US-Konsumenten in Shoppinglaune American Exzess

Trotz Handelskrieg und hoher Zölle: Die ungebremste Kauflust der Amerikaner hält die Konjunktur in Gang. Doch es gibt erste Alarmzeichen.

Einkaufen in New York: Der Arbeitsmarkt boomt, die Löhne steigen und Kredite sind billig
Eduardo Munoz Alvarez/ Getty Images

Einkaufen in New York: Der Arbeitsmarkt boomt, die Löhne steigen und Kredite sind billig

Von , Washington


Amerikas Evangelikale können aufatmen. Anders als auf Schuhe, Zahnbürsten oder Bluetooth-Kopfhörer wird auf den Import von Bibeln in die USA auch künftig kein Zoll erhoben. Eine Intervention der Christen sorgte dafür, dass die US-Regierung das religiöse Schriftgut von der Liste der Produkte aus China strich, die seit Anfang September einer Einfuhrabgabe von 15 Prozent unterworfen sind. Die Bibel-Steuer würde die Kirchen an ihrer Mission hindern, "Gottes Wort zu verbreiten", hatte der Chef des Verlags HarperCollins Christian Publishing in einer Anhörung flehentlich gewarnt. Donald Trump erhörte ihn.

Andere Lobbyisten sind weniger gesegnet. Die neue Strafsteuer, mit der der US-Präsident seinen chinesischen Amtskollegen im Handelsstreit in die Knie zwingen will, trifft ein Volumen von mehr als hundert Milliarden Dollar. Farbfernseher werden künftig ebenso besteuert wie Kontaktlinsen, Joghurt, Kirschwasser, Klaviere, Toilettensitze, Pferde und - vielleicht ist Trump das durchgerutscht - Golfschläger. Einige Branchen trifft es besonders hart. So fallen fast 90 Prozent aller in China gefertigten Textilien und Kleidung unter die Zollregelung.

Nach Berechnung des Peterson Institute for International Economics besteuert Amerika damit nun mehr als zwei Drittel aller Konsumgüter aus China. Wenn die vom Präsidenten angekündigte nächste Zollrunde am 15. Dezember in Kraft tritt, werden es 99 Prozent sein.

US-Bürger shoppen bisher, was das Zeug hält

Trumps Breitseiten gen Fernost treffen damit ausgerechnet diejenigen, die sich als wichtigste Stütze der Weltkonjunktur erwiesen haben: Amerikas Konsumenten. Ihnen ist es zu verdanken, dass die US-Wirtschaft bislang eine Rezession vermieden hat. Doch Ökonomen zweifeln, dass die robuste Nachfrage auf Dauer standhält.

Bislang werden die mehr als 300 Millionen Amerikaner ihrem Ruf gerecht: Sie shoppen, was das Zeug hält, gern auch auf Pump. Der private Verbrauch steuert fast zwei Drittel zur US-Wirtschaftsleistung bei. Im zweiten Quartal hat der Konsum dafür gesorgt, dass das Bruttoinlandsprodukt trotz schwächelnder Exporte und Investitionen der Unternehmen immer noch mit einer Jahresrate von 2,0 Prozent stieg. Die Verbraucherausgaben lagen mit einer Rate von plus 4,7 Prozent über den Erwartungen. Und auch im Juli lief es aus Sicht des Einzelhandels weiterhin prima. Profiteure des Trends sind die Konzerne, die lange ums Überleben in der Digitalwelt kämpfen mussten: Walmart und Target verbuchten steigende Quartalsumsätze und haben ihre Jahresprognosen angehoben. (Eine Analyse zu Walmarts Kampf gegen Amazon lesen Sie hier.)

Befeuert wird die Kauflust der Amerikaner durch eine Kombination von Faktoren.

  • Der Arbeitsmarkt boomt,
  • die Löhne steigen,
  • und Kredite sind dank Niedrigzinsen billig.
  • Auch der vergleichsweise niedrige Ölpreis macht Laune.

Einmal volltanken kostete am diesjährigen Labour-Day-Wochenende, das die Autofahrer-Nation für die letzte Auszeit des Sommers nutzt, so wenig wie seit drei Jahren nicht.

"Die Basis ist fragil"

Hudson Yards in Manhattan, New York (Archivbild)
Brendan McDermid/ REUTERS

Hudson Yards in Manhattan, New York (Archivbild)

Der Konsument habe die Rolle des Atlas übernommen, des Titanen der griechischen Mythologie, der das Himmelsgewölbe über der Welt stützt, urteilte Diane Swonk, Chefvolkswirtin der Beratungsfirma Grant Thornton. Amerikas Verbraucher trage nun "die Wirtschaft auf seinen Schultern". Auch im Weißen Haus hofft man, dass damit die Rezession vor der Präsidentschaftswahl 2020 ausbleibt. "Die Wirtschaft ist unglaublich. Der Verbraucher, wahrscheinlich mehr als alles andere, ist unglaublich", jubelt Trump.

Viele Experten jedoch bezweifeln, dass das Kalkül aufgeht. Sie ahnen wie Swonk, dass der Titan ins Wanken geraten könnte - und der Himmel dann einstürzt. "Die Basis ist fragil", warnte die Volkswirtin. Wenn die Unternehmen ihre Investitionspläne auf Eis legen, wird das letztendlich auf die Nachfrage durchschlagen. Schließlich sind es die Firmen, die die Jobs schaffen und die Gehälter zahlen, mit denen ihre Mitarbeiter einkaufen gehen.

Bislang schien die Stimmung der Amerikaner eher vom Parteibuch als von der Realwirtschaft abzuhängen: In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts PEW im Juli bewerteten 80 Prozent der Republikaner den Zustand der Wirtschaft als "gut" oder "exzellent", während nur 33 Prozent der Demokraten diesen Optimismus teilten.

Doch im August, als Trump die Konfrontation mit China eskalierte, ist das Verbrauchervertrauen gesunken. Der Index der University of Michigan fiel so stark wie zuletzt im Dezember 2012. Die "Erosion des Verbrauchervertrauens" sei in vollem Gange, erklärten die Forscher. Jeder Dritte der Befragten habe spontan die Zollpolitik der Regierung genannt. Die Daten seien das "erste Anzeichen, dass der amerikanische Verbraucher womöglich doch nicht die Weltwirtschaft rettet", urteilte der Chefvolkswirt von Capital Economics, Paul Ashworth.

Kein Appetit auf Preiserhöhungen

Trumps Wirtschaftsberater wollen davon nichts wissen. Denn zum einen verbilligt die jüngste Abwertung der chinesischen Währung die Importe und gleicht damit höhere Zollkosten zumindest teilweise aus. Auch ist offen, inwieweit die Unternehmen die Kosten weitergeben. Die Kaufhauskette Macy's gab einen ersten Versuch, die Preise für Reisegepäck, Haushaltswaren und Möbel zu erhöhen, schnell wieder auf. Man habe gemerkt, dass der Käufer "keinen Appetit auf Preiserhöhungen verspürt", erklärte Unternehmenschef Jeff Gennette. Auch Konkurrent Target hat angekündigt, dass die Zollkosten nicht die Kunden, sondern die Lieferanten ausbaden müssen.

Dagegen will die Einzelhandelskette Kohl's die "Preiselastizität" seiner Klientel austesten und dann "vernünftige und chirurgische Entscheidungen" treffen.

Wie das aussehen kann, haben die Waschmaschinenhersteller vorgemacht - sie erhöhten auch gleich die Preise für Wäschetrockner, obwohl darauf gar keine Zölle fällig sind. Am Ende verdiente die Branche mehr als vorher.

Trump jedenfalls will sich nicht aufhalten lassen. "Amerikas Freiheit" stehe auf dem Spiel, verkündet er und rät den Amerikanern gönnerhaft: "Es gibt keinen Grund, alles von China zu kaufen."

Tatsächlich lässt der überzeugte Handelskrieger nicht einmal die Christen Amerikas ganz ungeschoren davonkommen. Auf Rosenkränze aus China müssen die Importeure seit Sonntag 15 Prozent Zoll bezahlen.

insgesamt 32 Beiträge
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muellerthomas 03.09.2019
1.
Gerne auch auf Pump? Die Verschuldung der US-Privathaushalte ist von 134% des verfügbaren Einkommens auf 99% gesunken - damit liegen die US-Konsumenten im internationalen Vergleich im Mittelfeld.
P-Schrauber 03.09.2019
2. Sturm im Wasserglas
Zu den allgemeinen Waren des täglichen Einkaufs: Die derzeitigen Warensteuern in den USA sind sehr niedrig und sie sind nicht Teil des Preises per se sondern werden zum Schluss in der Gesamtsumme hinzu addiert, vor allem gibt es beim täglichen Einkauf so viele Sonderangebote wie: "buy one get one free", "buy five of one brand … and get 30% off", "use this Card and get … off" usw. man wird förmlich erschlagen vom Angebot und den Nachlässen … Zu den tatsächlich sichtbaren Boom: Wer den derzeitigen Bauboom in den Städten sieht kann nicht von einer Rezession sprechen erst recht nicht wenn so viel in die Infrastruktur und in die Städte gesteckt wird, Minneapolis bekommt ein komplett neues Stadtautobahnnetz, in Chicago sprießen die Wolkenkratzer derzeit wie Pilze aus den Boden, werden mindestens 10 gleichzeitig gebaut, selbst die Chicago Tribune höhlt derzeit ihren Tower komplett aus um das Innere vollkommen neu zu gestalten, von Rezession oder einer Angst davor ist nichts aber auch gar nichts zu spüren. Selbst auf dem flachen Land wird erneuert und gebaut was der Doller hergibt Windenergieanlagen in einer Geschwindigkeit errichtet das ist unglaublich, in South Dakota kommt jede 1/2 h ein Lastzug mit Großbauteilen für Windenergieerzeuger auf den Highway vorbei, die Prärie bietet sich natürlich an … Die Autorin verliert sich hier im Zusammenzählen von Kleinigkeiten, sicherlich löblich aber total an der Wirklichkeit vorbei, da hätte ich von jemanden vor Ort mehr erwartet viel mehr!
nokaner 03.09.2019
3. Und wir machen uns Sorgen ums Klima
Und sparen bei den Tüten für Obst und Gemüse. Irgendwie passt das alles nicht zusammen...
hagebut 03.09.2019
4. Kein Wunder
Wenn in einer Volkswirtschaft die Konsumlaune sehr hoch ist, dann sollte man sich immer zuerst fragen, wer sich dafür verschuldet hat. In den USA braucht man dazu nicht lange suchen: Der Staat nähert sich der eine Billion US-Dollar Marke an jährlicher Verschuldung. Warum machen wir das in der Eurozone nicht genauso? ;-)
hagebut 03.09.2019
5. "Die Löhne steigen"
Auch hier leuchtet es doch jedem sofort ein, dass höhere Löhne höheren Konsum bedeuten. Ist es aber nicht. In der Eurozone werden höhere Löhne durch höhere Güterpreise überkompensiert, wenn man die empirischen Daten über einen längeren Zeitraum betrachtet (10 Jahre oder mehr). Wie sich das in den USA darstellt, weiß ich nicht. Wenn dort aber höhere Löhne zu höherem Konsum führen, dann danke an die dortigen Unternehmen, dass sie auf einen Teil ihres Gewinns verzichten. ;-)
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