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Public Eye Award 2011: Schmäh-Preis für Konzerne

Foto: Alessandro Della Bella/ picture alliance / dpa

"Übelstes Unternehmen des Jahres" Konzernkritiker verleihen Schmäh-Preis

Diesen Preis nimmt keiner gern in Empfang: Globalisierungskritiker küren in Davos das "übelste Unternehmen des Jahres", auf der Kandidatenliste stehen Namen wie BP und Philipp Morris. Für zusätzlichen Druck sorgt OpenLeaks-Gründer Domscheit-Berg - er will Geheiminfos über Firmen veröffentlichen.
Von Hannes Koch

Berlin - Es ist ein ambitioniertes Vorhaben: Globalisierungskritiker wollen der Managere-Elite beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Show stehlen. Dafür wollen sie einen Negativ-Preis verleihen - und zwar an das "übelste Unternehmen des Jahres".

Die Umgebung könnte unpassender kaum sein: In dem noblen Schweizer Skiort versammelt sich in dieser Woche die Crème de la Crème aus Politik und Wirtschaft. Genau dieses Ambiente wollen die Alternativ-Aktivisten für ihr Anliegen nutzen - und auf ungerechte und umweltschädliche Praktiken in großen Konzernen hinweisen.

Verliehen wird der Schmäh-Preis ("Public Eye Award") an diesem Freitag, bis dahin läuft noch die Abstimmung im Internet . Auf dem Spitzenplatz steht zurzeit der finnische Bio-Diesel-Hersteller Neste Oil, dem die Kritiker vorwerfen, Palmöl aus sozial und ökologisch schädlicher Produktion in Indonesien und Malaysia zu verkaufen (siehe Fotostrecke).

Hinter Neste Oil folgt im bisherigen Ranking der Ölkonzern BP, dessen Bohrinsel Deepwater Horizon 2010 im Golf von Mexiko versank und die schlimmste Ölpest in der US-Geschichte verursachte. Auf Platz drei der Internetabstimmung steht momentan das Tabakunternehmen Philipp Morris, das "gegen Nichtraucherschutzgesetze in Uruguay klagt und damit den staatlichen Gesundheitsschutz unterminiert", wie die Organisatoren erklären. Weitere Kandidaten für den Schmäh-Preis sind der südafrikanische Bergbaukonzern AngloGold Ashanti, das Schweizer Energieunternehmen Axpo und der iPhone-Produzent Foxconn.

Den Public Eye Award verleihen die Schweizer Organisationen "Erklärung von Bern" und Greenpeace. "Wir üben Druck auf besonders unverantwortliche Unternehmen aus, damit diese ihre menschen- und umweltverachtenden Geschäftspraktiken einstellen", sagte Sprecher Oliver Classen.

Zerstört Neste Oil natürliche Kohlenstoffspeicher?

Die Anschuldigungen gegen Neste Oil, einen der größten Produzenten von Agrartreibstoff weltweit, hat die holländische Organisation Friends of the Earth eingereicht. Einer der Hauptlieferanten von Neste Oil sei "verwickelt in illegalen Holzeinschlag, Brandrodungen und Vernichtung von Orang-Utan-Gebieten", unter anderem in Indonesien, erklären die Kritiker. Durch die Abholzung von Tropenwäldern und die schnelle Ausdehnung der Palmöl-Plantagen würden die natürlichen Kohlenstoffspeicher zerstört, das Klima geschädigt, der Boden mit Chemikalien verseucht, angestammte Bauern von ihrem Land verdrängt und die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben.

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Davos: Hier trifft sich die Elite

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Neste Oil weist die Vorwürfe zurück. Man verwende nur nachhaltig produziertes Palmöl von zertifizierten Herstellern. "Neste Oil unterstützt den Naturschutz und wendet sich gegen die Abholzung von Regenwäldern." Die Firma sei im Dow Jones Sustainability World Index gelistet, einem Aktienindex mit ökologisch vorbildlichen Unternehmen, sagt Sprecherin Hanna Maula. Auf die konkreten Vorwürfe, die den Lieferanten betreffen, geht Neste Oil auch auf Anfrage nicht ein.

Dem bislang zweitplazierten Kandidaten BP wirft Public Eye vor, im Frühjahr 2010 "die zweitgrößte Ölkatastrophe aller Zeiten" verursacht zu haben - "nur Saddam Husseins Abfackeln der kuwaitischen Ölfelder 1991 war noch verheerender". Über Jahrzehnte werde "die gesamte Nahrungskette" im Golf von Mexiko beeinträchtigt, "unter Wasser treibende Öl- und Gaswolken werden riesige Zonen des Ozeans abtöten". Trotz dieser "katastrophalen Erfahrungen" würde BP "hochriskante Ölfördertechniken wie Tiefseebohrungen" weiter ausbauen. Die BP-Pressestelle will die Vorwürfe auf Anfrage nicht kommentieren.

"Wir fühlen uns zu Nachhaltigkeit verpflichtet"

Der gegenwärtig drittplatzierte Kandidat, Philipp Morris, setzt sich intensiv mit den Vorwürfen der Public-Eye-Award-Organisatoren auseinander. Auf Anfrage erklärt das Tabakunternehmen, uruguayische Gesetze zum Nichtraucherschutz nicht in Frage zu stellen.

Die Nichtregierungsorganisation Wacam aus Ghana schlug AngloGold Ashanti für den Schmäh-Preis vor, weil der Bergbaukonzern mit Zyanid-Abfällen aus seiner ghanaischen Goldproduktion "Flüsse und Brunnen" vergifte. Auf Anfrage erklärt AngloGold-Sprecher Alan Fine, das Unternehmen habe inzwischen große Summen investiert, um "die sozialen und ökologischen Altlasten zu beseitigen".

Der Schweizer Energiekonzern Axpo wurde nominiert, weil er nach Angaben der Kritiker seine Atomkraftwerke unter anderem mit "Uran aus der russischen Wiederaufbereitungsanlage Mayak" betreibt. "Mayak gilt neben Tschernobyl als verstrahltester Ort der Welt". In einer Stellungnahme äußert ein Axpo-Sprecher "Befremden" über die Nominierung. Axpo fühle sich zu "Transparenz und Nachhaltigkeit verpflichtet". Zum konkreten Vorwurf sagt der Sprecher, man versuche seit einiger Zeit zu klären, ob in Mayak Grenzwerte nicht eingehalten würden.

Dem sechsten Unternehmen auf der Liste, dem taiwanesischen Elektronikkonzern Foxconn, legt die Hongkonger Arbeiterrechtsorganisation Sacom zur Last, Arbeiter in China so auszubeuten, dass sich im vergangenen Jahr "mindestens 18 das Leben" genommen hätten. Dazu sagt ein Foxconn-Sprecher, man nehme "seine Verantwortung für die Beschäftigten sehr ernst".

Der Negativ-Preis soll Transparenz herbeiführen

Unterstützung erhält der Public Eye Award dagegen von anderen konzernkritischen Organisationen. "Der Negativ-Preis ist ein Mittel, um die Unternehmen zu Transparenz zu motivieren", sagt OpenLeaks-Mitgründer Daniel Domscheit-Berg. Der Internetexperte hatte die Enthüllungsplattform WikiLeaks im Streit mit deren Gründer Julian Assange verlassen. Nun will er eine eigene Plattform - OpenLeaks - ins Leben rufen.

Details dieses Projekts will Domscheit-Berg bei der Preisverleihung des Public Eye Award in Davos präsentieren. Den Probebetrieb soll OpenLeaks dann frühestens Ende Februar aufnehmen. Domscheit-Berg kündigte an, "dass mit Hilfe von OpenLeaks und seinen Partnern mehr geheime Informationen aus Unternehmen an die Öffentlichkeit gelangen" würden als bei WikiLeaks. OpenLeaks werde enger mit Organisationen zusammenarbeiten, die sich beispielsweise mit Korruption oder Steuerflucht beschäftigten.

OpenLeaks soll Tippgebern, sogenannten Whistleblowern, ermöglichen, verborgene Informationen aus Wirtschaft und Politik bekanntzumachen. "Viele Unternehmen haben einen großen Nachholbedarf, was die Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards angeht", sagt Domscheit-Berg. "Damit die Verbraucher ihre Kaufentscheidungen treffen können, brauchen sie etwa Informationen über die Arbeitsbedingungen in der globalen Textilindustrie." Sowohl Public Eye als auch OpenLeaks würden der Öffentlichkeit solche Hinweise zur Verfügung zu stellen.

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