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03. Oktober 2011, 12:04 Uhr

Umfrage

Deutsche Industrie wächst kaum noch

Jetzt bekommt auch Deutschland die Folgen der Euro-Krise und der schlappen Weltkonjunktur zu spüren: Der Einkaufsmanager-Index der Industrie schrumpfte so stark wie seit zwei Jahren nicht mehr und liegt nur noch knapp über der Wachstumsschwelle. Im Rest der Euro-Zone sieht es aber noch deutlich schlechter aus.

Berlin/London- Die Auswirkungen der Euro-Schuldenkrise und der schwächelnden Weltwirtschaft treffen jetzt auch die deutsche Wirtschaft : Im September kam der Aufschwung in der deutschen Industrie fast zum Stillstand.

Das geht aus einer Erhebung des Markit-Instituts hervor, für das in der Euro-Zone regelmäßig 3000 Einkaufsmananger in Unternehmen wie Banken, Hotels und Restaurants befragt werden. Der sogenannte Einkaufsmanagerindex fiel für Deutschland im September um 0,6 Punkte auf 50,3 Zähler. Er ist damit auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren gesunken und hält sich nur noch knapp über der Schwelle von 50 Punkten - ab der Experten von wirtschaftlichem Wachstum sprechen.

Markit-Ökonom Chris Williamson sprach von einem "weiteren Warnsignal, dass sich die deutsche Industrie der Stagnation annähert".

Während die Produktion noch moderat zulegte, war der Auftragseingang den dritten Monat in Folge rückläufig. Bei den Auslandsbestellungen mussten die Firmen das größte Minus seit Mitte 2009 hinnehmen. Weniger gefragt auf den Weltmärkten waren die Produkte aller drei Hauptbereiche der deutschen Industrie.

Die am Montag veröffentlichten Daten sind die endgültigen Werte, eine erste Schätzung war sogar noch von einem um 0,3 Zählen größeren Minus ausgegangen. In Deutschland wurden 500 Unternehmen dafür befragt.

Die lange Zeit erfolgsverwöhnte Stahlbranche spürt bereits Gegenwind: Nach starken Zuwächsen im ersten Halbjahr fährt die Branche um Weltmarktführer ArcelorMittal die Produktion etwas zurück. Auch der deutsche Branchenprimus ThyssenKrupp drosselt seinen Ausstoß.

Deutschland ist immerhin noch der einzige Staat der Euro-Zone, in dem der Index noch oberhalb der Wachstumsschwelle verharrt. Die Euro-Länder steuern laut der Studie ungebremst auf eine Rezession zu. Der Index sank von 49,0 Punkten im August auf 48,5 Punkte. Auch wenn der Wert um 0,1 Punkte über der Erstschätzung liegt, ist auch im Euro-Raum die Industriestimmung so schlecht wie seit über zwei Jahren nicht mehr.

Auch die EU-Kommission rechnet für die kommenden Monate mit einer Konjunkturkrise und erwartet nur einen minimalen Anstieg der Wirtschaftsleistung.

Die Betriebe erlitten beim Neugeschäft und bei den Auslandsaufträgen die größten Einbußen seit mehr als zwei Jahren. In Frankreich ging es weiter bergab, in Italien verlangsamte sich die Talfahrt nur wenig. Schlusslicht bleibt Griechenland. Während das Neugeschäft aus dem In- und Ausland schwächelte, schrumpften auch die Auftragspolster so stark wie seit Juli 2009 nicht mehr.

Etwas Entlastung spürten die Betriebe an der Preisfront. "Im Zuge der Abkühlung der Industriekonjunktur hat auch der Preisdruck - nach den hohen Steigerungsraten bei Einkaufs- und Verkaufspreisen zum Jahresbeginn - auf breiter Front nachgelassen", sagte Markit-Ökonom Williamson. "Vor dem Hintergrund der schwachen Nachfrage räumen mittlerweile immer mehr Firmen und deren Lieferanten Preisnachlässe ein."

Immerhin gab es außerhalb der Euro-Zone positive Meldungen. In Großbritannien hellte sich die Stimmung der Industrie im September überraschend auf. Der Einkaufsmanagerindex stieg von 49,4 Punkten im Vormonat auf 51,1 Zähler - dabei hatten Volkswirte mit einem Rückgang gerechnet.

fab/AFP/dpa/Reuters

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