Umzug ins Springer-Haus Neue Heimat kostet dpa Kunden

Der neue Standort der dpa in Berlin hat eine medienethische Diskussion entfacht: Weil die Nachrichtenagentur in den Glaspalast des Axel Springer Verlags einzieht, hat der "Tagesspiegel" sein Abo gekündigt. Begründung: Die Unabhängigkeit des News-Riesen sei nicht mehr gewahrt.
Axel-Springer-Haus in Berlin: Ab 2010 auch Sitz der dpa-Zentrale

Axel-Springer-Haus in Berlin: Ab 2010 auch Sitz der dpa-Zentrale

Foto: Rainer Jensen/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Es ist eine Kündigung, die die Medienwelt spaltet: Der Berliner "Tagesspiegel" hat das Abonnement bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) abbestellt. Die dpa plant, im Sommer 2010 mit ihrer Zentralredaktion in den fünften Stock der Axel-Springer-Passage in Berlin einzuziehen. Die Agentur ist dann Mieter von Konzernchef Mathias Döpfner - und wohnt mit Redaktionen von Döpfners Verlag im selben Gebäude.

3500 Quadratmeter dpa-Redaktion im Hause Springer - dieses Mietverhältnis, sei mit der Unabhängigkeit der Agentur "völlig unvereinbar", schreibt der "Tagesspiegel" in seiner Samstagsausgabe. "Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist aus unserer Sicht somit nicht mehr möglich." Die Zeitung habe den Nachrichtenbezugsvertrag mit der dpa "aus wichtigem Grund zum Juli 2010 gekündigt".

Stephan-Andreas Casdorff, einer der beiden Chefredakteure des "Tagesspiegel" ergänzte diese Begründung auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Die dpa ist für die deutschen Zeitungen eine herausragend wichtige Quelle", sagte er. "Es ist für die Unabhängigkeit der Agentur nicht gut, wenn sie zu irgendeinem Medium ein engeres Geschäftsverhältnis pflegt als zu deren Konkurrenten."

"Rein geschäftlich gesehen - eine doppelte Abhängigkeit."

Derzeit ist ein solch engeres Verhältnis schon durch die Gesellschafterstruktur der Nachrichtenagentur ausgeschlossen. Die rund 190 Anteilseigner, allesamt Medienunternehmen, können maximal 1,5 Prozent des dpa-Stammkapitals erwerben. Casdorff kritisiert die dpa nun dafür, dass sie sich in eine Situation begibt, in der ein einzelner Verlag als Vermieter größeren Einfluss auf die Agentur ausüben könnte als andere Gesellschafter.

Manch anderer teilt diese Meinung. Im "Tagesspiegel" vom Samstag äußern sich mehrere Vertreter anderer Zeitungen kritisch zum dpa-Einzug bei Springer - ohne Ankündigung, das eigene Abo ebenfalls zu kündigen. Elena Geus, Chefin vom Dienst bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", sagte der Zeitung etwa, man werde "Agenturen auch weiter nach ihrer inhaltlichen Qualität, nicht nach ihrem Standort beurteilen". Ob sich die Berichterstattung der dpa nach dem Umzug verändere, werde man aber "aufmerksam verfolgen".

Wie wird beim Springer-Verlag die Möglichkeit einer Beeinflussung des neuen Mieters gesehen? Der Verlag, bei dem mit der "Berliner Morgenpost" einer der Hauptkonkurrenten des "Tagesspiegels" erscheint, kommt in dem Beitrag des "Tagesspiegel" nicht zu Wort. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte sich der Springer-Verlag zu dem Thema nicht äußern.

Kündigung ohne Vorankündigung

Wolfgang Büchner, dpa-Vize-Chefredakteur und früherer SPIEGEL-ONLINE-Chefredakteur, wird im "Tagesspiegel" mit den Worten zitiert: "Unabhängigkeit ist für mich keine Frage des Standortes und keine Frage des Mietvertrages." Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE ergänzte ein Sprecher der Agentur, man wolle Befürchtungen aus dem Weg räumen, die Unabhängigkeit der Agentur sei gefährdet. "Wir sind überrascht. Wir wollen mit dem 'Tagesspiegel' reden."

Überraschend dürfte die Kündigung tatsächlich gewesen sein. Immerhin erreichte sie die Agentur ohne Vorankündigung. Zudem ist auch der "Tagesspiegel" selbst vom Axel-Springer-Verlag nicht ganz unabhängig: Für den Druck der eigenen Zeitung nutzt die Zeitung die Pressen des Springer-Verlags in Berlin Spandau.

Chefredakteur Casdorff sieht darin allerdings keinen ethischen Widerspruch zur eigenen Bewertung der dpa. "Wir liefern der Springer-Druckerei fertige Seiten. Eine Einflussnahme ist damit ausgeschlossen."

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