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USA: Die Deutsche Bank und das Ghetto

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US-Klage gegen Geldhaus Nancy und die Deutsche Bank

Die Deutsche Bank hat ein Problem: Los Angeles verklagt das Geldhaus, weil es arme Mieter systematisch ausgebeutet haben soll. Die Banker weisen die Schuld von sich, doch in Kalifornien ist man auf sie nicht gut zu sprechen. Ein Besuch bei Menschen, die den Finanzkapitalismus hautnah spüren.
Von Reinhard Kargl

Seit Jahren hat Nancy Rodriguez, 35, ordentlich die Miete bezahlt. Dabei ist ihre Familienbehausung in South Los Angeles höchst bescheiden. Überwiesen hat Rodriguez das Geld an einen mysteriösen Eigentümer in Texas, den sie allerdings nie zu Gesicht bekam.

Mit der Instandhaltung der Anlage, die aus vier kleinen Bungalows besteht, hat es nie geklappt. "Bei uns sinkt der Fußboden ein, die Wände bröckeln, und das Holzfundament ist verrottet." Wahrscheinlich sind Wasserrohre undicht, denn "überall haben wir Schimmel". Die eine Nachbarin habe zwei Jahre lang kein heißes Wasser gehabt. "Bei der anderen ist das Dach undicht. Der Regen hat die Decke aufgeweicht, bis sie einbrach."

In South Los Angeles wohnen fast nur lateinamerikanische Einwanderer und Schwarze. Ein sozialer Brennpunkt, wie man so sagt. Eine Nachbarin von Nancy Rodriguez ist gehörlos, die beiden anderen sprechen kein Englisch.

Kurz vor Jahresende klopften plötzlich Fremde an die Tür. Sie gaben sich als "Vertreter des neuen Eigentümers" aus und drohten mit Rausschmiss. Rodriguez dachte an ihre vier Kinder und wehrte sich. 160 Stunden hat sie nach eigenen Angaben damit verbracht, im Internet zu recherchieren und bei verschiedenen Ämtern Hilfe zu suchen. Die nebulöse Lage versteht Rodriguez trotzdem nicht. Wer ist der momentane Eigentümer? Wer ist für die Instandhaltung des Gebäudes verantwortlich? Es ist ihr bis heute nicht klar.

Mittlerweile kümmert sich ein Privatanwalt um die Sache - und auch der Los Angeles City Attorney. Als höchster Rechtsvertreter der Stadt Los Angeles hat er Klage gegen die Deutsche Bank eingereicht. Denn seiner Ansicht nach steckt das deutsche Institut hinter Nancy Rodriguez' Problemen.

Hypotheken wurden wie Kaugummi vergeben

Und Rodriguez ist kein Einzelfall. Die Stadtverwaltung wirft der Deutschen Bank und dem Gewirr ihrer Tochterfirmen vor, einer der ärgsten "Slumlords" von Los Angeles zu sein. In Hunderten Fällen soll das Institut gegen die Rechte der Mieter verstoßen haben, heißt es in der Klage der Stadt. Gesundheits- und Sanitätsbestimmungen sollen missachtet worden sein. Außerdem soll das Geldhaus versucht haben, Mieter unrechtmäßig umzusiedeln. Und leerstehende, schlecht abgesicherte Häuser hätten Kriminelle angezogen. Dadurch soll die Deutsche Bank die öffentliche Sicherheit gefährdet haben.

Der Vorwurf, der unausgesprochen hinter allem steht: Raffgier. Denn wenn die lästigen Mieter ausziehen, steigt sofort der Verkaufswert der Immobilie.

Die Deutsche Bank will sich zu den einzelnen Vorwürfen nicht im Detail äußern. Da die Klageschrift sehr lang sei, benötige man Zeit, um sie gründlich zu prüfen, erklärte ein Sprecher.

Rückblende: Vor einigen Jahren, als die Preise auf dem Immobilienmarkt stiegen und stiegen, vergaben die Banken Kredite wie Kaugummi. Aber die Geldhäuser behielten die Hypotheken nicht lange in ihren Büchern. Sie wurden als "Mortgage Backed Securities" gebündelt und an Großinvestoren weiterverkauft. So gelangten auch die Deutsche Bank und ihre Tochterfirmen an Tausende Hypotheken.

Dann kam der große Crash 2008. Plötzlich konnten viele Hypothekenschuldner ihre Kredite nicht zurückzahlen, Tausende Häuser wurden zwangsvollstreckt. Die Frage war nur: Was sollte jetzt mit den Mietern passieren?

Laut Anklage sollen die Missstände in den Häusern, welche die Deutsche Bank quasi geerbt hat, massiv gewesen sein. Bei einem heute verlassenen Gebäude zeigt die Stadt 96 Gesetzesverletzungen auf. Bei einem anderen unterstellen die Behörden 43 Versäumnisse.

Nur die Hälfte des Hofs wird gemäht

Ein Sprecher der Deutschen Bank wehrt sich: "Los Angeles hat Klage gegen die falsche Partei eingereicht", sagt er. "Wir sind als Treuhänder nicht für die Zwangsvollstreckungen verantwortlich. Dies sind vertragsgemäß die sogenannten Loan Servicer." Man könnte auch sagen: Diesen Job erledigen die Geldeintreiber.

Die Deutsche Bank erklärt außerdem, man wolle gerne mit der Stadt Los Angeles zusammenarbeiten, damit diese die Loan Servicer kontaktieren könne. Die Stadt habe dies jedoch abgelehnt. Im Übrigen wisse man noch gar nicht genau, von welchen Immobilien in der Klage die Rede sei. Fest stehe nur: Mit Zwangsvollstreckungen habe die Deutsche Bank nichts zu tun.

Die Stadt wiederum lässt diese Argumentation nicht gelten. Auf Anfrage teilt der City Attorney mit: "Die Deutsche Bank ist Eigentümerin der betreffenden Immobilien. Als solche trägt sie die Verantwortung für den Zustand der Gebäude."

Nancy Rodriguez kommt da nicht mehr mit. "Vor Jahren hat man uns gesagt, die Bank of Amerika hat jetzt die Hypothek. Dann hieß es auf einmal, es ist die Deutsche Bank. Was soll ich damit anfangen?" Rodriguez hat auch andere Sorgen. Sie ist hochschwanger und soll in wenigen Tagen entbinden. "Der Schimmel. Mein Asthma. Das kann für mein Baby nicht gut sein."

Immerhin: Wegen des Rummels gibt es seit kurzem nun doch eine Hausverwaltung, berichtet Rodriguez. "Allerdings will der Eigentümer nur für die Hälfte der Kosten aufkommen." Sie deutet auf den bizarr aussehenden Innenhof. Die eine Hälfte ist frisch gemäht. Auf der anderen wuchert das Unkraut bis in Kniehöhe.

Gangs besetzen leerstehende Häuser

Und was passiert, wenn die Mieter nach langem Hin und Her doch ausziehen? Dann hat die Stadt ein neues Problem. Denn die meisten der betroffenen Anwesen befinden sich in Gegenden mit hoher Kriminalitätsrate. Für Gangs und Drogenhändler sind verlassene Häuser wie ein Magnet. Darin kann man Diebesgut verstecken, Drogenlabore einrichten, Partys feiern und illegalen Handel betreiben.

Die Gangs markieren die Häuser mit Graffiti - die "Tags" gelten als Warnung für Anrainer und rivalisierende Gangs. Auch bei Familie Rodriguez gab es Einbruchsversuche, weil das Haus verwahrlost und verlassen aussah.

Wenn Mieter ausziehen, hinterlassen sie nur selten ihre neue Adresse. Damit stehen sie auch nicht mehr als Zeugen zur Verfügung - für die Stadt Los Angeles könnte das vor Gericht noch zum Problem werden. Vor einem der verlassenen Häuser findet man einen Berg zugestellter Post, adressiert an die längst hinausgeworfenen Mieter. Darunter befinden sich amtliche Benachrichtigungen, die offensichtlich nie die Adressaten erreicht haben.

Bitte nicht noch mehr Schwierigkeiten

Diejenigen, die bleiben, sind ängstlich und misstrauisch. Beim Anblick von Fremden ziehen sie sich zurück oder geben vor, kein Englisch zu sprechen, nicht hier zu wohnen, niemanden zu kennen. Nur nicht noch mehr Schwierigkeiten, ist die Devise.

Eine Ausnahme ist Gabriela Franco. Sie ist bereit, ihre Geschichte zu erzählen. Vielleicht gibt es ja irgendjemanden, der ihr helfen kann? "Die Instandhaltung klappt ganz gut", erzählt sie, "aber erst, seit die Inspektoren der Stadt hier waren." Der Teppichboden muss vor langer Zeit grau gewesen sein, heute hat er eine undefinierbare Farbe. Im Hof liegt Gerümpel. "Wir haben immer Miete bezahlt, aber wer der Eigentümer ist, wissen wir nicht." Monatelang habe man ihr gesagt, sie müsse ausziehen. "In zwei Wochen soll es jetzt wirklich so weit sein", sagt sie.

Was will Gabriela Franco dann machen? Sie zuckt ratlos mit den Schultern und ringt sich ein Lächeln ab. "Alles ist so teuer. Es wird schwierig sein, eine Wohnung zu finden." Die dreijährige Tochter Jade klammert sich an ihre Mutter und grinst verschmitzt. Die Kleine ist guter Stimmung. Die Sache mit den Banken versteht sie noch nicht.

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