Verhandlungspoker GM setzt bei Opel auf Hinhaltetaktik

Was hat GM mit Opel vor? Bund, Länder und Beschäftigte der deutschen Traditionsmarke rätseln über die Pläne des US-Mutterkonzerns. Die Beteiligten brauchen viel Geduld. Denn nach einem ergebnislosen Treffen in Berlin ist klar, dass mit einer schnellen Lösung kaum zu rechnen ist.
Opel-Logo: GM spielt auf Zeit

Opel-Logo: GM spielt auf Zeit

Foto: ddp

Berlin/Rüsselsheim - Magna? RHJI? Oder doch General Motors? Die Verhandlungen darüber, an wen Opel geht, werden immer unübersichtlicher. Ein Verkauf der deutschen Traditionsmarke noch vor der Bundestagswahl am 27. September scheint unwahrscheinlicher denn je. Denn der Deal gerät zur Hängepartie - weil der US-Mutterkonzern GM die Gespräche ausbremst.

Am Dienstag flog GM-Vizechef John Smith aus Detroit in Berlin ein. Vor dem Treffen überschlug sich die Polit-Prominenz mit Forderungen. GM müsse alle Karten auf den Tisch legen, die 25.000 Opelaner in Deutschland bräuchten endlich Gewissheit.

Nach dem knapp zweistündigen Gespräch des Managers mit drei Staatssekretären wurde es merklich ruhiger. Bund und Länder müssen einsehen, dass sich GM nicht aus der Reserve locken lässt. Geduldig hörte sich Smith die Argumente der Regierungsvertreter für das Magna-Angebot an. Ebenso geduldig erklärte der Amerikaner den Beamten, dass GM den Finanzinvestor RHJI lieber hätte. Smith versprach noch, er werde den GM-Verwaltungsrat über die deutsche Position informieren. Für kommenden Freitag ist ein weiteres Treffen angesetzt. Das war es dann schon.

GM überdenkt Opel-Verkauf

Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bemühte sich im Anschluss darum, die Gemüter zu beruhigen. "Wir haben das ganz klare Interesse signalisiert bekommen auch seitens der Unternehmens-Management-Spitze, dass man eben gerade diesen Investorenprozess weiter vorantreiben will", sagte Guttenberg am Dienstagabend im ZDF. Es gehe jetzt darum, "die Dinge zu klären".

Der neu besetzte GM-Verwaltungsrat habe "Defizite in der Kenntnis" und müsse deshalb von dem Management zunächst informiert werden, sagte der CSU-Politiker. "Die hatten teilweise offensichtlich noch nicht wirklich viel Ahnung von dem Verhandlungsstand und müssen sich jetzt auf den neuesten Stand bringen lassen." Der Vorgang sei völlig normal.

Einzelne Mitglieder des GM-Verwaltungsrats hatten die Trennung von Opel bereits bei der Sitzung des Gremiums am Freitag den Informationen zufolge in Frage gestellt. Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" wiesen sie darauf hin, "wie stark ein derartiger Verkauf die GM-Strategie in Europa beeinträchtigen würde". Der Verwaltungsrat habe eine Opel-Übernahme durch den österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna deshalb abgelehnt, schrieb die Zeitung. Demnach prüft das GM-Management nun Pläne, den Hersteller mit eigenem Geld zu sanieren und im Konzern zu behalten. Ein Alternativplan soll demnach Anfang September stehen.

Ein Verbleib der deutschen Tochter im US-Mutterkonzern wäre nach dem monatelangen Tauziehen um die Zukunft von Opel eine Kehrtwende. Zuletzt war es nur noch um die Frage gegangen, ob GM seine Tochter an Magna   oder RHJI abgibt. Die Bundesregierung favorisiert den österreichisch-kanadischen Zulieferer, GM dagegen den belgischen Finanzinvestor.

Obama lässt GM freie Hand

Die Bundesregierung hat jedoch praktisch nichts mehr in der Hand, um Druck auszuüben. Die am Wochenende dezent platzierten Warnungen, eine Opel- Hängepartie könnte die deutsch-amerikanischen Beziehungen belasten, verhallten. US-Präsident Barack Obama ließ aus dem Urlaub verkünden, die GM-Spitze habe freie Hand. Er wolle sich nicht einmischen.

Die Deutschen müssen jetzt abwarten, wie der GM-Verwaltungsrat entscheidet. Dort hat die US-Regierung nach der staatlichen Rettungsaktion viele neue Gesichter platziert. Branchenexperten glauben, dass die Einsicht wächst, dass der neue GM-Konzern mit Opel besser in eine erfolgreiche Zukunft fahren kann.

Für die Arbeiter an den Opel-Bändern und die Betriebsräte wäre es der blanke Horror. Sie sehen GM als böse amerikanische Stiefmutter, die für die desolate Lage verantwortlich ist. Die Liste der Vorwürfe ist lang: Unfähige US-Manager kamen und gingen, Qualität und Image der Marke wurden in den neunziger Jahren beschädigt und Opel wurde verwehrt, eine globale Marke zu werden.

Wenn es hart auf hart kam, ließ GM   mit Sanierungsprogrammen und dem Abbau Tausender Stellen Opel "ausbluten", so wird geklagt. "Wir werden nicht akzeptieren, dass GM das Rad wieder zurückdreht und uns mit seinem desaströsen 'Weiter so' in den Abwärtsstrudel reißt", wettert Ober-Betriebsrat Klaus Franz. Als ersten Schritt nahmen die Mitarbeiter ihren Urlaubsgeld-Verzicht zurück.

Branchenexperte: "Opel ist alleine nicht lebensfähig"

Experten teilen die Sicht der Arbeitnehmer allerdings nur teilweise: "Opel alleine ist nicht lebensfähig - mit GM zusammen aber schon", sagt Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft. Jeder neue Partner - egal ob Magna oder RHJI - stünde vor großen Problemen. Er müsste Opel wettbewerbsfähig machen und schnell globalisieren. Das ist keine leichte Aufgabe bei Automärkten, die weltweit schrumpfen. Zudem werden die Rüsselsheimer für Detroit immer wichtiger, weil sie im Entwicklungszentrum die sparsamen Autos der Zukunft planen - das stärkt die Position von Opel im GM-Verbund.

Andere vermuten, GM habe Opel nie wirklich verkaufen wollen. Jetzt, nach dem Ende des nur 40-tägigen Insolvenzverfahrens, werde das ganz deutlich. "GM will der größte Autobauer der Welt sein - und zwar mit Opel. Warum sollte sich ein gesunder Mann den rechten Arm abhacken?", sagt Christoph Stürmer vom Prognose-Institut Global Insight. GM sei wieder wer und könne sich am Kapitalmarkt frisches Geld beschaffen, um in Opel zu investieren.

Noch eine weitere Möglichkeit wäre denkbar: Danach will GM mit seiner Verzögerungstaktik erreichen, dass Bund und Länder ihren Favoriten Magna fallenlassen. "Aus unserer Sicht hat RHJI das bessere Angebot vorgelegt, das weniger Jobs streicht und mit weniger Steuergeldern auskommt. Warum sollten wir das nicht umsetzen?", hieß es in den GM-Kreisen.

mik/dpa/AP/Reuters