"Shareholder Value" US-Konzerne verabschieden sich vom Aktionärs-Mantra

Eine ganze Managergeneration fühlte sich der Gewinnmaximierung verpflichtet. Doch nun lassen Amerikas mächtigste Konzernchefs von dem Ziel ab, vorrangig die Aktionäre zu beglücken. Ihre Kritiker wird das kaum besänftigen.

Wall Street in New York: Für Aktionäre will man einen "langfristigen Wert" ihrer Geldanlage schaffen
Johannes EISELE / AFP

Wall Street in New York: Für Aktionäre will man einen "langfristigen Wert" ihrer Geldanlage schaffen

Von , Washington


Diese Revolution hat einer angezettelt, der mitten im Herzen des Establishments sitzt: Jamie Dimon ist sozusagen an der Wall Street aufgewachsen.

Vater und Großvater waren Aktienhändler, er selbst hat seine ganze Karriere in der New Yorker Finanzbranche verbracht. Heute führt der 63-Jährige Amerikas größte Bank JPMorgan Chase und verdient jährlich rund 30 Millionen Dollar. Doch seit einiger Zeit scheinen Dimon Zweifel am System befallen zu haben. "Der amerikanische Traum lebt - aber für viele erodiert er", schrieb der Sohn griechischer Einwanderer kürzlich besorgt an die "lieben Mitaktionäre", während der beiliegende Geschäftsbericht einen Rekordgewinn der Bank für 2018 auswies.

Nun haben die Miteigner erneut Post von Dimon bekommen - diesmal als eine zweiseitige Anzeige im Wirtschaftsblatt "Wall Street Journal". Darin verabschiedet sich Amerikas Konzernelite vom Vorrang des "Shareholder Value", dem Konzept, das die Steigerung des Firmenwerts und Aktienkurses zur wichtigsten Aufgabe jeden CEOs erklärt. 181 Topmanager haben die "Erklärung zum Zweck eines Unternehmens" der Vereinigung Business Roundtable unterzeichnet, der Dimon vorsitzt. Mit dabei sind alle, die in der America Inc. Rang und Namen verkörpern.

JP-Morgan-Chef Jamie Dimon: "Der amerikanische Traum lebt - aber für viele erodiert er"
REUTERS

JP-Morgan-Chef Jamie Dimon: "Der amerikanische Traum lebt - aber für viele erodiert er"

  • Amazon-Gründer Jeff Bezos hat genauso unterschrieben wie
  • Tim Cook von Apple oder
  • GM-Chefin Mary Barra.
  • Auch Ford,
  • Coca-Cola,
  • Walmart,
  • Bayer,
  • Siemens,
  • Exxon,
  • SAP,
  • Goldman Sachs und
  • der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock sind mit von der Partie.

"Die Amerikaner verdienen eine Wirtschaft, die allen Menschen ermöglicht, mit harter Arbeit und Kreativität Erfolg zu haben und ein erfülltes und würdevolles Leben zu führen", schreiben sie. Dann geloben die Unterzeichner allen ihren Stakeholdern Fairness: den Kunden, den Beschäftigten, den Lieferanten und den Bürgern. Ach so, und dann wären da ja noch die Aktionäre, denen der letzte Spiegelstrich der Aufzählung gewidmet ist. Für sie will man immerhin einen "langfristigen Wert" ihrer Geldanlage schaffen.

Amazon-Chef Jeff Bezos
REUTERS

Amazon-Chef Jeff Bezos

Amerikas Wirtschaft wirft damit ein Mantra auf den Müllhaufen der Geschichte, das eine ganze Managergeneration geprägt hat. 1997 hatten sich die im Roundtable organisierten Unternehmen darauf verpflichtet, künftig "in erster Linie" den Anteilseignern zu dienen. Dabei blieb es zwei Jahrzehnte lang. Die Belange der sonstigen Interessengruppen spielten nach dieser Lesart nur "als Ableitung" der Verpflichtung gegenüber dem Aktionär eine Rolle, ganz so, wie es der Chicagoer Ökonom Milton Friedman empfohlen hatte. Nach dem Konzept des Wirtschaftsnobelpreisträgers beschränkt sich die Aufgabe der Unternehmen darauf, die Gewinne zu maximieren. Dabei müssen sie Gesetze und fundamentale Regeln einhalten, mehr aber auch nicht. Alle anderen gesellschaftlichen oder ethischen Zielsetzungen seien nicht Sache der Firmen, sondern des einzelnen Bürgers und des Staates.

Mehr Haltung zeigen

Die Idee, dass die unternehmerische Gier am Ende zum optimalen Ergebnis für die Volkswirtschaft führt, überzeugt jedoch immer weniger Amerikaner. Mit ihrer Abkehr von der Shareholder-Priorisierung reagierten die Unternehmen "auf den Zeitgeist", glaubt die Historikerin Nancy Koehn von der Harvard Business School. "Sie nehmen wahr, dass Business as usual nicht länger akzeptiert wird", sagte sie der "New York Times".

In einer Studie von 2018 forderten 78 Prozent der Befragten, dass die Unternehmen positiv auf die Gesellschaft wirken sollten. Die Vorstände stehen zunehmend unter Druck, sich zu Fragen wie Einwanderungspolitik oder Rassismus zu positionieren. Viele Millennials verlangen von ihrem Arbeitgeber Haltung. So zirkulierten Google-Mitarbeiter jüngst intern eine Petition, die sich gegen Geschäfte des Cloud-Anbieters mit den US-Einwanderungsbehörden wandte.

Die nun vorgelegten neuen Prinzipien der Unternehmensführung spiegelten besser, "wie Konzerne heute arbeiten können und sollen", sagt der Chef des Konsumgüterherstellers Johnson & Johnson, Alex Gorsky, der ebenfalls unterschrieben hat. "Es unterstreicht die zentrale Rolle, die Unternehmen darin spielen können, unsere Gesellschaft zu verbessern."

Gezielte Kampagne

Allerdings dürfte der Wirtschaft auch daran gelegen sein, sich auf diese Weise aus dem Schussfeld der Wahlkampfschlacht zu bringen. Denn die aussichtsreichen demokratischen Präsidentschaftsbewerber Elizabeth Warren und Bernie Sanders profilieren sich bei ihrer linken Basis mit Kritik an der vermeintlichen Übermacht der Konzerne. Die "rhetorische Umarmung" aller Stakeholder ziele mutmaßlich auch darauf ab, mögliche Reformen bei der Besteuerung und Regulierung der Unternehmen abzuwehren, mutmaßte der frühere Finanzminister Larry Summers in der "Financial Times".

Nicht nur er bezweifelt, dass es den Managern wirklich ernst ist. "Wir brauchen mehr als eine PR-Aktion", erklärt der linke Senator Sanders zu dem Vorstoß. "Wir brauchen einen konkreten Plan." Die Unternehmen müssten

  • Jobs zurück nach Amerika holen,
  • auskömmliche Löhne zahlen,
  • ihre Angriffe gegen Gewerkschaften einstellen und
  • höhere Steuern zahlen.

"Ich bin neugierig, ob irgendein CEO mir ein einziges greifbares Beispiel von etwas schickt, was man aufgrund dieser vermeintlich bahnbrechenden Erklärung stoppen wird", ätzt auch Anand Giridharadas, Autor des elitenkritischen Bestsellers "Winners Take All". Und auch Historikerin Koehn hält es für offen, ob sich die Geschäftspolitik wirklich verändert.

Kritik kommt allerdings auch aus dem anderen Lager. Wer vielen verantwortlich sei, sei am Ende keinem wirklich verpflichtet, warnte der Corporate-Governance-Experte Charles Elson von der University of Delaware in der "Washington Post". Er sieht zwischen dem Ziel des langfristigen Shareholder Value und der Zufriedenheit der Beschäftigten und Kunden keinen Widerspruch.

Tatsächlich haben nicht alle Roundtable-Mitglieder die Erklärung unterschrieben. So fehlen - aus ungenannten Gründen - unter anderem die Chefs der Investmentgesellschaft Blackstone und GE.

Vielleicht spielt auch Angst vor dem Zorn der Aktionäre mit. Einige Firmenjuristen seien beim Lesen des Dokuments "zurückgeschreckt", berichtet das Nachrichtenportal Axios, und hätten protestiert. Denn Firmenchefs, die sich nicht nur den Eigentümern, sondern hehren Zielen verschrieben, riskierten eine Verletzung der Treuepflicht gegenüber den Aktionären.

Am Ende setzten sich trotzdem die Reformer durch. Jamie Dimon scheint zu wissen, was er tut. 80 Prozent seines Jahresgehaltes wurden ihm in Aktien seines Unternehmens ausgezahlt.

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Blendy 20.08.2019
1. Meinen Shareholdern verpflichtet
Schade, ich hatte den Grundsatz seinerzeit ins Private übernommen. Meine Familie sind meine Anteilseigner und ich deren. Jegliches ziviles Engagement oder gar Ehrenämter wurden gestrichen, auch sonst unnütze Zeitverschwendungen wie Mitgefühl für jemanden aufbringen oder sonstiges Gedönds wurden aufgegeben. Warum sollten wir unser Leben anders leben als wir unser Vermögen investieren und unser Geld für uns arbeiten lassen?
merapi22 20.08.2019
2. Aufgabe der Wirtschaft = allen Menschen zu dienen
Das würde die Wirtschaft wieder vom Kopf auf die Füße stellen! Wenn heute Menschen den Interesse der Wirtschaft geopfert werden, dann widerspricht diese Ideologie dem Kapitalismus. Dieser ist eine Zugewinnwirtschaft für alle, nur wenn jeder Gewinn macht, auch das Dienstmädchen ist ständiges Wachstum möglich. Man sollte dies aber im Zusammenhang mit den vielen Zukunft-Visionen sehen, welche sich jetzt herausbilden. Star Trek Gesellschaft wäre die richtige Bezeichnung für diese nicht also ferne Zukunft! Das UBI-BGE ist der erste Schritt und wird es allen Menschen ermöglichen ihre besonderen Begabungen zu entdecken und zu fördern. Wenn 10 mal mehr in Wissenschaft, Forschung tätig werden, auch alle dann arbeitsfreien Behördenmitarbeiter wird sich die technische Entwicklung beschleunigen. Totaler Überfluss an allen wird alles was in Star Trek aufgezeigt wurde bald Realität werden lassen. https://futurism.com/the-byte/nyt-automated-luxury-communism?fbclid=IwAR2MVT6QyyqNGB3l_Upnd6Qa3XvhRGm3GOUvCd3TdKxymyMgibsbSYJXkpw
Emderfriese 20.08.2019
3. Kreide
"...1997 hatten sich die im Roundtable organisierten Unternehmen darauf verpflichtet, künftig 'in erster Linie' den Anteilseignern zu dienen..." Und was haben sie vorher gemacht? Dem Allgemeinwohl gedient? Natürlich haben die Unternehmer und die Superreichen Angst, es könnte ihnen demnächst an den Geldbeutel gehen. Deshalb fressen sie Kreide. Das ist alles...
christianu 20.08.2019
4. Ergebnis ist nicht alles, aber ohne Ergebnis ist alles nichts
Diese Erkenntnis ist wahrhaftig nicht neu, und sie gilt auch weiterhin uneingeschränkt. Gewinne sind ein Hauptzweck von Unternehmen, aber eben nicht um jeden Preis. Die Kunden müssen langfristig zufrieden sein, die Beschäftigten einen Sinn in ihrer Arbeit erkennen und der soziale Frieden muss gewahrt sein. Das erstrangige Streben nach Shareholder Value erfreut die Aktionäre und macht sie besonders reich, aber der Rest der Bevölkerung bleibt auf der Strecke. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, was man ganz besonders in den USA besichtigen kann, aber durchaus auch in Deutschland. Der Aufruf zu ausgewogenem Denken entspricht also nicht der Verzichtmentalität, sondern eher einer langfristigen Sicht.
heinzlichtaus 20.08.2019
5. aus Amerika nicht Neues
Als ich bei einem großen Deutschen Kreditinstitut in den 70 erJahren anfing wurde von einem "Dreiklang" gesprochen: Kunde, Mitarbeiter, Aktionär; deren Interessen sollten das wirtschaftliche Handel leiten. Irgendwann kam dann aus Amerika dann der "Shareholder Value" und intelligente Leute bei dieser Bank haben sich gefragt, ob denn nun Kunde und Mitarbeiter auf der Strecke bleiben; die Frage ist aus heutiger Sicht mit "Ja" zu beantworten. Jetzt kann man nur hoffen, dass diese Verbreiterung des Fokus wirtschaftlichen Handelns, die in den USA aktuell propagiert wird, von den Deutschen in bewährter Manier zu mehr als 120% umgesetzt wird und wir wären wieder da, wo wir vor längerer Zeit schon mal waren - das wäre endlich mal ein Schritt in die richtige Richtung!
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