Verbot von Leerverkäufen Planlos, hilflos, kontraproduktiv

Es soll mal wieder der große Schlag gegen Spekulanten sein: Vier europäische Staaten verbieten Leerverkäufe, mit denen Anleger auf fallende Kurse wetten. Aber löst der Schritt wirklich das Problem? Experten sind skeptisch - und warnen sogar vor einer Verschärfung der Krise.
Börse in Paris: "Jede Preisentwicklung woanders wird registriert"

Börse in Paris: "Jede Preisentwicklung woanders wird registriert"

Foto: Ian Langsdon/ dpa

Hamburg - Mit den Regierungen dieser Welt ist es manchmal wie mit verzweifelten Eltern: Gibt es Differenzen, werden Standpunkte zunächst lang und breit erklärt - mal geduldig, mal weniger. Wenn auch das nicht hilft, hagelt es Verbote.

Am Donnerstagabend war es in Frankreich wieder Zeit für ein Verbot: Die Finanzaufsicht AMF untersagte Börsenhändlern für 15 Tage Leerverkäufe für die Aktien von Banken und Versicherern. Wie ungehorsame Kinder wollten Spekulanten der Regierung und den Banken nicht gehorchen: Sie wetteten auf einen Fall der Aktienkurse der Geldhäuser - trotz aller Stabilitätsbeteuerungen des Elysée und der Finanzbranche. Und die Strategie der Börsianer ging auf: Die französischen Bankaktien verloren weiter und weiter.

Nun aber soll durch das Leerverkaufsverbot mit der Erfolgsserie der Spekulanten Schluss sein - auch über Frankreichs Grenzen hinaus. Kurz nach der französischen Offensive kündigten auch Italien, Spanien und Belgien ein befristetes Verbot an.

Die Schritte wecken böse Erinnerungen: Nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers im Herbst 2008 hatten viele Länder Leerverkäufe vorübergehend verboten, um weitere Verluste einzudämmen - konnten das Schlimmste jedoch nicht verhindern.

Doch was sind Leerverkäufe überhaupt? Und worum geht es bei dem jetzigen Verbot? Kann der Eingriff wirklich helfen, die Nervosität an den Märkten zu beenden? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was sind Leerverkäufe?

Kurz gesagt: Wer das Risiko an der Börse liebt, kommt um Leerverkäufe nicht herum. Denn mit diesem Instrument lässt sich viel Geld gewinnen - aber auch verlieren. Und das kann so funktionieren: Ein Händler verkauft Aktien zum Stückpreis von zehn Euro weiter, die er sich selbst bei anderen Investoren nur geliehen hat. Fällt der Preis des Wertpapiers in den folgenden Wochen auf fünf Euro, kauft der Spekulant die Aktien wieder, um sie dem ursprünglichen Besitzer zurückzugeben. Er macht dann pro Wertpapier fünf Euro Gewinn, wovon er nur noch die Leihgebühr abziehen muss (siehe Fotostrecke unten). Steigen die Kurse bis zum vereinbarten Rückgabezeitpunkt jedoch, verliert er Geld.

Es gibt zwei Formen von Leerverkäufen: Unterschieden wird zwischen gedeckten und ungedeckten. Im ersten Fall leihen sich Investoren Aktien, die sie weiterverkaufen wollen. Bei ungedeckten Verkäufen besitzen Börsenhändler diese nicht einmal, sondern verkaufen Aktien, ohne sie zu besitzen. Auf Leerverkäufe professionalisierte Hedgefonds setzen vor allem auf die zweite, weil noch gewinnbringendere Variante.

Fotostrecke

Erklärgrafiken: So funktionieren Leerverkäufe

Foto: SPIEGEL ONLINE

Problematisch wird es, wenn der Markt von einer Flut an Leerverkäufen überschwemmt wird. Dann kann der Aktienkurs eines Unternehmens allein dadurch unter Druck geraten. Es gibt eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Einigen Händlern werden sogar kriminelle Absichten vorgeworfen - etwa das gezielte Streuen schlechter Nachrichten über Unternehmen. Ähnliches soll der französischen Großbank Société Générale nach eigenen Aussagen widerfahren sein: Mitte der Woche wurden Gerüchte gestreut, dass das Geldhaus finanzielle Schwierigkeiten habe. Die Bank wies dies jedoch als "absoluten Müll" zurück. Doch bis zum Verbot half das alles nicht: Der Kurs der Bankaktie gehörte in den vergangenen Tagen zu den größten Verlieren am Aktienmarkt.

Was bringt das Verbot?

Gemessen am Freitagskurs der zuletzt gebeutelten Bankaktien zeigt das Verbot Wirkung - in positiver Hinsicht. Das Papier der Société Générale   (SocGen) legte nach tagelangem Abwärtstrend zu, andere Finanzwerte zogen mit. Frankreich habe eine "sehr entschlossene Antwort" auf die Spekulationen gefunden, kommentierte der Chef der französischen Börsenaufsicht.

Doch der Jubel ist womöglich verfrüht. Denn die Wirkung der Maßnahme könnte schnell nachlassen. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens finden Spekulanten immer neue Wege für ihre Geschäfte. Sie können einfach auf andere Handelsplätze ausweichen, etwa nach London oder New York gehen. Dort sind die hochspekulativen Geschäfte weiter erlaubt. Im Fall der kriselnden SocGen etwa würde das bedeuten, dass Spekulanten die Aktie nicht mehr in Paris für ihre Leerverkäufe nutzen, sondern die in New York gelistete. Das Problem dabei: "Die Märkte sind heute so eng miteinander verzahnt, dass jede Preisentwicklung woanders registriert wird und unmittelbar Auswirkungen hat", sagt Finanzexperte Hans-Peter Burghof von der Uni Hohenheim.

Im Klartext heißt das: Gilt das Verbot für Leerverkäufe nicht überall, verpufft die jetzige Maßnahme. "Das ist einer dieser Schritte, zu denen Politiker greifen, wenn sie keine anderen Pfeile mehr im Köcher haben", sagt Regulierungsspezialist James Angel von der Georgetown University in Washington.

Der zweite Grund für die Skepsis der Fachleute ist die ungelöste europäische Schuldenkrise. Denn solange die finanziellen Schwierigkeiten in Athen, Madrid oder Rom nicht gelöst werden, gibt es immer wieder neue Nahrung für Spekulanten. Der Markt, so kompliziert er auch wirken mag, folgt nämlich einfachen Regeln. Er reagiert auf gute und schlechte Nachrichten. Anders gesagt: Vermitteln die europäischen Regierungen den Eindruck, dass sie ein Problem nicht im Griff haben, wird massiv gegen sie gewettet. Genau das ist derzeit der Fall.

Verstärkt wird das Problem den Fachleuten zufolge dadurch, dass Belgien bei dem Verbot mitmacht. Wer hat zuletzt schon nach Belgien geschaut? Die Gefahr: Die Spekulationen gegen Brüssel könnten jetzt erst losgehen - und die Euro-Krise verschärfen.

Das 15-Tage-Aus für Leerverkäufe ist aus Sicht der Fachleute daher eine sehr kurzsichtige Maßnahme. Denn die Euro-Krise wird auch Ende August noch nicht gelöst sein.

Droht der europäischen Finanzbranche eine Regulierungsflut?

"Wir haben es doch immer gewusst" - so in etwa ließ sich die deutsche Reaktion auf die Ankündigung der Verbote der vier Euro-Partner am Freitag deuten. Für die Regierung in Berlin sind die Schritte von Madrid bis Brüssel so etwas wie eine verspätete Bestätigung: Als die schwarz-gelbe Koalition im vergangenen Sommer ein langfristiges Verbot ungedeckter Leerverkäufe für alle Aktien und Staatsanleihen der Euro-Länder durchsetzte, zog kein anderes europäisches Land mit. Nun wirbt die Regierung von Angela Merkel (CDU) erneut für das Projekt - unterstützt von der deutschen Bankenbranche.

Dieses Mal sind die Chancen für eine europaweite Regulierung größer. Die EU-Kommission erklärte am Freitag, die Verhandlungen für einheitliche europaweite Leerverkaufsverbote seien sehr weit fortgeschritten. Sie rechne in Kürze mit einer Einigung. Noch wird das Vorhaben im Parlament verhandelt.

Doch folgen weitere Regulierungen? Finanzexperten halten das für sehr unwahrscheinlich. Schon nach der globalen Finanzkrise 2008 hatten sich die europäischen Regierungen schwer mit konkreten Maßnahmen getan. Vor allem die britische Regierung fürchtete um den Einfluss ihres Finanzplatzes London - und blockierte jedes größere Vorhaben. Dieses Mal dürfte es nicht anders sein.

Finanzprofi Burghof glaubt nicht einmal daran, dass es neue Vorschläge geben wird: "Der Instrumentenkasten ist leer." Ihm zufolge bedarf es auch nicht neuer und strengerer Regeln, um die Märkte im Zaum zu halten. Mehr Transparenz und Ehrlichkeit der Regierungen würden schon helfen. "Investoren überzeugt ein ernstgemeintes und gut gemachtes italienisches Sparpaket doch mehr als jedes vehemente Dementi eines Gerüchts."

Mit Material von Reuters und dpa
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