Tod von Unister-Gründer Wagner Die rätselhafte letzte Reise des Internetmillionärs

Nach dem Flugzeugabsturz von Unister-Gründer Thomas Wagner sind viele Fragen offen. Was wollte der Internetmillionär in Venedig? Und wie macht das Unternehmen weiter? Ein Überblick.

Unister-Gründer Thomas Wagner
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Unister-Gründer Thomas Wagner

Von manager-magazin.de-Autor Heinz-Roger Dohms


Warum war Unister-Chef Thomas Wagner in Venedig?

Der Flugzeugabsturz mit Unister-Gründer Thomas Wagner auf dem Weg von Venedig nach Leipzig gibt Rätsel auf. Was der 38-Jährige in Italien zu tun hatte, ist noch unklar. Auch die Mitteilung des Unternehmens zum Tod Wagners und der Zukunft des Unternehmens spart dieses Thema aus. Laut "Bild"-Zeitung führte Wagner einen Geldkoffer mit mehreren Millionen Euro mit sich. An der Unfallstelle in den slowenischen Bergen, so schreibt das Blatt, sei sehr viel Bargeld gefunden worden. Ein Unister-Sprecher sagte, man strebe "schnellstmögliche Klarheit" an und werde "mit den Behörden eng zusammenarbeiten".

So unglaublich diese Schilderungen klingen mögen - sie würden passen zu dem, was ein Unister-Insider manager-magazin.de vor wenigen Tagen berichtete. Demnach erhoffte sich Wagner von dem Italien-Trip, einen frischen Kredit für das Unternehmen zu erhalten. Das Bargeld sollte demzufolge als eine Art Liquiditätseinlage dienen. Eine Bestätigung für diese Darstellung gibt es nicht.

Zuletzt hatte es immer wieder Hinweise auf finanzielle Probleme bei Unister gegeben - wobei das Unternehmen seine Bilanzen so weit wie möglich unter Verschluss hielt. So stammt der letzte veröffentlichte Jahresabschluss der Unister Holding von 2011. Dem manager magazin liegt darüber hinaus die Bilanz von 2013 vor. Darin war von einem Jahresfehlbetrag von gut 27 Millionen Euro und einer "bilanziellen Überschuldung" die Rede. Dass sich die Situation seitdem signifikant verbessert hat, ist unwahrscheinlich. Zuletzt war Unister erkennbar bemüht, durch den Verkauf von Assets - etwa der Tochter Geld.de oder diverser Grundstücke - Geld in die Kasse zu bekommen.

Warum war Wagner so wichtig für das Unternehmen?

Auch wenn es fünf Unister-Gründer gibt, Thomas Wagner war immer der "Primus inter pares": Er gab nicht nur die großen Linien vor, sondern bestimmte auch das Tagesgeschäft. Zudem besaß er die meisten Anteile. Nachdem das Unternehmen auf seinem Höhepunkt 2011/2012 auf beinahe 2000 Mitarbeiter angewachsen war, hatte Wagner versucht, die Strukturen zu professionalisieren und externe Manager an Schaltstellen der Unister-Gruppe zu installieren. Viele dieser Manager haben das Unternehmen inzwischen wieder verlassen - darunter die beiden zwischenzeitlichen Holding-Geschäftsführer Peter Zimmermann und Andreas Prokop. Zuletzt firmierte Wagner darum bei vielen Gesellschaften im Unister-Universum wieder selbst als Geschäftsführer.

Wer sind die anderen Anteilseigner?

Ausweislich eines Eintrags aus dem Bundesanzeiger vom Oktober 2015 war Thomas Wagner mit rund 40 Prozent immer noch der Hauptgesellschafter von Unister. Die restlichen Anteile verteilten sich demnach auf seine vier Mitgründer - die Brüder Christian und Oliver Schilling, Daniel Kirchhof und Sebastian Gantzckow - sowie eine Firma namens Opus30 Vermögensverwaltungsgesellschaft. Dahinter steht der Leipziger Immobilienunternehmer Steffen Göpel, ein zu DDR-Zeiten bekannter Autorennfahrer.

Wer kann jetzt die Anteile an Unister übernehmen?

Zunächst einmal gilt es, die Erbfolge zu regeln - ein Prozess, der womöglich Wochen in Anspruch nehmen kann, wie es im Umfeld des Unternehmens heißt. Wagner war unverheiratet und kinderlos. In der laut Handelsregister aktuellen Version der Unternehmenssatzung ist der Punkt "Tod eines Gesellschafters" unter Paragraf 16 geregelt. Hierin heißt es, den "übrigen Gesellschaftern" stehe "ein Erwerberecht hinsichtlich des Geschäftsanteils des verstorbenen Gesellschafters zu". Weiter unten ist dann geregelt, dass die Gesellschafterversammlung unter bestimmten Voraussetzungen sogar die "Einziehung" der Anteile beschließen kann. Den Erben stünde in dem Fall eine Abfindung zu. Diese, so heißt es an anderer Stelle der Satzung, orientiert sich am "Ertragswert", der sich wiederum an den Ergebnissen der vergangenen fünf Jahre bemisst.

Um es nicht zu kompliziert zu machen: Die verbliebenen Gesellschafter haben rechtlich gesehen offenbar vollen Zugriff auf das Unternehmen. Angesichts der finanziell schwierigen Situation ist allerdings fraglich, was die Anteile überhaupt wert sind - und ob die Gesellschafter über genügend Liquidität verfügen, die Anteile zu finanzieren. Was die Situation erschwert: Mitgründer Daniel Kirchhoff - jahrelang so etwas wie die inoffizielle Nummer zwei - hatte sich zuletzt mit Wagner überworfen und war aus den operativen Funktionen ausgeschieden.

Kirchhoff hat am Freitagfrüh allerdings seine Bereitschaft signalisiert, ins Unternehmen zurückzukehren. "Wir trauern um den Chef, den Kämpfer und langjährigen Wegbegleiter. Wir Gesellschafter werden nun zusammen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ohne Thomas Wagner Unister weiterentwickeln, aber vergessen wollen wir ihn nie", heißt es in einer Stellungnahme. Gespräche zwischen den Gesellschaftern haben nach Informationen von manager-magazin.de aber noch nicht stattgefunden.

Warum spielt Hanse Merkur eine so wichtige Rolle?

Der Hamburger Versicherer Hanse Merkur ist nach manager-magazin-Informationen der größte Kreditgeber von Unister - und sichert damit die Liquidität des Unternehmens. Hintergrund: Die Hanseaten hatten sich auf den Deal offenbar einst eingelassen, um die Portale von Unister (Fluege.de, Ab-in-den-Urlaub.de) als Vertriebsplattform für ihre Reiseversicherungen nutzen zu dürfen. Zwischenzeitlich erreichten die Darlehen eine Größenordnung von schätzungsweise rund 50 Millionen Euro, aktuell soll es nicht mehr ganz so viel sein. Trotzdem dürften Wohl und Wehe von Unister weiterhin an der Hanse Merkur hängen. Weder in Hamburg noch in Leipzig will man sich dazu äußern.

Ist der Verkauf von Unister eine Option?

Ja, das sagt das Unternehmen ausdrücklich. Tatsächlich gab es 2014/2015 bereits einen offiziellen Verkaufsprozess, der sich über Monate hinzog, trotz namhafter Interessenten wie ProSiebenSat1 Chart zeigen oder CTS Eventim, allerdings erfolglos blieb.



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