SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

09. Januar 2017, 12:51 Uhr

Echtzeit-Daten

Uber will Staus abschaffen

Von

Der Fahrtenvermittler Uber hat einen Dienst gestartet, der detaillierte Daten über Verkehrsflüsse liefern soll. Staus in urbanen Ballungsgebieten sollen so vermieden werden.

Höher, enger, dichter: Immer mehr Menschen zieht es in die Städte. Dadurch wird nicht nur der Wohnraum knapp, sondern auch der Platz auf den Straßen. Taxischreck Uber bietet nun eine Lösung für dieses Problem an. Auf einer neuen Website namens Movement will der Dienst aus San Francisco Informationen zum Verkehrsfluss auf den Straßen bereitstellen.

Gesammelt werden die Daten während der Fahrt - also überall dort, wo Uber-Autos unterwegs sind. Für Städteplaner und andere Interessierte könnte Movement ein Hilfsmittel werden, um Verkehrsflüsse zu optimieren. Googles Kartendienst Waze bietet bereits seit 2015 einen ähnlichen Service an, der unter anderem an Lösungen für ein staufreies Los Angeles arbeitet.

Projekte wie die von Uber und Waze sind erste Versuche, auf einem vielversprechenden Zukunftsmarkt Fuß zu fassen. Autokonzerne treibt die Vision eines sogenannten Reality Index um - also die Version, möglichst viele Informationen über die Welt in Echtzeit zu erfassen.

Bereits jetzt nutzen Apps wie Moovel die GPS-Sensoren von Millionen Smartphones, um die genauen Ankunftszeiten von öffentlichen Verkehrsmitteln in Echtzeit an ihre Nutzer weiterzugeben. Künftig sollen moderne, teils mit Tausenden Sensoren ausgestattete Autos noch ganz andere Echtzeit-Daten sammeln.

Die flächendeckende Erfassung von freien Parkplätzen, Staus oder Schlaglöchern sind nur die naheliegenden Ideen. Sensoren in Scheibenwischern könnten beispielsweise auch Wetterdaten in weit höherer Auflösungsdichte erfassen als entsprechende Stationen. Krankenwagen sollen dank der Datenströme schneller zu Unfallstellen gelangen, in Rio wurden die Routen von Müllautos optimiert. Echtzeit-Erfassungen sind zudem eine wichtige Grundlage für autonomes Fahren.

Die Daten der Autos und Smartphones lassen sich miteinander kombinieren. Finales Ziel sei eine "Live-Repräsentation der Welt", werbetextete Audi-Chef Rupert Stadler bereits Ende 2015. Die Entwicklung eines Reality Index bewegte Audi, BMW und Daimler auch dazu, den Kartendienst Here zu kaufen und ihn nun gemeinsam mit dem IT-Riesen Intel kräftig auszubauen.

Uber will, wie sich nun zeigt, in diesem Zukunftsmarkt ebenfalls mitmischen. Neben den Echtzeit- will der Dienst auch Langzeitdaten erfassen, die Städteplanern unter anderem helfen sollen, zu entscheiden, wo der Bau neuer Straßen besonders sinnvoll ist.

Datenschutzbedenken will der Fahrtenvermittler von vorneherein ausräumen: Alle auf Movement verwendeten Angaben seien anonymisiert, teilt das Unternehmen mit. Geld wolle man mit dem Dienst zumindest vorerst nicht verdienen. Der Zugang zu den Daten sei kostenlos.

Indirekt könnte Uber aber gleich doppelt von seinem neuen Ableger profitieren: Denn erstens bedeuten staufreie Städte mehr Wachstumschancen für den Fahrtenvermittler. Zweitens dürfte ein solcher Beitrag fürs Gemeinwohl die Beziehung zu den Stadtverwaltungen verbessern, gegen die der Fahrtenvermittler aufgrund seiner als gesetzeswidrig kritisierten Geschäftspolitik oft vor Gericht kämpft.

Manche Verwaltungen dürften jedoch auch nicht ganz freiwillig mit Firmen wie Waze oder Uber kooperieren. Denn die neuen Dienste dürften die Städte in jedem Fall verändern - egal, ob die Behörden mit ihnen zusammenarbeiten oder nicht.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung