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07. Oktober 2012, 15:14 Uhr

Verschwörungstheorien in der Wirtschaft

Der Mafia-Mozzarella

Pssst! haben Sie es schon gewusst? In kaum einem anderen Lebensbereich kursieren so viele Verschwörungstheorien wie in der Wirtschaft. SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten vor. Diesmal: Wie die italienische Mafia die beliebte Mittelmeerkost verdorben hat.

Die Theorie

Achtung, Warnhinweis! Wer italienisches Essen liebt, sich gar fast ausschließlich davon ernährt, sollte lieber auf der Stelle einen anderen Text auf SPIEGEL ONLINE anklicken. Denn was jetzt kommt, verdirbt den Appetit.

Es geht um die Pizza-Connection, äh, Agro-Mafia in Italien. Kenner des organisierten Verbrechens wollen ausgemacht haben, dass eben dieses seit Jahren die Produkte der vielleicht besten Küche der Welt nach und nach vergiftet. Spaghetti, Pesto, Wein, Olivenöl und selbst die wunderbar knackigen Grissini sollen voller Pestizide stecken, zusammengepanscht oder in irgendeiner anderen Art verunreinigt sein. Mamma mia!

Doch damit nicht genug: Die Agro-Mafia habe schon jetzt Zugriff auf alle Glieder der Nahrungsmittelkette - von der Landwirtschaft bis zur Ankunft der Lebensmittel im Hafen, von der Verpackung bis zur Vermarktung, heißt es. Und natürlich sollen Camorra, 'Ndrangheta und Cosa Nostra und wie sie alle heißen einen Reibach damit machen, dass sie Ramschprodukte als Qualitätsprodukt - als "Fabbricato in Italia" - auf den Markt bringen. Inzwischen soll der Lebensmittelzweig ein Milliardengeschäft für sie sein, raunt einem so mancher Italiener zu.

Was steckt dahinter

Wenn Sie es trotz aller Liebe zu Pizza und Pasta trotzdem bis hierhin geschafft haben, sollten Sie spätestens jetzt Ihre Mittelmeerkost aufgeben. Denn einiges von den Erzählungen und vermeintlichen Hirngespinsten stimmt tatsächlich.

Bekannt ist vielleicht der Skandal ums Olivenöl mit italienischem Herkunftssiegel, das mit ausländischem Billigöl verschnitten wurde. Oder erinnern Sie sich an Giuseppe Mandara von der Käserei Mandara? Er war vor gar nicht langer Zeit festgenommen worden, weil er seinen angeblich reinen Büffel-Mozzarella mit normaler Kuhmilch und Wachstumshormonen zusammengepanscht hatte. Zudem soll er mit der neapolitanischen Camorra zusammengearbeitet haben. Die Mafia stellt mehreren Quellen zufolge ohnehin in großem Umfang Mozzarella in Rumänien her, um ihn als italienisches Produkt zu verkaufen. Im Bresaola-Schinken wurde Rindfleisch aus Uruguay entdeckt.

Andererseits: Eine Untersuchung des Landwirtschaftsverbands Coldiretti hat ergeben, dass der jährliche Umsatz der Agro-Mafia inzwischen bei 12,5 Milliarden Euro liegt. Gemessen am geschätzten Gesamtumsatz des organisierten Verbrechens von mehreren hundert Milliarden Euro ist das natürlich eine verschwindend geringe Summe. Auch Beweise dafür, dass die Mafia den größten Teil des Lebensmittelmarkts beherrscht, flächendeckend die Preise in die Höhe treibt und das Essen systematisch vergiftet, gibt es nicht.

Und wenn es doch wahr wäre?

Sicher ist: Das Bild von den schönen Armani-Gucci-Dolce-Gabbana-Italos wäre alsbald Geschichte. Das Herkunftsland der großartigen Mittelmeerküche bestünde binnen kürzester Zeit aus dicken, aufgeschwemmten Italienern und Italienerinnen. Denn aufgeschreckt durch die furchtbaren Nachrichten über die Agro-Mafia, würden die armen Südländer nur noch zur guten deutschen Hausmannskost mit schwäbischen Spätzle, Eisbein und Bier ("Reinheitsgebot") greifen.

Die deutschen Lebensmittelexporteure dürften sich dennoch nicht zu früh freuen. Zwar würden die Handelsströme aus Deutschland über die Alpen noch mal richtig in Gang kommen, doch der unschöne Nebeneffekt sähe so aus: Die immer wieder von den Südländern kritisierten Ungleichgewichte - eine der größten Sünden der Euro-Krise! - würden sich aufs Furchtbarste verschlimmern. Die Euro-Krise, so viel ist sicher, wäre dann für immer unlösbar - und das trotz der Angleichung deutscher und italienischer Bauchumfänge.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Glühbirnenkomplott".

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