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11. Juli 2011, 07:07 Uhr

US-Agenturen

EU-Kommissarin Reding will Rating-Riesen zerschlagen

EU-Kommissarin Reding hat dem Machtmonopol der drei US-Rating-Agenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch den Kampf angesagt. Europa dürfe sich von ihnen nicht den Euro kaputtmachen lassen. Sie drängt die G-20-Staaten  zum schnellen Handeln.

Berlin - In der Diskussion um die Macht der Rating-Agenturen hat EU-Justizkommissarin Viviane Reding eine Zerschlagung der Institute ins Spiel gebracht. "Europa darf sich den Euro nicht von drei US-Privatunternehmen kaputt machen lassen", sagte Reding der Tageszeitung die "Welt" mit Blick auf die drei großen Rating-Agenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch. Bei der Bewertung von Staaten und Unternehmen seien mehr Transparenz und mehr Wettbewerb nötig, sagte sie.

"Ich sehe zwei mögliche Lösungen: Entweder beschließen die G-20-Staaten gemeinsam, das Kartell der drei US-Rating-Agenturen zu zerschlagen. Die USA könnten beispielsweise aufgefordert werden, aus den drei Agenturen sechs zu machen. Oder es werden unabhängige europäische und asiatische Rating-Agenturen geschaffen." Es dürfe nicht sein, dass ein Kartell dreier US-Unternehmen über das Schicksal ganzer Volkswirtschaften und ihrer Bürger entscheide.

Redings Forderung hat allerdings wenig Aussicht auf Erfolg. Die drei großen Rating-Agenturen haben ihren Sitz in New York und liegen damit außerhalb des Einflussbereichs der Europäischen Union. Zwar gerieten die Bonitätswächter im Zuge der Finanzkrise auch in ihrer Heimat in die Kritik, weil sie hochriskante Finanzprodukte mit Bestnoten bewerteten. Doch im Gegensatz zu mehreren Staaten der Euro-Zone werden die USA von den Rating-Agenturen bislang noch mit Topnoten bewertet. Angesichts der drohenden Staatspleite haben die Unternehmen jedoch auch der US-Regierung mit einer Herabstufung gedroht.

Die von Reding beklagte Abhängigkeit von den Agenturen hat die Politik zumindest teilweise selbstverschuldet: In durch EU-Recht festgeschriebenen Finanzrichtlinien wie Basel II oder Solvency II ist die Verwendung von Ratings ausdrücklich vorgeschrieben. Zudem können sich die Agenturen bei ihren strengen Urteilen über Schulden-Staaten auf Kritiker berufen, die ihnen in der Finanzkrise zu lasche Urteile vorgeworfen hatten.

Wie die "Welt" unter Berufung auf EU-Kreise weiter berichtet, wird mittlerweile in der Europäischen Union ein Schuldenschnitt für Griechenland "als extreme Option" nicht mehr ausgeschlossen. Ein Forderungsverzicht der Gläubiger sei im Umfeld der Euro-Finanzminister in den vergangenen Wochen intern bereits mehrfach beraten worden, schreibt die Zeitung. Öffentlich wurden bislang vor allem Modelle diskutiert, bei denen Griechenlands Gläubiger die Laufzeiten ihrer Anleihen verlängern.

Die Diskussion um die Rating-Riesen war neu entbrannt, nachdem Moody's die Kreditwürdigkeit von Portugal trotz seiner Sparbemühungen Anfang Juli um vier Stufen auf Ramschstatus herabgestuft hatte. Zur Begründung hieß es, dass Portugal bald einen zweiten EU-Rettungsplan benötigen könnte, wie dies bereits bei Griechenland der Fall ist.

Die Finanzminister der Euro-Länder setzen am Montag die Arbeit an einem zweiten Hilfspaket für Griechenland fort. Im Mittelpunkt des Treffens in Brüssel steht die Frage, wie private Gläubiger an dem Rettungseinsatz beteiligt werden können. Auch Diskussionen zum Umgang mit Italiens Geldproblemen soll es geben.

anr/dab/AFP/Reuters

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