Energiekrise Selenskyj will EU-Staaten mit Atomstrom helfen

Seit Wochen liefert die Ukraine ihren Atomstrom auch in die EU. Wegen befürchteter Energieengpässe in Europa hat Präsident Selenskyj höhere Exporte angekündigt.
Kernkraftwerk Chmelnyzkyj im Westen der Ukraine: Soll helfen, dem »russischen Energiedruck zu widerstehen«

Kernkraftwerk Chmelnyzkyj im Westen der Ukraine: Soll helfen, dem »russischen Energiedruck zu widerstehen«

Foto: Valeriy Solovyev / AFP

Europa sucht händeringend neue Energiequellen, um sich von der Abhängigkeit von Russland zu befreien. Ausgerechnet Atomstrom aus der Ukraine könnte dabei die Lage entschärfen: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat der EU nun eine umfassende Unterstützung mit Strom aus seinem Land angeboten.

»Wir bereiten uns auf die Erhöhung unseres Stromexports für die Verbraucher in der Europäischen Union vor«, sagte der Staatschef am Mittwochabend in Kiew in einer Videobotschaft .

Nachdem die Ukraine im März an das europäische Stromnetz angeschlossen worden war, hat das Land vor wenigen Wochen damit begonnen, Strom in die EU zu exportieren. »Ukrainischer Strom kann einen bedeutenden Teil des von den Europäern verbrauchten russischen Gases ersetzen«, sagte Selenskyj damals. »Es geht nicht nur um Exporteinnahmen für uns, es ist eine Frage der Sicherheit für ganz Europa.« Ein großer Teil des in der Ukraine produzierten Stroms stammt aus Kernenergie.

Potenziell bis zu 2,5 Gigawatt aus der Ukraine

»Unser Export erlaubt es uns nicht nur, Devisen einzunehmen, sondern auch unseren Partnern, dem russischen Energiedruck zu widerstehen«, sagte der Präsident nun mit Blick auf die von Russland deutlich reduzierten Gaslieferungen. Gas wird auch zur Verstromung genutzt. Russlands Energieriese Gazprom hatte die Lieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 wegen angeblicher technischer Probleme am Mittwoch erneut gesenkt – diesmal auf 20 Prozent des maximalen Umfangs.

Das Lieferungen in die EU hatten ukrainischen Angaben zufolge zunächst nur eine Leistung von 100 Megawatt. Der ukrainische Ministerpräsident Denys Shmyhal kündigte jedoch bereits an, die Ukraine sei potenziell in der Lage 2,5 Gigawatt Strom nach Europa zu exportieren.

»Schrittweise machen wir die Ukraine zu einem der Garanten der europäischen Energiesicherheit, eben über unsere inländische Elektroenergieproduktion«, sagte nun Selenskyj. Die Ukraine war vor Russlands Angriffskrieg noch selbst auf Stromimporte aus Russland und Belarus angewiesen.

Wie Selenskyj erklärte, wird nun ein Großteil der selbst produzierten Energie nicht gebraucht, da wegen des Kriegs die Produktion stillsteht. Allerdings hatten die russischen Truppen zuletzt auch das größte Atomkraftwerk in Enerhodar, ein Wasserkraftwerk am Fluss Dnipro und mindestens zwei Kohlekraftwerke eingenommen.

Vor Beginn des Krieges war das ukrainische Netz mit dem russischen Netz synchronisiert. Es wurde Ende Februar auf ukrainische Initiative hin für einen lange geplanten Test von den Nachbarn Russland und Belarus abgekoppelt, noch ehe Putins Truppen einmarschierten.

Das Netz befand sich daraufhin in einem sogenannten Inselbetrieb und galt als besonders verwundbar, bis es an das Europäische Netz der Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) angekoppelt wurde.

apr/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.