Coronakrise US-Ölkonzerne kämpfen um ihre Adelstitel

Die amerikanischen Ölgiganten halten trotz Wirtschaftskrise an der Ausschüttung an ihre Aktionäre fest. Außer Cash auf die Hand haben die bisherigen Dividenden-Aristokraten den Anlegern nur noch wenig zu bieten.
Von Ines Zöttl, Washington
Ölplattform vor der kalifornischen Küste: Welt in Ordnung - jedenfalls auf längere Sicht

Ölplattform vor der kalifornischen Küste: Welt in Ordnung - jedenfalls auf längere Sicht

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MARIO TAMA/ AFP

Sie werden Dividenden-Aristokraten genannt: die Unternehmen im Börsenindex S&P 500, die ihre Zahlungen an die Aktionäre in den vergangenen 25 Jahren jedes Jahr erhöht haben. Die amerikanischen Ölriesen gehörten lange zuverlässig zum Börsenadel. Chevron hat seine Dividende zuletzt während der Weltwirtschaftskrise 1934 gekürzt. ExxonMobil bringt es auf eine Strecke von 37 Jahren, in der die Anteilseigner verwöhnt wurden.

Doch nun stehen die fossilen Giganten mit dem Rücken zur Wand. Die Nachfrage nach ihren Produkten ist kollabiert, während Fabriken stillstehen und Autofahrer im Home Office festsitzen. Vor der Küste Kaliforniens dümpelten Ende vergangener Woche Dutzende Tanker, die nicht wussten, wohin mit der einst wertvollen schwarzen Fracht, die jetzt niemand mehr will. Trotz Produktionskürzungen übersteigt das globale Angebot weiter die Nachfrage.

"Wir erwarten eine Erholung. Und ich weiß, dass es eine geben wird"

ExxonMobil-Chef Darren Woods

Covid-19 werde die Welt verändern, sagen viele Beobachter voraus. Einer aber sieht das völlig anders: ExxonMobil-Chef Darren Woods. "Wir erwarten eine Erholung. Und ich weiß, dass es eine geben wird", beteuerte Woods bei der Vorlage der Quartalsergebnisse am Freitag. Für den Mittfünfziger, der den Konzern als CEO und Chairman quasi im Alleingang führt, ist die Ölwelt in Ordnung - jedenfalls auf längere Sicht. Die Coronakrise sei eine "Delle", wie man sie auch in der Vergangenheit überstanden habe. Das Fundament, auf dem sein Konzern steht, sieht Woods nicht in Gefahr: eine wachsende Weltbevölkerung, die nach Energie hungert. Es ist die Formel, die sich für die Branche 150 Jahre lang bewährt hat. Ein höherer Lebensstandard braucht Wachstum, Wachstum braucht Öl.

Doch selbst Woods räumt ein, dass "die große Frage" ist, wann die Krise überwunden sein wird. Und die Investoren scheinen seinen ungebremsten Optimismus nicht zu teilen. Während der Exxon-Chef die Zukunft rosa malte, bröckelte der Kurs. Zwischenzeitlich verlor die Aktie am Freitag mehr als sechs Prozent. Denn zum ersten Mal seit der Fusion vor zwei Jahrzehnten hat ExxonMobil einen Quartalsverlust gemeldet. Wegen des Ölpreiseinbruchs musste der Konzern drei Milliarden Dollar abschreiben.

Das geplante Mega-Investitionsprogramm für 2020 wird deshalb um zehn Milliarden Dollar oder 30 Prozent heruntergefahren, die Betriebskosten sollen kräftig sinken. Und Exxon bohrt tiefer am Kreditmarkt. Innerhalb von zwei Monaten hat das Unternehmen Anleihen im Wert von 18 Milliarden Dollar aufgelegt.

Nur die Dividende ist weiter sakrosankt. Im zweiten Quartal zahlt Exxon 87 Cents pro Aktie. Das ist zwar kein Plus, aber freigiebig im Vergleich zum Konkurrenten Royal Dutch Shell, der seine Anleger zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg rasiert.

Lange galt ein solcher Schritt als Tabu. Denn viel mehr als Cash auf die Hand hat die Branche den Investoren schon länger nicht mehr zu bieten.

Analysten bleibt nur noch ein Kaufargument bei Ölkonzernen: die Dividende

Im S&P rangiert das einstige Schwergewicht Energiesektor nur noch unter ferner liefen. Bei der Marktkapitalisierung liegt Exxon, "eines der mächtigsten Unternehmen, die der amerikanische Kapitalismus je geschaffen hat" (der Autor Steve Coll) heute gleichauf mit dem Streamingdienst Netflix. Im vergangenen Jahr – vor der Corona-Krise – lag der Gewinn dem Finanznachrichtendienst Bloomberg zufolge nur noch rund halb so hoch wie vor einem Jahrzehnt. Die Ratingagentur S&P hat jüngst ein weiteres Mal die Bonität von Exxon herabgestuft.

Analysten bleibt da nur noch ein Kaufargument: die Dividende. Exxon kommt aktuell auf eine Dividendenrendite von über sieben Prozent, damit kann kaum ein anderer Dow-Jones-Wert mithalten. Aber Achtung: Je stärker der Kurs sinkt, desto höher fällt rechnerisch der Ertrag pro Aktie aus.

Trotzdem hat die Ausschüttung hohe Symbolkraft. Wer die Dividende erhöhe, "hämmert auf den Tisch, dass er optimistisch ist", sagte Simeon Hyman vom Vermögensverwalter ProShares dem "Wall Street Journal": "Wenn Du kürzt, kapitulierst Du." Denn das bedeute, dass das Management sich auf schlechte Zeiten einrichte.

Viele Unternehmen allerdings scheinen genau davon überzeugt: dass die Zeiten absehbar schwierig bleiben werden. Über 200 börsennotierte Firmen und Fonds haben ihre Ausschüttungen in diesem Jahr schon gekürzt oder ganz gestrichen.

Woods will davon nichts hören – aber ein Hintertürchen lässt auch er sich offen. Über die Zahlungen an die Anteilseigner entscheide das Direktorium jedes Vierteljahr aufs Neue: "Die Schönheit der Dividende ist, dass sie flexibel ist."

Dass der Ölgigant im nächsten Berichtsquartal, das die Monate April bis Juni umfasst, bessere Zahlen vorlegen wird, erscheint wenig wahrscheinlich. Im Gegenteil dürfte der Konjunktureinbruch erst dann voll auf die Ertragsrechnung durchschlagen.

Die Tage des Dividendenadels scheinen gezählt.

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