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15. April 2011, 07:50 Uhr

US-Bericht zur Finanzkrise

Ohrfeige für die Deutsche Raffgierbank

Von , New York

Amerikanische Banken sind böse, deutsche sind gut? Von wegen. In einem vernichtenden Untersuchungsbericht hat der US-Senat die Schuld führender Geldinstitute an der Finanzkrise entlarvt. Ganz vorne dabei: die Deutsche Bank. Strafrechtliche Folgen dürfte das trotzdem nicht haben.

Greg Lippmanns Lieblingswort war "crap", Mist. Immer wieder geisterte es durch seine firmeninternen E-Mails. Zum Beispiel im Zusammenhang mit einem Investmentangebot namens ACE 2006-NC1 M9: "Du hattest Recht, ACE ist Mist", beklagte sich ein Klient am 2. März 2007 bei Lippmann - und dieser antwortete lakonisch: "In der Tat… das ist es."

Lippmann arbeitete für die Deutsche Bank in New York, als deren wichtigster Händler von "Collateralized Debt Obligations" (CDO) - synthetischen Finanzprodukten, damals der letzte Schrei an der Wall Street. Dass die sich oft auf Schrottkredite stützten, war Strippenziehern wie Lippmann offenbar bewusst. Ein anderes Schimpfwort, mit dem er seine Angebote gerne umschrieb: "Säue".

Trotzdem wurden sie an die Kunden verhökert, derweil Insider längst auf einen Crash des Systems spekulierten. ACE 2006-NC1 M9, ein aus wackligen Subprime-Hypotheken geschnürtes Kreditpaket, floss in das Produkt Gemstone 7 (Edelstein 7) ein, eine alles andere als edle, von der Deutschen Bank garantierte CDO, die im März 2007 auf den Zockermarkt kam. Damaliger Wert: 1,1 Milliarden Dollar.

Ein Jahr später war sie so gut wie wertlos.

Wie die angeblich klügsten Köpfe der Branche die Welt mit solchen Methoden bis fast an den Abgrund treiben konnten, das ist seither Gegenstand intensivster Nachforschungen. Erst im Januar legte die von US-Präsident Barack Obama eingesetzte Kommission zur Untersuchung der Finanzkrise (FCIC) einen Abschlussbericht vor, der kaum einen Wall-Street-Akteur ungeschoren ließ.

Jetzt sind erneut dramatische Details ans Licht gekommen, die einem den Atem stocken lassen wegen der Chuzpe und Heuchelei hinter den Kulissen.

Diesmal ist auch die Deutsche Bank dran. Ein vernichtender, 650 Seiten starker Bericht des US-Senats (Lesen Sie hier das Dokument im englischen Original) brandmarkt sie als "Fallbeispiel" für die düsteren Machenschaften, die zur Finanzkrise führten: Gemeinsam mit dem Wall-Street-Herrscherhaus Goldman Sachs, der Bank Washington Mutual, den Ratingagenturen Moody's und S&P und der US-Bankenaufsicht OTS sei die Deutsche Bank eine Hauptschuldige des Desasters gewesen.

Interne Korrespondenz ans Licht gezerrt

Zwei Jahre lang forschte der Senatsunterausschuss für Ermittlungen, hielt vier Anhörungen ab, vernahm 150 Zeugen und sichtete unzählige Akten. "Die Krise war keine Naturkatastrophe", lautet das Fazit, "sondern das Resultat hochriskanter, komplexer Finanzprodukte, verdeckter Interessenskonflikte und des Versagens der Aufsichtsbehörden, der Rating-Agenturen und des Markts selbst."

Der Deutschen Bank widmet der Ausschussbericht ein eigenes Kapitel. "Die Bank verkaufte minderwertige Anlagen", heißt es da lapidar. Sie habe hochriskante CDOs "aggressiv vermarktet" - trotz "der negativen Meinung ihres leitenden CDO-Traders (Lippmann), fallender Werte und sich verschlechternder Märkte". Investoren seien im Unklaren belassen worden, um die "CDO-Maschine" in Gang zu halten und Gebühren einzustreichen. Ergebnis: "Multi-Milliarden-Dollar-Verluste."

Alles nichts Neues, wiegelt die Deutsche Bank ab. Mauscheleien? Mitnichten, sagt ein Sprecher: Man habe gegenüber dem Markt jederzeit offen und transparent kommuniziert.

Greg Lippmann ist in der Tat schon länger als ein Hauptprotagonist der Krise verrufen. In Enthüllungsbüchern wie "The Big Short" von Michael Lewis spielt er eine prominente Rolle, als Prophet und Mittäter zugleich. Der Senatsbericht legt nun aber noch mal kräftig nach - indem er die interne Korrespondenz Lippmanns und der Bank ans Licht zerrt. Und die trieft nur so vor Zynismus.

Die Deutsche Bank und Goldman Sachs waren im Vorlauf der Finanzkrise zwei führende Akteure im globalen CDO-Markt. 2007 hielt die Deutsche Bank Hypotheken-Finanzprodukte im Marktwert von mehr als 25 Milliarden Dollar.

"Wir müssen Geld verdienen"

Intern habe Lippmann seine Kollegen wiederholt gewarnt, dass die in den CDOs verpackten Ramschkredite bald an Wert verlieren würden. Oft habe er sogar von einem "Ponzi-Schema" gesprochen, einem Schneeballsystem wie das, wegen dem der Milliardenbetrüger Bernard Madoff für den Rest seines Lebens in Haft landete.

Das Risiko war Lippmann demnach bereits 2006 bewusst - mehr als zwei Jahre vor dem Ausbruch der Krise.

"Die Hälfte davon ist Mist", schrieb Lippmann im April 2006 an einen Kollegen über die fraglichen Residential mortgage-backed securities (RMBS) - Finanzprodukte, deren Erfolg von Tausenden riskanten, minderwertigen Subprime-Krediten abhing.

Im August 2006 prahlte er in einer E-Mail an einen Händler, er könne RMBS "wahrscheinlich an irgend so einen CDO-Idioten leer verkaufen". Im selben Monat orakelte er: "Mir ist egal, was so eine trainierte Bullenmarkt-Research-Robbe sagt, dieses Zeug hat eine reale Chance, massiv in die Luft zu gehen."

Der Ausschuss dokumentiert all das nun in insgesamt 2849 Fußnoten. Eine Warnung aus dem Jahr 2007 an einen Klienten zeigt, dass Lippmann die Brisanz klar war: "Bitte leiten Sie diese E-Mails nicht außerhalb Ihrer Firma weiter… Ich will von den Emissionsleuten nicht beschuldigt werden, dass ich ihr Geschäft kaputtmache."

Während Lippmann intern lästerte und sein Haus mit Leerpositionen von bis zu fünf Milliarden Dollar gegen einen nahenden Kollaps abzusichern versuchte, verkaufte die Deutsche Bank die Schrottpapiere fröhlich weiter. Warum? "Wir müssen Geld verdienen", schrieb Rocky Kurita, ein Mitarbeiter aus Lippmanns Team, schon Mitte 2005. "Die Zufriedenheit des Kunden ist zweitrangig."

"Nein, wir lassen es drin"

Gemstone 7 ist ein Musterbeispiel dafür. Es war eine von 47 CDOs im Wert von 32 Milliarden Dollar, die die Deutsche Bank von 2004 bis 2008 garantierte. Mit Gemstone 7 allein habe die Deutsche Bank 4,7 Millionen Dollar Gebühren einkassiert. Weitere 3,3 Millionen Dollar seien an den Hedgefonds HBK gegangen, der das Produkt gemanagt habe.

Gemstone 7 bündelte 115 RMBS-Anleihen. Rund 90 Prozent hätten magere Ratings getragen: BBB, BBB-, sogar BB.

Design, Marketing und Verkauf von Gemstone 7 liefen durch mehrere Abteilungen der Deutschen Bank. Lippmanns Desk war für die Prüfung und Absegnung der RMBS-Bausteine verantwortlich.

"Willst du's aus dem Portfolio entfernen?", habe ein Assistent Lippmanns HBK-Manager Kevin Jenks zu einer besonders fragwürdigen RMBS gefragt. Antwort: "Nein, wir lassen es drin." Einen anderen Deutsche-Bank-Mann habe Jenks angefahren: "Ich erwarte wirklich, dass Ihr die Liste so akzeptiert, wie sie ist."

Die Deutsche Bank, so der Ausschuss, habe pariert. So habe sie das Kreditprodukt SABR 2005-OP1 B4, obwohl Lippman es als "ernsthaft fehlerhaft" eingestuft hatte, im Dezember 2006 für Gemstone 7 freigegeben - "ohne Einwände".

Im Januar 2007 begann die Deutsche Bank Gemstone 7 zu vermarkten, mit Verkaufsveranstaltungen in der ganzen Welt. Ein Kunde, die M&T Bank, habe danach den Eindruck gehabt, "dass Gemstone 7 nur minimale Investmentrisiken berge". Im Sommer 2008 war Gemstone 7 wertlos.

Der Ausschussbericht gibt viele Empfehlungen, damit sich solche Dramen nicht wiederholen. Doch die Gelegenheit dazu ist längst vertan: Die US-Finanzmarktreform wurde von der Wall-Street-Lobby erfolgreich verwässert - und soll nun sogar wieder ganz zerschlagen werden, geht es nach den Republikanern.

Juristisch belangt wurde bisher keiner der Beteiligten der Finanzkrise. Eine Klage der US-Börsenaufsicht SEC gegen Goldman - das seine Klienten mit einem ähnlichen Produkt abgezockt hatte - endete im Vergleich. Etliche Zivilverfahren gegen andere Banken wegen ihrer Hypothekenspekulationen, so meldete das "Wall Street Journal" in der Nacht zum Freitag, würden wahrscheinlich ebenfalls mit außergerichtlichen Vergleichszahlungen abgegolten. Die Börsenaufsicht SEC verhandele derzeit mit "einer Reihe" von Banken, darunter JPMorgan Chase, Citigroup, Morgan Stanley, Merrill Lynch und UBS. Ob auch die Deutsche Bank dabei ist, blieb zunächst offen.

Greg Lippmann muss sich sowieso nicht fürchten. Er ist längst nicht mehr bei der Deutschen Bank. Im Herbst gründete er seinen eigenen Hedgefonds Libre Max. Dort gehe es ihm nur um eine Sache, sagte er Bloomberg TV: "Geld verdienen."

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