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Waren ohne Verpackungen: Nobel wie bei Manufactum

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Laden ohne Verpackungsmüll Ich pack' das

Jeder Tisch ein Grabbeltisch: Ein Supermarkt in Berlin bietet unverpackte Waren an. Früher war das normal, jetzt erobern die Gründer die Herzen der Kunden. Doch der Weg zur Massenbewegung ist noch weit.

Berlin - Ein paar Sekunden wirkt die rothaarige Dame ratlos, wo sie die bestellten Brötchen am besten unterbringen soll. Dann hält sie dem Verkäufer ihre Tragetasche hin. Der Mann hinter dem Tresen wiegt noch ein paar Äpfel ab, alle Lebensmittel wandern in den Beutel. Der Mitarbeiter kassiert das Geld und verabschiedet sich mit einem Lächeln von der Kundin.

Was wie eine Alltagsszene im Lebensmittelgeschäft wirkt, ist im beschriebenen Fall alles andere als üblich. Denn sie spielt sich in einem Supermarkt ab, der seit dem vergangenen Samstag als Attraktion im ökobewegten Berliner Szenestadtteil Kreuzberg gilt. Sein Name, "Original Unverpackt", deutet schon auf die Kernidee hin, der sich ihre Gründerinnen Sara Wolf und Milena Glimbovski verschrieben haben: Sie wollen Bio-Lebensmittel verkaufen und dabei ohne Verpackungen auskommen.

Ganz gleich ob Nüsse, Pfefferkörner oder Gummibärchen, Nudeln, Olivenöl oder Kaffeepulver - für den Schutz auf dem Weg nach Hause müssen die Kunden selbst sorgen. Spontankäufer finden geeignete Plastik- oder Metallboxen im Regal. Auch Flaschen für den Transport von Flüssigkeiten sind im Angebot.

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Noch führt die konsequente Vermeidung von Verpackungen gelegentlich zu Irritationen, wie bei der Käuferin, die eine Unterbringungsmöglichkeit für ihre Brötchen sucht. Trotzdem entwickelt die Idee offensichtlich eine ungeheure Anziehungskraft. In Kiel, Wien und London verkaufen Händler ihre Waren bereits ohne Verpackung. Viele Bioläden bieten einzelne Waren in den sogenannten Bulk Bins an, aus denen Kunden jede beliebige Menge abzapfen können: Bohnen ebenso wie Shampoo und Waschmittel. Sogar ganz normale Lebensmittelhändler wie Kaiser's experimentieren mit Klappboxen, aus denen sich Kunden ihre eigene Weingummi-Mischung zusammenstellen können.

Hoffen auf die Massenbewegung

Doch Wolf und Glimbovski denken nur in zweiter Linie an die Individualisierung von Süßigkeiten. Für sie ist der Bann der Einwegverpackungen Mission. "Unser kleiner Laden ist erst der Anfang", sagt Glimbovski selbstbewusst. "Das wird eine Massenbewegung werden". Die Unternehmensgründerinnen denken bereits daran, ihr Konzept über ein Franchise-System auszuweiten.

Auf breite Unterstützung können sie dabei zählen: Als sie im Frühjahr einen Aufruf im Internet starteten, ihr Projekt finanziell zu unterstützen, war das Echo in den sozialen Netzwerken enorm. Bereits nach einem Tag seien 20.000 Euro zusammengekommen, erinnert sich Glimbovski, wenige Tage später hätten sie das kalkulierte Startkapital von 45.000 Euro erreicht. Am Ende der Zeichnungsfrist waren es sogar fast 115.000 Euro.

Vorerst hat das rund 100 Quadratmeter große Geschäft naturgemäß noch den Charme des Unfertigen, auch wenn alles recht durchdacht wirkt und auch die Ästhetik nicht zu kurz kommt. Die ehemalige Metzgerei mit alten Kacheln und Stuck verzierten Decken versprüht den Charme, den gut situierte Nostalgiker von Manufactum kennen. In weiß lackierten Metallregalen sind ganze Batterien von zylindrischen Schütten montiert, in denen man die Lebensmittel begutachten kann. In Acryl-Kisten auf einer großen Anrichte in der Mitte des Ladens lagern Nudeln in verschiedenen Formen.

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In den Augen unvorbereiteter Supermarktbesucher wirkt die Umgebung jedoch zunächst etwas ungewohnt, denn bunte Schriftzüge und Werbeslogans findet man hier ebenso wenig wie hübsche Fotos mit Serviervorschlägen. Allein die Schilder mit den ein wenig moralinsauer formulierten Handlungsanweisungen wirken ein wenig fremd in der cool gestalteten Umgebung.

Experten bleiben skeptisch

Die Schilder sind aus Sicht der Betreiber ohnehin allenfalls übergangsweise notwendig. "Am Anfang ist unser System für viele noch eine Herausforderung", erklärt Riaan Stipp, ein Mitarbeiter, der ersten Stunde. "Doch die Kunden kommen mit den Schütten gut zurecht, es geht kaum etwas daneben."

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Ob ein System, das in dem beschriebenen Umfang auf die Eigenleistung der Kunden setzt, wirklich so massentauglich ist, wie die "Unverpackt"-Mannschaft es glaubt, das beurteilen Experten eher skeptisch. "Der Anteil der Verbraucher, die beim Einkauf einer ganz reinen Lehre folgen, ist sehr gering", sagt Susanne Eichholz-Klein vom Institut für Handelsforschung.

Tatsächlich spricht das an sich interessante Konzept eher Käufer an, die ihren Einkauf systematisch planen. Schließlich will nicht jeder seinen samstäglichen Einkaufsbummel mit einer Tasche voller leerer Behälter antreten. Spontankäufer aber, die im Anschluss an den Einkaufsbummel im Supermarkt vorbeischauen, müssen jedes Mal neue Gefäße kaufen. Das wiederum ist kaum im Sinne der Ressourcen-Schonung.

Fraglich ist auch, ob die verpackungsfreien Supermärkte auf Dauer beim Preis mit der herkömmlichen Konkurrenz mithalten können. Noch ist zwar das Preisniveau in dem neuen Kreuzberger Laden nach eigenen Angaben ähnlich hoch, wie in einem Bio-Supermarkt, doch die Kalkulation muss sich erst im harten Alltag bewähren.

Ein echter Kostenfaktor dürfte die Handhabung der unverpackten Ware sein, die in der konventionellen Lebensmittelindustrie fast ausnahmslos von Maschinen erledigt wird. Ein großer Sack Bohnen beim Hersteller ist zwar billiger als die gleiche Menge in 500-Gramm-Tüten; doch Lagerung und Portionierung sind anschließend nur noch händisch zu bewerkstelligen. Hinzu kommt der Aufwand, die Mehrwegbehälter so sauber zu halten, dass sie den Vorschriften der Lebensmittelbehörden genügen.

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