dazu, zumindest im Vergleich zum Giganten Facebook, der inzwischen mit mehr als 1,15 Milliarden Nutzern prahlt.

Auch zieht Twitter viele Prominente an, von US-Präsident Barack Obama bis zum Papst. Doch einer kürzlichen Ipsos-Umfrage zufolge nutzen 36 Prozent aller Twitter-User den Dienst gar nicht. Die zwei Hauptgründe: Nicht genug Freunde auf Twitter und Probleme mit der Handhabung.

Auch die anderen Zahlen machen Sorgen. So verdoppelte Twitter seinen Umsatz im letzten Quartal zwar. Zugleich aber wuchsen die Verluste - von Gewinn kann noch lange keine Rede sein.

Die einzigen, die vorerst verdienen, sind denn auch die Tausendsassas, die sich in der turbulenten Gründungsgeschichte profiliert haben. Mit zwölf Prozent größter Anteilseigner ist Dorsey, der 2008 im Streit ausschied, doch 2011 zurückkehrte und sich schlau absicherte. Ein Aktienpreis von 20 Dollar würde ihn zum Milliardär machen - dem einzigen im Kreise.

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onkendonk 25.10.2013
1. Immer das Gleiche
Mach irgendwas im Internet, warte bis es genug Leute nutzen, und dann hau Werbung rein bis es kracht und verkaufe die Profile deiner Nutzer! Mich persönlich würde es mal interessieren wann der Geldpool dafür erschöpft ist. Wahrscheinlicher ist es allerdings, das sich eine neue Hype bildet und die Werbung dorthin umzieht, das alte Produkt geht ein. So, wie es i.A. FB ergeht. Die Gründer sind dann steinreich, die Banken haben genug Kohle verdient, und der private Investor verliert viel Geld.
pescador 25.10.2013
2.
Zitat von onkendonkMach irgendwas im Internet, warte bis es genug Leute nutzen, und dann hau Werbung rein bis es kracht und verkaufe die Profile deiner Nutzer! Mich persönlich würde es mal interessieren wann der Geldpool dafür erschöpft ist. Wahrscheinlicher ist es allerdings, das sich eine neue Hype bildet und die Werbung dorthin umzieht, das alte Produkt geht ein. So, wie es i.A. FB ergeht. Die Gründer sind dann steinreich, die Banken haben genug Kohle verdient, und der private Investor verliert viel Geld.
Also, ich kann mich als "privater Investor" nicht beklagen. Mit FB habe ich bisher ziemlich gut Geld verdient. Und die Masche wir so lange weitergehen, wie die Nutzer mehrheitlich nicht bereit sind, für Internetdienste Geld zu zahlen.
j.vantast 25.10.2013
3. Twitter und die Zukunft
Ob die Zukunft wirklich einem Dienst gehört der Nachrichten mit max. 140 Zeichen in einem völlig unübersichtlichen, teils schwer lesbaren Format verbreitet? Dieser Dienst sorgt sicher für relativ schnelle Übermittlung von Neuigkeiten, leider aber auch für eine Flut von Müll von Selbstdarstellern (Pocher, Becker etc.). Aber es gibt noch Menschen die etwas anderes zu tun haben als sich täglich von Twitter, Facebook, SMS etc. bombardieren zu lassen. Und der angegebene Wert von Twitter ist doch irrwitzig, aber das ist er bei vielen anderen Unternehmen ja auch.
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