Verschwörungstheorien Kiffen gegen links

Pssst!, haben Sie es schon gewusst? In kaum einem anderen Lebensbereich kursieren so viele Verschwörungstheorien wie in der Wirtschaft. SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten vor. Diesmal: Wie Kiffer die extreme Rechte in Frankreich finanzieren - oder war es umgekehrt?
OCB-Blättchen zum Joint gedreht: Finanzieren dünne Blättchen rechte Politik?

OCB-Blättchen zum Joint gedreht: Finanzieren dünne Blättchen rechte Politik?

Foto: dapd

Die Theorie

Es gibt viele Dinge, für die Frankreich bekannt ist: Für Carla Bruni zum Beispiel, für Käse zum Dessert, für die dünnsten Zigarettenpapiere der Welt und die derzeit erfolgreichste rechtsextreme Partei, der (und nicht etwa die!) Front National (FN). Letztere gehören für geübte Verschwörungstheoretiker zusammen wie Wein und Baguette: Die Zigarettenpapiermarke OCB finanziert den Front National oder, das lässt sich nicht zweifelsfrei klären, die Partei von Jean-Marie Le Pen hält Anteile an OCB. Wer jemals in einer Runde saß, in der OCB-Papiere zu einem Joint gedreht wurden, dürfte diese Geschichte spätestens nach dem dritten Zug gehört haben.

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OCB ist das dünnste Zigarettenpapier Europas - benannt nach dem Fluss Odet, der am ersten Werk vorbeifloss, dem Ort Cascadec, wo die zweite Fabrik entstand und René Bolloré. Er legte 1822 den Grundstein für ein Imperium, das sich mittlerweile weltweit ausgedehnt hat - und mehr als sechs Milliarden Euro umsetzt.

Mitte der achtziger Jahre geriet das Unternehmen in eine Krise, während Jean-Marie Le Pen, Gründer des Front National, gleichzeitig eine Reihe politischer Erfolge feierte. Kurz darauf berappelte sich OCB wieder. Le Pen hatte dem Betrieb ausgeholfen und wurde dafür Anteilseigner - so jedenfalls lautet das Gerücht.

Seitdem ist die Aufregung groß: Denn OCB hat nicht nur normale dünne Zigarettenpapiere im Portfolio ("Si vous les aimez bien roulées."), sondern auch besonders lange Blättchen. Die sind einzig zu gebrauchen, um daraus Joints zu drehen - OCB bietet dafür auch Zubehör wie Filter oder Drehmaschinen an. Auf einschlägigen Internetseiten wird heftig darüber diskutiert, ob man noch mit OCB "bauen" darf und gleichsam beim Kiffen die Rechtsextremen finanziert - oder ob man auf den Konkurrenten Rizla ausweichen muss.

Was steckt dahinter?

Gar nichts. Nicht einmal woher das Gerücht stammt und wann es von wem in die Welt gesetzt wurde, lässt sich nachvollziehen. Vermutlich war es im Frühjahr 1996, als der Verdacht live in der Jugendsendung eines französischen Radiosenders geäußert wurde. Als kurz darauf eine Pariser HipHop-Band das Gerücht in einem Song aufnahm, begann eine schwierige Zeit für die Firma.

Bei OCB unterschätze man das Problem zunächst. Im Herbst 1996 aber ging der Absatz stark zurück - obwohl der Tabakverkauf zulegte und offenbar auch nicht weniger Joints geraucht wurden. Boykottierten die Selbstdreher die Marke OCB?

Marketingchef Cédric Bolloré ließ Hunderte Kunden befragen und stellte fest, dass jeder siebte das Gerücht kannte. Er verzichtete auf eine Erklärung und lancierte stattdessen eine neue Werbekampagne. Auf dem Poster zu sehen: Ein farbiges Model, das mit einer weit ausgestreckten Zunge gerade ein OCB-Blättchen anleckt - eine Darstellung, die FN-Anhängern nicht gefallen dürfte.

Firmenchef Vincent Bolloré ging damals davon aus, dass die Konkurrenz das Gerücht lanciert hat. Als das französische Magazin "Nouvel Observateur" über die Geschichte berichtete, fragte der Autor beim FN nach möglichen Verbindungen zwischen den Bollorés und der Familie Le Pen. Die Antwort der Nationalisten: "Angesichts unserer finanziellen Situation würde uns das sehr helfen - leider ist dem nicht so." Im Jahr 2000 verkaufte Bolloré das gesamte OCB-Geschäft an die US-Firma Republic Technologies.

Und wenn es doch wahr wäre?

Ach, wäre es doch wahr! Glattrasierte Skins und streng gescheitelte Neonazis würden, nur um ihren französischen Gesinnungsgenossen zu helfen, in geselliger Runde Joints drehen und konsumieren. Kiffen statt Komasaufen!

Ganze Horden würden sich dem kollektiven Rausch ergeben, immer in der Gewissheit, der großen nationalen Sache zu dienen. Statt sich grölend, mit Baseballschlägern in der Hand, auf die Suche nach unerwünschten Mitbürgern zu machen, säßen sie albern kichernd irgendwo im Nichts der mecklenburgischen Natur.

Die ausgearbeiteten Pläne für "national befreite Zonen" würden sich im Marihuana-Rauch auflösen, die harte Entschlossenheit zielloser Gleichgültigkeit weichen, die Haare wieder lang wachsen. Und ganz allmählich würden vielleicht sogar die Ziele der bekanntermaßen Marihuana-affinen Hippies, "make love not war", von den Rechten übernommen - ganz wie einst die glatt rasierten Köpfe, Bomberjacken und Springerstiefel der Skinhead-Bewegung.

Den selbstdrehenden oder kiffenden Kritikern des Front National bliebe nicht viel übrig, als auf Filterzigaretten auszuweichen, oder die Blättchen der Konkurrenz von Rizla zu nutzen. Allerdings verbreitet sich auch über die gerade ein Gerücht: Rizla-Zigarettenpapiere werden angeblich von Gefangenen im Todestrakt hergestellt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Glühbirnenkomplott".

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