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19. Dezember 2013, 13:49 Uhr

Wende in der US-Geldpolitik

Warum der Crash erst mal abgeblasen ist

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Ist die Finanzwelt nun völlig verrückt geworden? Monatelang zitterten Aktienhändler davor, dass die US-Notenbank den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik einläuten könnte. Nun ist genau das passiert - und die Kurse steigen. Ein Erklärungsversuch.

Hamburg - Jede gute Nachricht war zuletzt ein Alarmsignal: Eine leicht verbesserte Arbeitslosenquote in den USA, ein Zehntel Prozentpunkt mehr beim Wirtschaftswachstum - schon rasten die Aktienkurse nach unten. Die Händler trieb die Furcht, dass es bald vorbei sein könnte mit dem billigen Geld. Schließlich hatte die amerikanische Notenbank ja angekündigt: Sobald es mit der Wirtschaft wieder besser läuft und die Arbeitslosenquote sinkt, werde sie die milliardenschweren Anleihekäufe zurückzufahren, mit denen sie zusätzliches Geld in den Wirtschaftskreislauf pumpt und die Zinsen am Markt niedrig hält.

Am Mittwochabend war es nun soweit: Früher als erwartet kündigte der scheidende Fed-Chef Ben Bernanke den schrittweisen Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm an. Der erste Schritt soll schon im Januar kommen. Statt bisher 85 Milliarden Dollar will die Notenbank dann nur noch 75 Milliarden pro Monat ausgeben, um Staatsanleihen und Hypothekenpapiere am Markt aufzukaufen. Bis Ende 2014 könnte das Programm sogar ganz auslaufen.

Wer in den vergangenen Monaten die Warnungen der Experten gehört hat, musste also mit dem Schlimmsten rechnen. Die Anleger, so die Argumentation, würden ihr Geld blitzartig aus allen Risikoanlagen abziehen: Aktien, Schwellenländer, die Euro-Krisenstaaten - alles ganz, ganz schlimm. Als Fed-Chef Bernanke erstmals laut über den Ausstieg nachdachte, reichte das, um die Börsen wochenlang verrückt spielen zu lassen.

Nun ist alles ganz anders gekommen, jedenfalls vorerst: Die US-Aktienindizes Dow Jones und S&P 500 stiegen nach der Fed-Ankündigung so stark wie seit zwei Monaten nicht mehr - und schlossen auf dem höchsten Stand ihrer Geschichte. Auch der deutsche Leitindex Dax schoss nach oben, bis zum Mittag um 1,4 Prozent. Ähnlich sah es in Tokio, Paris, London und anderen Börsen der Welt aus. Feierlaune allenthalben. Waren die Warnungen also nur Panikmache?

"Die Katze ist aus dem Sack"

Die Erklärungsversuche der Börsenexperten klingen teilweise etwas hilflos. Wie ein Damoklesschwert habe die Unsicherheit in den vergangenen Monaten über dem Markt gehangen, sagte einer, nun sei diese Unsicherheit glücklicherweise weg. "Für die Finanzmärkte ist entscheidend, dass die Katze aus dem Sack ist", ließ sich ein anderer zitieren. Besonders überzeugend klingt das nicht.

Könnte es nicht einfach sein, dass die Investoren derzeit einfach jede Gelegenheit nutzen, um Aktien zu kaufen - und sich die Begründung dafür schon irgendwie zurechtbiegen? Ganz einfach, weil das viele Geld, das die Notenbanken Monat für Monat in den Markt pumpen, nun einmal irgendwo angelegt werden muss.

"Ich war auch überrascht, dass die Börsenreaktion so positiv ausfiel", sagt Christian Schulz, Ökonom bei der Berenberg Bank. Er hat eine Erklärung, die zumindest logisch klingt: Die Anleger, so Schulz, haben inzwischen ein so festes Vertrauen in den Niedrigzinskurs der Fed, dass sie noch sehr lange mit sehr billigem Geld rechnen.

In der Tat hat sich Notenbank-Chef Bernanke am Mittwochabend alle Mühe gegeben, die Investoren zu beruhigen und die Entscheidung zu den Anleihekäufen herunterzuspielen. "Anleihekäufe sind ein zusätzliches Werkzeug", sagte Bernanke. "Unser Hauptwerkzeug ist die Zinspolitik. Wir erwarten, dass die Zinsen für sehr lange Zeit niedrig bleiben."

Den Leitzins für die USA beließen die Notenbanker am Mittwoch erwartungsgemäß bei 0 bis 0,25 Prozent. De facto gibt es das Geld also weiter kostenlos - und das wohl noch ziemlich lange.

Für den Ökonomen Schulz ist entscheidend, dass Bernanke die Kopplung der Zinsen an die Arbeitslosenquote aufgehoben hat. Bisher hatte es stets geheißen, sobald die Quote auf 6,5 Prozent sinken werde, sollten die Zinsen wieder steigen. Das könnte schneller gehen, als gedacht, zuletzt war die Quote bereits auf sieben Prozent gesunken.

Grund genug für die Fed, das Ziel aufzuweichen. "Bernanke hat gesagt, dass man die Zinsen noch lange nach diesem Punkt niedrig halten werde", sagt Schulz. Möglich mache das die weiterhin niedrige Inflation.

Die Anleger können also beruhigt sein: Die Zeit des billigen Geldes geht so schnell nicht zu Ende. Der Crash ist erst einmal vertagt.

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