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07. Januar 2015, 04:52 Uhr

Überwachung in der Wirtschaft

Das ist ein freies Land - nur nicht am Arbeitsplatz

Ein Kommentar von

Daimler will seine 280.000 Mitarbeiter durchleuchten - zur Terrorbekämpfung. Doch das Überwachen hat System in der Wirtschaft. Man will alles wissen, um seine Mitarbeiter einzuschüchtern und bei Bedarf loszuwerden.

Marina Fischer aus der Nähe von Fürstenwalde hat ihre Geschichte über ihr Leben als Leiharbeiterin der "taz" erzählt. Moritz Klein gab über seine missglückte Karriere bei der Modekette Hollister der "Welt" Auskunft. Und Jochen Lietz stand über seinen abstrusen Berufsalltag als Investmentbanker bei der Deutschen Bank der "Süddeutschen Zeitung" Rede und Antwort.

Drei Branchen, drei Leben, drei falsche Namen.

Dass alle drei Protagonisten in den Artikeln unter Pseudonym auftraten, ist rational und einleuchtend. Auch für die vielen anderen Menschen, die täglich irgendwo in Medien auftauchen mit verändertem Namen, veränderter Stimme oder nur von hinten fotografiert, bringt man in jedem Einzelfall Verständnis auf.

Doch dahinter steckt ein System. Die Flucht in die Anonymität ist Ausweis dafür, wie eine Vielzahl von Arbeitnehmern inzwischen arbeiten muss - in einem Klima der Angst. Diese Angst hat der Autokonzern Daimler Anfang der Woche weiter befeuert. Mit der Ankündigung, die Firma wolle seine 280.000 Mitarbeiter alle drei Monate mit Terrorlisten abgleichen, zerstört sie die Basis einer intakten Beziehung zwischen Mitarbeiter und Unternehmen: Vertrauen.

Umso dämlicher, dass der Betriebsrat laut "Hurra" ruft

Die Argumentation Daimlers, man komme lediglich gesetzlichen Vorgaben nach, ist äußerst dünn. Kein Gesetz zwingt ein Unternehmen dazu, Daten von Mitarbeitern (und Bewerbern) zu erheben und sie mit Terrorlisten abzugleichen. Umso dämlicher ist es, dass der Daimler-Betriebsrat bei der Aktion auch noch laut "Hurra" ruft.

Daimlers Aktion wird viel auslösen, nur keinen Terror verhindern. Die Überwachungsparanoia wird bewirken, dass sich die Daimler-Mitarbeiter anpassen, sich weniger trauen und nur noch nach Vorgaben funktionieren. Und sie wird die Folge haben, dass Mitarbeitern subkutan das Gefühl gegeben wird: Wir wissen Bescheid über dich. Deutschland bildet sich mächtig was darauf ein, ein freies und pluralistisches Land zu sein, in dem jeder seine Meinung sagen darf. Das mag für die Politik gelten, für die Wahl des Urlaubsortes oder das Fernsehprogramm. Für einen Ort gilt es definitiv nicht: den Arbeitsplatz. Dort sollte man möglichst konform zur Firmen-PR auftreten.

Konditioniert auf Anpassung aus Angst

Die Gesellschaft hat sich an diesen Zustand gewöhnt, sie duldet ihn, scheint ihn sogar zu akzeptieren, ist konditioniert auf Anpassung aus Angst. Angst vor Schikanen durch den Vorgesetzten. Konfrontation darf nicht sein im Betrieb, der offene Diskurs darüber, was richtig und was falsch ist, ist verpönt. Wie kann es sonst sein, dass selbst ein Betriebsrat in einem Apple-Store in München sich nicht traut, offen über seine Arbeit zu sprechen? Unternehmen leben inzwischen ganz offen eine Kultur des Misstrauens, die schädlich ist. Schädlich für sie selbst, aber auch schädlich für die Arbeitnehmer.

Unternehmen tun gut daran, sich auch an unbequemen Mitarbeitern zu reiben, mit ihnen um Lösungen zu ringen. Stattdessen alle unter Generalverdacht zu stellen, sie zu überwachen und Akten zu führen, ist einer freien und sozialen Marktwirtschaft unwürdig.

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