Folgen des Ukrainekrieges Deutsche-Bank-Chef rechnet mit höherer Inflation

»Die Preise werden mit Sicherheit weiter steigen«: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing erwartet hierzulande angesichts des Ukrainekrieges eine höhere Teuerungsrate. Entwarnung gibt er zumindest in einem Punkt.
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing: Appell an die EZB

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing: Appell an die EZB

Foto: Sepp Spiegl / imago images/sepp spiegl

Die meisten Menschen dürfte angesichts von Flucht und Kämpfen in der Ukraine vor allem beschäftigen, ob der Krieg weiter eskaliert. Die wirtschaftlichen Folgen zumindest sind schon jetzt in Europa spürbar.

So erwartet der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank und Präsident des Deutschen Bankenverbands, Christian Sewing, einen zusätzlichen Preisschub und höhere Inflationsraten. »Die Preise werden mit Sicherheit weiter steigen, insbesondere für Energie und Rohstoffe. Wir rechnen für Deutschland derzeit mit einer Inflationsrate von um die fünf Prozent für dieses Jahr«, sagte Sewing der »Bild«-Zeitung.

Wie sehr die Teuerung anziehe, werde stark davon abhängen, wie sich der Krieg weiterentwickle. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hatte vergangene Woche mitgeteilt, die Jahresteuerung könnte Modellsimulationen zufolge sogar auf bis zu 6,1 Prozent klettern.

An der Tankstelle bekommen die Menschen in Deutschland die Auswirkungen des Krieges bereits zu spüren: Die Spritpreise in Deutschland kletterten in den vergangenen Tagen auf Rekordhöhen.

Wie sich die Verbraucherpreise in Deutschland im Februar entwickelt haben, gibt das Statistische Bundesamt am heutigen Dienstagnachmittag in einer ersten Schätzung bekannt.

Im Januar legten die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat um 4,9 Prozent zu. Im Dezember 2021 hatte die jährliche Teuerungsrate bei 5,3 Prozent gelegen. Eine höhere Inflation schwächt die Kaufkraft von Verbrauchern, weil sie sich für einen Euro dann weniger kaufen können als zuvor.

Sewing appelliert an EZB

Deutsche-Bank-Chef Sewing forderte die Europäische Zentralbank (EZB) erneut zu einer Kehrtwende in der Zinspolitik auf. Mit Blick auf die Preisentwicklung sei der Ausstieg aus der Negativzinspolitik weiterhin nötig – trotz der Krise.

»Die EZB hat über den Leitzins hinaus zahlreiche weitere Instrumente, um auf mögliche Spannungen auf den Finanzmärkten gezielt zu reagieren. Zum Beispiel durch Sonderprogramme zum Ankauf von Wertpapieren, die zeitlich begrenzt sein sollten«, sagte der Deutsche-Bank-Chef.

Auch die Wirtschaftsweise Veronika Grimm erwartet negative Auswirkungen des Ukrainekriegs auf das Wachstum in Deutschland. »Infolge der Krise wird sich kurzfristig die Konjunktur eintrüben, beispielsweise aufgrund einer Verschärfung der Lieferkettenproblematik, weiterhin hohen Energiepreisen oder auch Reaktionen der Finanzmärkte auf die Sanktionen«, sagte Grimm den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

»Mittel- bis langfristig wird die teilweise Entkopplung der Wirtschaftsräume und die nun wohl notwendige Diversifizierung die wirtschaftliche Entwicklung bremsen, einfach weil sich dadurch Wachstumsperspektiven eintrüben.«

Die Inflation werde »noch länger hoch bleiben«, prognostizierte Grimm, die Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist.

Sanktionsfolgen für deutsche Finanzbranche beherrschbar

Deutsche-Bank-Chef Sewing gibt immerhin in einem Punkt Entwarnung: Nach dem Ausschluss Russlands aus dem weltweiten Banken-Kommunikationssystem Swift sieht er nur wenige Risiken für deutsche Institute.

»Die deutschen Banken haben seit 2014 ihr Engagement in Russland stark reduziert. Für unser Bankensystem insgesamt ist das Risiko überschaubar. Die Sicherheitspuffer der europäischen Banken sind höher denn je«, sagte Sewing.

Er betonte zugleich, der Swift-Ausschluss Russlands werde den Krieg in der Ukraine nicht beenden. »Das wäre die falsche Erwartung«, sagte Sewing.

Es gehe darum, dass »völkerrechtswidrige Aggressionen und der Überfall eines Landes im 21. Jahrhundert nicht folgenlos bleiben dürfen«. Er gehe davon aus, dass »die Sanktionen die russische Wirtschaft empfindlich treffen« werden, sagte Sewing. Das zeige der schnelle Schritt der russischen Zentralbank am Montag, die Leitzinsen auf 20 Prozent zu verdoppeln.

mmq/Reuters/dpa