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07. November 2013, 19:38 Uhr

Wall-Street-Premiere

Twitter feiert furiosen Börsenstart

Von , New York

Twitter entgeht dem Facebook-Fluch. Der Kurznachrichtendienst legt eine spektakuläre und pannenfreie Börsenpremiere hin. Fragen zur Zukunft des Konzerns bleiben aber.

Dick Costolo ist eigentlich ein gelassener Mensch. Doch selbst er ergibt sich dem Rausch des Moments. Ihm ist sichtlich zu warm, während der Fachjargon nur so aus ihm herauspurzelt: "Wachstum", "Strategie", "Kapital". Und schließlich - ein Gefühl: "Ich bin ekstatisch!"

Ekstase, das Wort des Tages an der Wall Street. Gerade hat Costolo, der Vorstandsvorsitzende von Twitter, dessen Börsenpremiere live miterlebt, auf dem historischen Parkett der New York Stock Exchange (NYSE). Und da kann man sich schon leicht mitreißen lassen - von der prickelnden Energie des Saales, der Hektik, dem Gebrüll, Gedränge und Geschiebe.

Ekstatisch verläuft auch die Kurskurve Twitters an diesem Premierentag. Als die ersten Aktien fast eineinhalb Stunden nach Börsenbeginn unter Beifall gehandelt werden, liegen sie mit 45,10 Dollar satte 74 Prozent über dem Ausgabepreis von 26 Dollar - und weit über den Erwartungen der hauptberuflichen Kaffeesatzleser.

Allein in der ersten halben Stunde wechseln mehr als 57 Millionen Twitter-Aktien den Besitzer, ein NYSE-Tagesrekord. Twitters Marktwert explodierte auf mehr als 28 Milliarden Dollar. Boom oder Blase? Schon gibt es das erste Downgrade: "Twitter ist einfach zu teuer", schreibt der Analyst Brian Wieser (Pivotal Research) und empfiehlt seinen Kunden: "Sell."

Ein paar glückliche Banken

Alles ist anders als vor eineinhalb Jahren. Damals, als sich Twitter-Rivale Facebook bei seinem Börsengang auf die Nase legte. Facebook debütierte fernab der Wall Street, an der komplett elektronischen Tech-Börse Nasdaq am Times Square, die den Start mit peinlichen Computerpannen verpatzte. Auch deshalb wählte Twitter lieber die NYSE - älter, erfahrener, sicherer.

Dort entfaltet sich die Wandlung des Silicon-Valley-Kids zum milliardenschweren Wall-Street-Kraftpaket. Ein schräger Widerspruch zwischen Tradition und Zukunft: Twitter, Symbol des virtuellen Daseins, als Star auf einem der ältesten noch existierenden Börsenparketts der Welt - bejubelt von Tradern, deren Jobs bald von der Elektronik obsolet gemacht werden dürften.

Doch solch existentielle Gedanken zählen erst mal nicht. Es geht um Geld, viel Geld - für Twitters Gründerväter und ein paar glückliche Banken.

Weshalb sich die NYSE ordentlich herausgeputzt hat. Draußen verhüllt ein gigantischer Vogel, das Twitter-Logo, die Börsenfassade. Drinnen haben Helfer überall blaue Twitter-Plakate aufgehängt und das Parkett mit dem Tickersymbol des Neuzugangs besprüht: "TWTR - Listed - NYSE".

Drinnen im Saal, dieser Tage sonst manchmal halbleer, ist kaum Platz. Trader, Händler und Reporter drängeln sich, alle sagen, dass sie so einen Andrang lange nicht mehr erlebt hätten. "Dies ist ein großer Gewinn für die Exchange", sagt Broker Ryan O'Day der "New York Times".

"Wir alle sind sehr stolz"

Und so nehmen eingespielte Rituale ihren Lauf. Alle 80 Millionen Twitter-Aktien, die nun im Umlauf sind, wurden schon am Vorabend verkauft, an Banken, Fonds, Investmentfirmen. Die bezahlten dafür den aufgrund der Nachfrage gesetzten Ausgabepreis von 26 Dollar - und machen nun Kasse, indem sie sie mit kräftigem Aufschlag weiterverkaufen können.

Kurz vor Handelsbeginn führt NYSE-Chef Duncan Niederauer die Twitter-Delegation aufs Parkett: Costolo, gefolgt vom Twitter-Gründertrio Jack Dorsey, Evan Williams und Biz Stone. Die Eröffnungsglocke läuten aber andere. "Twitter verdankt den Erfolg seinen Nutzern", erklärt das Unternehmen - und schickt drei Twitter-User auf den Balkon über dem Saal: Schauspieler Patrick Stewart ("X-Men"), Cheryl Fiandaca, Pressechefin der Bostoner Polizei, und ein neunjähriges Mädchen namens Vivienne Harr.

Alle drei haben Twitter auf ureigene Weise instrumentalisiert: Stewart wirbt via Twitter für wohltätige Zwecke, Fiandaca nutzte den Dienst bei der Jagd nach den Bostoner Bombenlegern vom April - und Harr betrieb einen Limonadenstand, dessen Erlöse sie via Twitter dem Kampf gegen Kinderarbeit zuführte.

"Wir alle sind sehr stolz auf die Firma", sagt Costolo, als er sich, immer noch schwitzend, in die NYSE-Studiokabine des Wirtschaftssenders CNBC bemüht, um ins Kreuzverhör von gleich drei aufgekratzten Moderatoren zu geraten. "Aber wir haben noch viel Arbeit vor uns."

Denn viele Zweifel bleiben: Wie und wann wird Twitter endlich profitabel? Wie kann es die nur schleppend wachsende Zahl seiner Nutzer weltweit ankurbeln? Wie geht es überhaupt weiter?

Fest steht, dass Costolo und seine Kollegen an diesem Tag sehr reich werden. Aufgrund seiner Aktienanteile verdient Costolo auf dem Papier 253 Millionen Dollar - und Williams sogar 2,6 Milliarden Dollar.

Ach ja, drüben an der Nasdaq gibt es an diesem Tag auch eine Premiere. Das texanische Immobilienunternehmen LGI Homes wagt sich in den Handel: "Wir gehen an die Börse!!!", jubelt es - auf Twitter natürlich.

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