Verpatzte Versteigerung Fondsmanager warnen vor Stillstand auf Anleihenmarkt

Finanzprofis in Sorge: Weil sich zuletzt selbst für deutsche Anleihen nicht mehr genügend Abnehmer fanden, warnt Deutschlands größte Fondsgesellschaft vor einem Zusammenbruch des Markts. DWS-Geschäftsführer Wöhrmann mahnt eine schnelle Lösung an - lehnt Euro-Bonds aber ab.

Börsenhändler in Frankfurt: "Selbst Italien ist ja schon toxisch"
dapd

Börsenhändler in Frankfurt: "Selbst Italien ist ja schon toxisch"


Frankfurt - Seit Wochen befinden sich die Anleihen vieler Euro-Länder unter Druck. Am Mittwoch sorgte eine Auktion deutscher Papiere für Unruhe, bei der sich nicht genügend Abnehmer für die bislang äußerst beliebten Papiere fanden. Dieses Zeichen des Misstrauens sorgt auch bei Deutschlands größter Fondsgesellschaft DWS für Sorge. "Seit dieser Woche wissen wir: Das System kann sich nicht mehr selbst stabilisieren", sagte der Geschäftsführer der Deutsche-Bank-Tochter, Asoka Wöhrmann, am Donnerstag in Frankfurt.

Der Markt erhöhe den Druck auf die Politik, eine nachhaltige Lösung für die Schuldenkrise zu finden, sagte Wöhrmann. Er warnte vor einem längerfristigen Stillstand auf dem Anleihenmarkt: "Die Dynamik überholt uns. Wenn wir länger warten, gibt es nicht nur einen Jahresend-Shutdown bei Staatsanleihen, sondern einen Shutdown für die kommenden Monate."

Dem Anlageexperten zufolge müssen sich die Staaten ernsthaft fragen, von wem sie künftig noch Geld bekommen. Nicht nur die Banken gingen in einen Käuferstreik über, auch Vermögensverwalter und Versicherer zögen sich zunehmend zurück. Die Anlageklasse sei einfach nicht mehr risikofrei: "Selbst Italien ist ja schon toxisch", sagte Wöhrmann, der auch Chef-Anlagestratege von DWS ist.

"Jeden Tag nimmt der Stress zu"

Zwar habe DWS selbst immer noch viele Bundesanleihen im Portfolio, sagte Fondsmanager Stefan Kreuzkamp, der das Europa-Geschäft mit festverzinslichen Anleihen verantwortet. Der Grund sei aber vor allem der Mangel an Alternativen. "Es muss jetzt schnell eine Lösung her, jeden Tag nimmt der Stress im System zu." Erst wenn sich ein tragfähiger Ausweg aus der Schuldenmisere abzeichne, werde er auch wieder in sogenannte Peripheriestaaten investieren. Darunter werden Länder am Rande der Euro-Zone wie Portugal oder Griechenland verstanden.

Zwei Instrumenten im Kampf gegen die Krise werden derzeit besonders heftig diskutiert: massive Aufkäufe von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) und gemeinsame Staatsanleihen, sogenannte Euro-Bonds, zu denen die EU-Kommission gerade ein Konzept vorlegte. Beide Vorschläge werden von der Bundesregierung jedoch bislang abgelehnt.

Auch DWS-Geschäftsführer Wöhrmann hält von den Ansätzen wenig: Die EZB dürfte nicht zum dauerhaften Risikomanager werden, sagte er. Vielmehr solle die EU die von Deutschland geforderte Fiskalunion mit strikter Haushaltsdisziplin anstreben. "Man muss wissen, wo man hinläuft."Die EZB könne mit ihren Staatsanleihekäufen nur eine "Brückenfunktion" übernehmen. Auch Euro-Bonds seien zum jetzigen Zeitpunkt das falsche Mittel, sagte Wöhrmann: Sie "verkleisterten" die Probleme in den Schuldenstaaten.

Italien erneut über sieben Prozent

Die Lage am europäischen Anleihenmarkt blieb auch am Donnerstag angespannt. Während die Rendite für zehnjährige Anleihen aus Frankreich auf hohem Niveau bei 3,7 Prozent verharrte, stieg die Zehnjahresrendite in Italien wieder über die Marke von sieben Prozent. Diese Schwelle gilt als kritisch, da die Euro-Länder Griechenland, Irland und Portugal bei Erreichen ähnlicher Niveaus gerettet werden mussten.

Deutlich unter Druck gerieten auch portugiesische und irische Staatspapiere. Die Rendite für zehnjährige Anleihen aus Portugal stieg um rund 0,8 Punkte auf 11,75 Prozent, die Rendite für irische Titel kletterte ähnlich stark auf bis zu 9,6 Prozent.

Händler nannten als Hauptgrund, dass Fitch als zweite große Agentur die Bonität Portugals in den Ramschbereich abstufte. Der Anstieg hat für Portugal und Irland vorerst jedoch keine Konsequenzen, da beide Länder mit Mitteln des Rettungsfonds EFSF gestützt werden und sich deshalb kein frisches Geld am Kapitalmarkt leihen müssen.

Auch belgische Zehnjahrestitel mussten abermals deutliche Renditeaufschläge hinnehmen und stiegen bis auf 5,7 Prozent. Im Vergleich dazu ist die zehnjährige Rendite in Deutschland mit 2,18 Prozent trotz eines Anstiegs nach der Auktion am Mittwoch immer noch sehr niedrig.

Die Rendite fünfjähriger Bundesanleihen stieg laut einem Bericht des "Wall Street Journal" am Donnerstag jedoch über den Zinssatz entsprechender Papiere in Großbritannien: Am späten Nachmittag seien für deutsche Fünfjahresanleihen 1,25 Prozent gezahlt worden, für entsprechende britische Papiere dagegen 1,07 Prozent.

dab/Reuters/dpa-AFX

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systemmirror 24.11.2011
1. Logisch
Für diese winzige Rendite legt keiner Geld an. Da ist Spanien, Portugal oder andere interessanter. Vor allem weil man zu den Zinsen auch noch die Verluste durch die EU erstattet bekommt. Damit es nicht auffällt, macht eben kleinere Tranchen.
ProDe 24.11.2011
2. dem ist wenig hinzuzufügen
Zitat von systemmirrorFür diese winzige Rendite legt keiner Geld an. Da ist Spanien, Portugal oder andere interessanter. Vor allem weil man zu den Zinsen auch noch die Verluste durch die EU erstattet bekommt. Damit es nicht auffällt, macht eben kleinere Tranchen.
sehe ich auch so. Wozu
maxgil 24.11.2011
3. Hirn
Vielleicht kapiert Mutti jetzt einmal, dass weiter Schulden machen nicht mehr geht. Eigentlich können wir uns nur wünschen, dass das so weitergeht und niemand unsere Giftpapiere kauft!
schnitti23 24.11.2011
4. Keine Sorge!
Das Desaster bei der Versteigerung war eigentlich vorauszusehen. Wer investiert denn zu Zinsen, die nicht mal die Inflation ausgleichen?
günter1934 24.11.2011
5. *
Zitat von schnitti23Das Desaster bei der Versteigerung war eigentlich vorauszusehen. Wer investiert denn zu Zinsen, die nicht mal die Inflation ausgleichen?
Es gibt auch Leute, die Gold kaufen, ohne Zinsen und man muss es noch sicher aufbewahren. Wenn die deutschen Staatsanleihen wirklich 100pro sicher wären, gäbe es vielleicht auch Leute, die sie ohne Zinsen kaufen würden und fürs Aufbewahren noch zahlten. Bundesschatzbriefe sind aber kein Gold, das wird im nächsten Jahr viele Leute sehr überraschen!
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