Verschwörungstheorien der Wirtschaft Wie Scientology angeblich Konzerne kapert

Pssst! Haben Sie es schon gewusst? In kaum einem anderen Lebensbereich kursieren so viele Verschwörungstheorien wie in der Wirtschaft. SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten vor. Diesmal: Welche Konzerne angeblich von Scientology unterwandert wurden.
Scientology-Niederlassung in Berlin: Die Sorge vor der heimlichen Ausspähung

Scientology-Niederlassung in Berlin: Die Sorge vor der heimlichen Ausspähung

Foto: A3397 Gero Breloer/ dpa

Die Theorie

Die Seelenfänger von Scientology begnügen sich nicht mehr mit Büchertischen in der Fußgängerzone und Lockplakaten an den Fenstern ihrer Niederlassungen. Sie holen sich über Umwege Infos und finanzielle Unterstützung - und zwar so geschickt, dass es die Betroffenen gar nicht merken. Der Verdacht von Verschwörungstheoretikern: Scientology unterwandert bedeutende Konzerne und nutzt sie für ihre Zwecke. Schließlich beobachtet auch der Verfassungsschutz genau, was die Sekte macht.

Bei Microsoft und dem Bierkonzern Warsteiner hielten sich die Gerüchte besonders hartnäckig. Warsteiner erwischte es bereits 1994. In norddeutschen Kneipen erzählten sich Leute, der Bierbrauer und Scientology hingen irgendwie zusammen. Bald darauf hieß es sogar, Warsteiner-Chef Albert Cramer sei selbst Mitglied der Sekte. Diese habe die Mehrheit an dem Unternehmen übernommen. Die Folgerung: Wer Warsteiner trinkt, der unterstütze Scientology.

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Microsoft musste sich bei der Einführung seines Betriebssystems Windows 2000 mit Vorwürfen herumschlagen, dass Scientology damit Nutzer ausspionieren könne. Die Firma eines bekennenden Scientologen hatte ein Programm zum Aufräumen von Festplatten zugeliefert. Die Befürchtung: Unbemerkt vom Benutzer könnten beim Defragmentieren Anwenderdaten von der Festplatte per Internet an die Sekte gelangen.

Was steckt dahinter

Im Falle von Microsoft ist recht leicht zu ermitteln, woher die Vorwürfe kamen. Für Windows 2000 lieferte die kalifornische Firma Executive Software (inzwischen Condusiv Technologies ) das Defragmentierungsprogramm Diskeeper zu. Firmengründer Craig Jensen ist bekennender Scientologe . Über diesen Zusammenhang berichtete im Dezember 1999 das Computer-Fachmagazin "c't". Kirchen und Behörden drohten Microsoft, man werde das Betriebssystem vorerst nicht einsetzen. Microsoft beteuerte, man habe die Sicherheit überprüft. Doch sogar das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schaltete sich ein und wollte überprüfen, ob Anwenderdaten unbemerkt weitergeleitet werden könnten. Dazu kam es nicht mehr: Stattdessen veröffentlichte Microsoft eine Anleitung, wie Diskeeper deinstalliert werden kann und bot dem Bundestag an, er dürfe den Quellcode der neuen Windows-Version prüfen - quasi das wichtigste Betriebsgeheimnis des Konzerns. Danach legte sich die Aufregung wieder. Das BSI verzichtete auf eine aufwendige Prüfung. Hinweise, dass Daten wirklich abgegriffen wurden, bekamen Behörden nicht.

Weitreichende Konsequenzen hatten die Scientology-Gerüchte für Warsteiner. Erst schwieg die Brauerei, um den üblen Nachreden nicht noch Gewicht zu verleihen. Doch der Außendienst der Firma wurde von Wirten auf die Gerüchte angesprochen. Auch der Bierausstoß des Unternehmens ging spürbar zurück - was allerdings ein Phänomen in der gesamten Branche war. Schließlich reagierte die Brauerei mit einer Anzeigenkampagne in Zeitungen: "Wanted: Rufmörder gesucht", stand dort in großen Buchstaben. Warsteiner dementierte ausdrücklich jegliche Verbindung zu Scientology und forderte in der Anzeige: "Teilen Sie uns ganz konkret mit, wer Ihnen wo und wann gesagt hat, Warsteiner stünde in Verbindung mit Scientology."

Doch wer das Gerücht 1994 gestreut hat, wurde nie geklärt. Auffällig: Das Gerede kam just in dem Jahr auf, als die Warsteiner-Gruppe mit einem Absatz von mehr als sechs Millionen Hektolitern Bier als größte deutsche Privatbrauerei den Markt dominierte. Die Warsteiner-Führung geht von einer Rufmordkampagne aus. "Mein Vater sagt immer, er kann sich denken, wer das Gerücht gestreut hat", sagte Brauerei-Chefin Catharina Cramer im vergangenen Jahr der "Stuttgarter Zeitung".

Und wenn es doch wahr wäre?

Mal angenommen, die Sekte hält wirklich Anteile an der Brauerei. Das würde erklären, warum Scientology noch immer nicht die Weltmacht an sich gerissen hat und warum bei Warsteiner der Bierausstoß einbrach. Die Geschichte ginge nämlich so: Der Deutschland-Trip eines führenden Scientology-Mitglieds war der Auslöser. Versunken in einen Persönlichkeitstest nahm der ranghohe Scientologe während eines innerdeutschen Flugs versehentlich einen Schluck Warsteiner seines Sitznachbarn. Das Prickeln im Mund! Mit diesem Bier könnten die Sitzungen zum Erreichen des "wahren Ich" erträglicher werden! In anstrengenden Sitzungen überzeugte der Scientologe seine Kollegen: Heimlich kaufte sich die Sekte bei der Brauerei ein. Der Rückgang beim Bierausstoß ist einfach zu erklären. Ein Großteil der Produktion geht in heimlichen Sonderlieferungen nach Los Angeles - ins Hauptquartier von Scientology. Die Führungsriege dort nimmt seitdem alles lockerer.

Und die Sache mit dem Defragmentierungsprogramm? Auch die katholische Kirche ließ nach den Gerüchten um das Defragmentierungsprogramm durchblicken, dass ihr Windows 2000 nicht geheuer ist. Und so könnte die Geschichte gehen, von der bisher niemand wusste: Microsoft brachte den Kirchenstaat zum Schweigen - mit einem ordentlichen Rabatt bei der Einrichtung des neuen Betriebssystems. Im Vatikan freute man sich besonders über das effektive Defragmentierungsprogramm. Endlich liefen die Rechner wieder schneller. Doch 2012 wurden plötzlich Geheimdokumente aus dem Vatikan über Intrigen, Misswirtschaft und Machtkämpfe bekannt. Niemand konnte sich erklären, wie sie an die Öffentlichkeit gelangen konnten. Der treue Kammerdiener des Papstes wurde festgenommen. Der Pontifex war tief getroffen. Der Mann hatte doch die Festplatte des päpstlichen Laptops so sorgfältig gepflegt - sehr zur Freude der Scientologen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Glühbirnenkomplott".

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