Rücktritt von Dick Costolo Die drei Probleme des neuen Twitter-Chefs

Twitter hat 300 Millionen Kunden, macht einen Umsatz von 1,4 Milliarden Dollar - und schreibt tiefrote Zahlen. Dem Nachfolger des zurückgetretenen Vorstandschefs Dick Costolo muss die Wende gelingen.

Twitter-Logo an der Wall Street: "Wir suchen jemanden, der das Produkt wirklich liebt"
REUTERS

Twitter-Logo an der Wall Street: "Wir suchen jemanden, der das Produkt wirklich liebt"

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Dick Costolo gab sich gelassen: "Der Vorstand und ich sind uns völlig einig. Ich mache mir überhaupt keine Sorgen", antwortete der Twitter-Chef vor zwei Wochen auf die Frage, ob er Ende des Jahres noch auf seinem Posten sitze. Nun ist Costolo zurückgetreten.

Zum 1. Juli übernimmt Jack Dorsey übergangsweise den Chefjob. Er hatte Twitter im März 2006 gemeinsam mit Biz Stone und Evan Williams gegründet, bis 2008 war er schon einmal CEO. Damals musste er wegen mangelnder Managementfähigkeiten zurücktreten. Auch deshalb betont Dorsey nun offenbar, er denke "überhaupt nicht" daran, das Unternehmen dauerhaft zu führen.

Stattdessen will Twitter nun sorgfältig nach einem neuen Vorstandschef suchen. Dafür kämen sowohl interne als auch externe Kandidaten infrage. "Wir suchen jemanden, der das Produkt wirklich liebt", sagte Dorsey.

Doch mit Liebe allein wird der neue Chef Twitter kaum voranbringen. Die Probleme des Unternehmens sind gewaltig. Die drei größten Baustellen: Rendite, Reichweite und Innovation:

1. Twitter schreibt rote Zahlen

Zwar steigert das Unternehmen kontinuierlich seinen Umsatz - zuletzt von 665 Millionen Dollar 2013 auf 1,4 Milliarden 2014. Dennoch schreibt Twitter hohe Verluste: 2013 waren es 645 Millionen Dollar Miese, im vergangenen Jahr 578 Millionen Dollar.

Auch die Zahlen für das erste Quartal 2015 enttäuschten: Zwar stieg der Umsatz im Jahresvergleich um 74 Prozent auf 436 Millionen Dollar. Unterm Strich blieben jedoch 162,4 Millionen Dollar Verlust.

Das wäre bei einem Marktführer in einem aufstrebendem neuen Segment verkraftbar, wenn zumindest die Reichweite angemessen steigen würde. Doch obwohl Twitter Hunderte Millionen Dollar für Werbung und Marktforschung ausgibt, um mehr über seine User herauszufinden, schwächelt das Unternehmen auch hier.

2. Twitter wächst zu langsam

2012 gewann Twitter 66 Millionen User hinzu. Das entsprach einer Wachstumsrate von fast 50 Prozent. Seither verlangsamt sich das Wachstum kontinuierlich: 2013 kamen 51 Millionen User hinzu (25 Prozent), im Vorjahr waren es nur noch 47 Millionen neue User (18 Prozent Wachstum). Im ersten Quartal 2015 zählte Twitter 302 Millionen aktive Nutzer.

Diese Werte lassen es äußerst unwahrscheinlich erscheinen, dass Twitter jemals Facebook Chart zeigen einholen wird, das mehr als 1,4 Milliarden User hat. Ende 2014 wurde Twitter sogar von der Fotoplattform Instagram überholt. Und wenn sich die Nutzerzahlen wie bislang entwickeln, dürfte noch in diesem Jahr der Messaging-Dienst Snapchat an Twitter vorbeiziehen.

Twitter habe seinen Nutzer nie wirklich einen Grund gegeben zurückzukehren, sagte Nate Elliott von der Beraterfirma Forrester Research. Während andere Dienste neue Funktionen einführten, sei Twitter praktisch auf der Stelle getreten. "Das Ergebnis war ein unsäglich langsames Nutzerwachstum."

3. Twitter ist unattraktiv für Gelegenheitsnutzer

Tatsächlich hält Twitter an dem Prinzip fest, alle Tweets in chronologischer Reihenfolge anzuzeigen. Wenn User nur einmal am Tag in ihre Timeline schauen, sehen sie dort, was in den vergangenen Minuten Wichtiges passiert ist. Einen Tweet, den ein Freund Stunden zuvor abgesetzt hat, ist dann nicht präsent. Facebook arbeitet hingegen mit einem Algorithmus, der den Nutzern die wichtigsten Posts anzeigen soll, die seit dem letzten Aufrufen der Seite veröffentlicht wurden - ganz egal, ob der Eintrag vor fünf Minuten, fünf Stunden oder fünf Tagen gepostet wurde.

Bislang bietet Twitter nur für die iPhone-App die Funktion "While you were away", die eine Zusammenfassung der populärsten Tweets bietet. Twitter droht deshalb zu einem Nischenprodukt zu werden, das sich an User richtet, die permanent am Computer sitzen oder das Smartphone zur Hand nehmen. Facebook ist dagegen für jeden interessant, der darüber auf dem Laufenden bleiben will, was Freunde und Familie so machen.

Die Aktien von Twitter werden seit 2013 an der Börse gehandelt. Seitdem steht das Unternehmen beständig unter Druck, die Erwartungen der Wall Street zu erfüllen. Twitter ist derzeit zwar 23 Milliarden US-Dollar wert. Doch diese Zahl ist vor allem von der Hoffnung getrieben, dass das Unternehmen ein Geschäftsmodell entwickelt, das in nicht allzu ferner Zukunft Gewinner abwirft.

Die Wall Street scheint nach Costolos Rücktritt jedenfalls Hoffnung zu schöpfen: Der Aktienwert stieg nach der Bekanntgabe um mehr als drei Prozent. Die Investoren gehen also davon aus, dass Twitter ohne Costolo 900 Millionen Dollar mehr wert ist als mit ihm.



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
mowlwrf 12.06.2015
1.
Ich muss gestehen das ich noch nie Twitter genutzt habe. Auch Facebook nicht. Bin ich schuld wenn die keine Gewinne machen? Ich schäme mich.
tommit 12.06.2015
2. Dem Bla muss die Wende gelingen
der Markt verlangt es... Der Markt kümmert sich einen Kehrricht, er zieht weiter .. Das Zeitalter Erfindung frisst Erfinder 4.0 hat begonnen.. Tiefrote Zahlen? Hat der Vorgänger ein tiefrotes Konto`? Nein? Dann ist doch alles i.O.
gojko 12.06.2015
3. wundert mich nicht
Schon als Facebook aufkam, habe ich mich gefragt, was das bringt und wie man seine Zeit damit verbringen kann, seine Stasi-Akte selbst anzulegen und regelmäßig zu aktualisieren. Twitter geht da noch einen Schritt weiter - jetzt kann man minütlich sein verbales Rauschen in den Äther pusten. Mag ja für Journalisten ganz praktisch sein, die brauchen dann nicht mehr vom Schreibtisch aufstehen um den neuesten Klatsch zu erfahren.
Americanet 12.06.2015
4.
"While you were away" bekomme ich schon seit einiger Zeit auch auf dem Laptop angezeigt. Andere Änderungen gab es zuletzt auch, etwa das leichtere Einbinden von Fotos und Vines. Im Übrigen ist ein Vergleich der Timeline-Funktionen mit der von Facebook unsinnig - Twitter lebt von seiner viel höheren Aktualität. Es muss nur endlich den Punkt finden, daraus auch Gewinn zu erzielen
Bueckstueck 12.06.2015
5. Tjo
Wir suchen jemanden, der das Produkt wirklich liebt", sagte Dorsey. Am besten jemanden der "das Produkt" auch beim Namen nennen kann... Ansonsten: SPON, vielleicht mal aufhören twitter mit facebook mit instagram mit snapchat zu vergleichen - das sind alles unterschiedliche Dienste die sich ergönzen können. Oder je nach Präferenz halt für den user alleine ausreichen um mit der Sippe zu kommunizieren.
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