Weltwirtschaft in Mitleidenschaft Rund hundert Handelsschiffe sitzen in Kriegsregion fest

Selbst Tage nach Ausbruch des Krieges befinden sich noch zahlreiche Handelsschiffe im Schwarzen und im Asowschen Meer – darunter auch deutsche. Ein Entkommen aus den womöglich verminten Gewässern scheint unmöglich.
Hafen von Sewastopol auf der von Russland besetzten Krim: Ukrainer und Russen stellen 14,5 Prozent aller Seeleute weltweit

Hafen von Sewastopol auf der von Russland besetzten Krim: Ukrainer und Russen stellen 14,5 Prozent aller Seeleute weltweit

Foto: Planet Labs PBC / dpa

In Häfen in der Kriegsregion zwischen der Ukraine und Russland sitzen nach Angaben der Eigner etwa hundert Schiffe fest. Darunter seien mehrere deutsche Frachter, sagte ein Sprecher des Verbands Deutscher Reeder (VDR).

»Ablegen ist unmöglich, es gibt keine Schlepper. Das Seegebiet ist wahrscheinlich vermint«, sagte er. Das Schwarze Meer und das Asowsche Meer seien zu Kriegsgebieten erklärt worden. Der Reederverband fordert, dass alle Schiffe mit ihren Besatzungen die Region verlassen dürfen. »Russland muss die Freiheit der Schifffahrt respektieren. Unbeteiligte Handelsschiffe dürfen nicht angegriffen werden«, sagte Verbandschefin Gaby Bornheim bei einer Pressekonferenz zur Lage der Branche.

»Wir fordern, dass alle Schiffe mit ihren Crews die Konfliktzone unbeschadet verlassen dürfen«, sagte Bornheim. »Russland muss die Freiheit der Schifffahrt respektieren. Unbeteiligte Handelsschiffe dürfen nicht angegriffen werden.« Die Reederpräsidentin appellierte an die Kriegsparteien, »sicherzustellen, dass – neben der ukrainischen Bevölkerung – die Männer und Frauen an Bord, gleich welcher Nationalität, nicht zu Opfern in diesem Krieg werden«.

Warenverkehr nach Russland nahezu eingestellt

Der Hamburger Hafen- und Logistikkonzern HHLA unterrichtete seine Kunden unterdessen darüber, dass er wegen der EU-Sanktionen keine Container annimmt, die aus Russland kommen oder dorthin gehen sollen. Das gelte auch für Ladung, die mit der Bahn, dem Binnenschiff oder Lkw transportiert werde. Das Unternehmen folge damit dem Beispiel von Terminalbetreibern in anderen europäischen Häfen.

Hintergrund ist, dass in Rotterdam und Antwerpen keine Container von und nach Russland mehr abgefertigt werden. Schiffe müssen sich also einen anderen Hafen suchen, um ihre Container loszuwerden. Mit ihrem Schritt will die HHLA verhindern, dass der durch die Verwerfungen in der Schifffahrt ohnehin knappe Stellplatz noch weiter verringert wird.

Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) hatte am Dienstag angekündigt, alle Warentransporte aus dem Hamburger Hafen nach Russland seien wegen der aktuellen Sanktionen nur noch mit Einzelgenehmigungen des Zolls erlaubt. Die »automatische Überlassung von Waren nach Russland« sei gestoppt worden. Lieferungen müssten folglich einzeln bei den Behörden beantragt werden.

Tausende russische und ukrainische Seefahrer in deutscher Handelsflotte

Große Reedereien wie Maersk und Hapag-Lloyd nehmen unterdessen keine Buchungen für Ladung von und nach Russland mehr an. Aber: Soweit das unter den bestehenden Sanktionen möglich sei, werde zurzeit noch gebuchte Ladung nach Russland gefahren, so ein Sprecher einer Hamburger Reederei. Das betreffe vor allem Lebensmittel.

Ukrainische und russische Seeleute stellen laut VDR auch auf den Schiffen der deutschen Handelsflotte einen wichtigen Teil der Besatzungen. »Geschätzt insgesamt etwa 5000 Seefahrer aus beiden Ländern leisten ihren Dienst an Bord, aktuell teilweise auch an Bord desselben Schiffs«, berichtet der Verband. Bisher verlaufe dies friedlich.

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»Es ist ein professionelles Zusammenarbeiten«, sagte Bornheim, im Hauptberuf Mitglied der Geschäftsführung bei der familiengeführten Hamburger Reederei Peter Döhle. Weltweit stellen laut VDR Crewmitglieder aus beiden Nationen insgesamt 14,5 Prozent aller 1,89 Millionen Seeleute. Knapp 200.000 seien Russen und 76.000 Ukrainer.

Für den Umgang mit Schiffen unter russischer Flagge gibt es nach Branchenangaben noch keine Regelung. Der VDR-Sprecher sagte, dies müsse von den EU-Mitgliedstaaten geregelt werden. »Die EU kann nicht beschließen, dass Häfen nicht angefahren werden.«

Großbritannien hat bereits seine Häfen für russische Schiffe gesperrt.

apr/Reuters/dpa
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