Twitters Börsengang #Hit oder #Hype?

Es ist der Börsengang der Saison: Mit großem Getöse startet Twitter heute in den Handel. Der Ausgabepreis beträgt 26 Dollar pro Aktie - der Kurznachrichtendienst hätte damit einen Wert von 14,4 Milliarden Dollar. Doch nach dem Facebook-Debakel vom vergangenen Jahr ist Skepsis angebracht.
Twitter-Börsengang: Viele offene Fragen

Twitter-Börsengang: Viele offene Fragen

Foto: DPA

Selbst Washington ist im Twitter-Rausch. Dort warnte der Ethikausschuss alle US-Kongressmitglieder davor, sich zu früh zu freuen: Abgeordnete und Senatoren, so das Aufsichtsgremium in einem Memo, genössen keinerlei Insider-Vorteile - sondern müssten warten, wie alle anderen auch, bis die Aktie "der generellen Öffentlichkeit zugänglich" sei.

Also diesen Donnerstag ab 9.30 Uhr Ortszeit (15.30 Uhr MEZ). Dann feiert Twitter an der New York Stock Exchange (NYSE) seine Börsenpremiere. Der heißeste und größte Aktienlaunch eines sozialen Netzwerks seit dem Facebook-Debakel vor eineinhalb Jahren versetzt die Wall Street in helle Aufregung.

Dabei weiß keiner wirklich: Ist das alles wieder nur Hype - oder kann der nicht mal acht Jahre alte Kurznachrichtendienst tatsächlich zum Börsenhit werden?

Twitter selbst ist verhalten optimistisch. Am Mittwochabend legte das Unternehmen den Ausgabepreis fest: 26 Dollar pro Aktie, sechs Dollar über dem anfangs avisierten Wert. Das deutet zumindest auf eine gute Nachfrage hin. Der jetzige Preis würde, bei insgesamt 70 Millionen Aktien, einen Ertrag aus dem Initial Public Offering (IPO) von 2,1 Milliarden Dollar und einen Marktwert des Unternehmens von 14,4 Milliarden Dollar ergeben.

Trotzdem sind die Erwartungen gedämpft. Zu frisch ist noch der Facebook-Schock. Einige Wall-Street-Analysten setzen zwar auf Twitter und adeln die Aktie mit einem Buy-Rating, zumal die Börsen und der IPO-Markt gerade brummen. Doch andere Experten schweigen sich aus.

Klinkenputzen in Manhattan

Wieder andere warnen, um später als weises Orakel dastehen zu können. Aktienguru Jim Cramer beschwor im Wirtschaftssender CNBC die "tödliche Angst vor einem weiteren Facebook-Deal". Auch prophezeite er wilde Spekulationstricks, mit denen versierte Investoren den einfachen Anleger austricksen könnten.

Eine weitere Furcht ist, dass viele erst mal warten, bis die Twitter-Aktie - wie auch die von Facebook - in den Keller rasselt, um dann billig einkaufen zu gehen und später Gewinn zu machen.

Dabei umgarnt Twitters Top-Management die Wall Street schon seit Ende Oktober. Angeführt vom Vorstandsvorsitzenden Dick Costolo und Finanzchef Mike Gupta putzte die Delegation aus San Francisco wochenlang in Manhattan und anderswo die Klinken, um die Banken und Investmentfirmen bei der traditionellen "Roadshow" mit flotten Reden übers mobile Werbegeschäft und interne Wachstumsprognosen zu ködern. "Welcome @twitter to @MorganStanley" flimmerte zur Begrüßung über den News- und Börsenticker der Bank am Times Square.

In einem halbstündigen Begleitvideo präsentierten die Twitter-Väter Evan Williams und Jack Dorsey Meilensteine der kurzen Firmengeschichte - globale Ereignisse, von Twitter erst kommuniziert, dann multipliziert: die Jagd nach den Bostoner Bombenlegern, der Aufstand in Ägypten, Barack Obamas "erster Live-Tweet eines Präsidenten".

Twitter? Was ist das?

Doch präsidiale Tweets allein spülen kein Geld in die Kasse, auch wenn @BarackObama mittlerweile fast 40 Millionen Follower hat. Wie also will Twitter profitabel werden? Bisher macht das Unternehmen nur immer mehr Verluste. Analysten sehen bis 2018 zwar einen sechs- bis siebenfachen Umsatzsprung auf mindestens vier Milliarden Dollar im Jahr. Doch mit 232 Millionen aktiven Nutzern im Monat rangiert Twitter, bei einer schrumpfenden Zuwachsquote, eher an der Untergrenze des Denkbaren.

Auch waren die Gründungsjahre von Twitter turbulent, wie oft in solchen Fällen. Eifersüchteleien, Intrigen und Grabenkämpfe hinter den Kulissen, dieser Tage wieder groß durch die US-Medien getrieben, lassen das Management bis heute nicht besonders verlässlich aussehen.

Co-Erfinder Williams gibt zu, wie ungewohnt solche Geschichten für das hemdsärmelige Twitter-Team sind. "In NYC zu @twitter-Geschäften", vermeldete er an seine 1,7 Millionen Follower. "Komische Woche."

Viele potentielle Anleger bleiben skeptisch. In einer CNBC-Umfrage bezeichnen 52 Prozent der Amerikaner im Alter von 18 bis 34 Jahren - also Twitters Top-Zielgruppe - die Investition als "keine gute Idee". Die Befragung offenbart noch andere Probleme: Nur jeder Fünfte hat ein Twitter-Konto, 29 Prozent davon haben noch nie einen Tweet gesendet. Gerade mal 19 Prozent sehen Twitter "positiv", weit weniger als Facebook (47 Prozent). Nur 35 Prozent erwarten, dass Twitter in fünf Jahren ein "erfolgreicher Konzern" sein wird.

Und neun Prozent haben noch nie von Twitter gehört. Das zumindest dürfte sich jetzt ändern.

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