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16. August 2011, 11:17 Uhr

US-Milliardenübernahme

Googorola zieht in die Schlacht der Patente

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Google schluckt Motorola und ordnet die Fronten auf dem Mobilfunkmarkt neu. Die Suchmaschinisten erwerben auf einen Schlag 17.000 Patente - damit sichern sie ihre Plattform Android gegen Attacken durch Microsoft und Co. Den Preis für die Firmenfehden zahlt der Verbraucher.

Hamburg - Mit der Übernahme von Motorola Mobility geht der Software-Riese Google nicht nur erstmals unter die Handy-Bauer ( mit allen positiven und negativen Folgen). Er kauft sich auch einen gewaltigen Schutzschild für sein Handy-Betriebssystem Android ein.

Dieses wurde zuletzt scharf von der Konkurrenz attackiert. Denn der Mobilfunk ist einer der größten Wachstumsmärkte der IT-Branche; das Segment moderner Alleskönner-Handys, sogenannter Smartphones, verbuchte in den vergangenen Quartalen zum Teil fast hundertprozentige Wachstumsraten. Der Kampf um die Vorherrschaft in diesem Bereich wird immer öfter mit einer besonderen Waffe geführt: mit Patenten.

Smartphones berühren Patente in zahllosen Bereichen, von Übertragungsstandards über Computer-Chips bis zum Betriebssystem und der Bedienung des berührungsempfindlichen Bildschirms. Manche Experten schätzen, dass es alleine für die Telefonfunktion rund 7000 Patente gibt.

Für Google ist das ein Nachteil. Denn im Vergleich zu Handy-Pionieren wie Nokia ist der Suchmaschinenkonzern ein Neueinsteiger im Mobilfunk-Markt, besitzt also in diesem Bereich nur wenige Patente. Experten schätzen, dass es rund 2000 sind, allein 1030 davon hat Google erst kürzlich für einen unbekannten Kaufpreis vom Hardware-Konzern IBM erworben.

Gewaltiges Patent-Portfolio

Entsprechend ist Android bislang oft Zielscheibe von Patentstreitigkeiten. Insgesamt wurden Google und Handy-Hersteller, die Android verwenden, in den vergangenen Jahren fast 50-mal verklagt, sagt Florian Müller, ein Branchenberater für geistiges Eigentum, der seit Jahren in einem Blog über Patentprozesse berichtet.

Mit dem 12,5 Milliarden Dollar teuren Motorola-Kauf versucht sich Google nun besser gegen Patentklagen zu schützen. Immerhin erwerben die Suchmaschinisten den Branchenpionier: ein Unternehmen, das 1983 mit dem backsteingroßen DynaTAC das erste Handy überhaupt auf den Markt brachte und das nach eigenen Angaben rund 17.000 Patente besitzt und 7000 weitere angemeldet hat.

Mit diesem Portfolio wäre Google schlagartig auf Augenhöhe mit dem Microsoft-Konzern, der nach eigenen Angaben rund 18.000 Patente besitzt. "Das wird es uns ermöglichen, Android besser vor wettbewerbsfeindlichen Bedrohungen zu schützen", schreibt Google-Chef Larry Page in seinem Blog. Und Schutz ist dringend nötig, schließlich werden mittlerweile täglich mehr als eine halbe Million Android-Handys aktiviert. Mit jedem von ihnen baut Google seine Vormachtstellung im lukrativen Werbemarkt der Zukunft, dem mobilen Internet, ein Stück weiter aus.

Was taugen Motorolas Patente?

Noch ist der Deal allerdings nicht besiegelt. Kartellbehörden in Amerika und Europa müssen die Übernahme erst noch genehmigen. Das Prüfverfahren kann viele Monate dauern. Schon 2008, bei der Übernahme des Internetvermarkters DoubleClick, wartete Google ein Jahr auf die Genehmigung. Theoretisch könnte ein anderes Unternehmen Google in dieser Zeit noch überbieten.

Doch selbst wenn alles glattläuft, stellt sich die Frage: Kann der "Googorola"-Deal die erbitterten Patentkämpfe beenden? Experte Müller ist skeptisch. Zwar sieht er Googles Verhandlungsposition gestärkt, die Kämpfe mit Firmen wie Apple oder Oracle aber könnten sich durch den Deal eher noch verschärfen.

Unterm Strich dürfte "Googorola" die Patenschlacht im Mobilfunksektor eher befeuern. Neben Apple, Nokia, Microsoft oder Oracle gibt es nun einen weiteren Akteur, der die Konkurrenz ihrerseits zu neuen, teuren Zukäufen zwingt.

Erst kürzlich etwa hatte Google in einem Bieterwettkampf um rund 6000 Patente aus dem Bestand der Konzerne Novell und Nortel Networks gegen ein Konsortium verloren, dem unter anderem Microsoft, Apple und der Blackberry-Hersteller Research In Motion (RIM) angehörten. Den Konkurrenten waren die Patente rund 4,5 Milliarden Dollar wert.

"In gewisser Weise erinnern die milliardenschweren Patentkäufe an das Aufrüsten im Kalten Krieg", sagt Müller. Das Nachsehen haben die Kunden. Denn das Geld, das die IT-Riesen in ihre Verteidigung stecken, fehlt für Innovationen. Zudem geben die Konzerne die Kosten für Lizenzen und Prozesse an den Endverbraucher weiter. Christopher White, Direktor des Finanzberaters Bristol York, schätzt, dass die Lizenzkosten für Patente schon jetzt 15 bis 20 Prozent des Produktpreises für Smartphones ausmachen.

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