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Virgin Galactic: Bransons Weltraumkonzern an der NYSE gelistet

Foto: BRENDAN MCDERMID/ REUTERS

Börsengang von Virgin Galactic "Wir brauchen mehr Weltraum-Nerds!"

Als erster privater Raumfahrtkonzern ist Virgin Galactic an die Börse gegangen. Vorstandschef Whitesides erklärt, wie er den Konzern profitabel machen will - und warum er seine Flitterwochen im All verbringt.

Zumindest der Startschuss war spektakulär. Mit fauchenden Feuerwerksraketen auf dem Parkett der New York Stock Exchange (NYSE) feierte Virgin Galactic am Montag seinen US-Börsengang. Es war das erste Mal in der Geschichte der NYSE, dass hier Böller erlaubt waren - fürs erste Listing eines kommerziellen Raumfahrtkonzerns.

Zum Auftakt läutete der Firmengründer, der britische Milliardär Richard Branson, in einen blauen Overall gezwängt, eine goldene Glocke. Vorstandschef George Whitesides, ein ehemaliger Nasa-Manager, stand daneben. Unter dem Tickersymbol SPCE begann so eine neue Etappe des Wettrennens ins All: Schon nächstes Jahr will Virgin Galactic die ersten 66 Privatkunden in den Weltraum jagen. Passagier Nr. 1: Branson. Der Beginn der langen Reise war jedoch zaghaft: Die Aktie schloss mit 11,75 Dollar, leicht unter dem Einstiegswert.

Im Interview spricht Virgin-Galactic-Boss Whitesides über seine geplante Weltraumreise mit seiner Frau, die Sicherheitsrisiken von Astronauten und Milliardärsträume.

SPIEGEL: Sie und Ihre Frau warten schon seit 2006 darauf, Ihre Flitterwochen als erstes Ehepaar der Welt im All zu verbringen. Das Ticket ist noch nicht verfallen?

George Whitesides: Nun ja, wenn man nach so vielen Jahren noch von Honeymoon sprechen kann. Wir haben das damals schon bei Virgin Galactic gebucht, ich will ins All, es ist ein Lebenstraum, wie bei vielen unserer Kunden. Jetzt rückt es endlich in greifbare Nähe.

SPIEGEL: Wann?

Whitesides: Wir gehören zur ersten Gruppe. Wir warten auf Richard, der Mitte nächsten Jahres als Erster fliegt. Das wird ein Meilenstein sein, für das Unternehmen und die ganze Raumfahrtindustrie.

SPIEGEL: Sie selbst haben ja lange Erfahrung bei der Nasa, wo sie Stabschef waren. Was sind die Vorteile eines kommerziellen Privatkonzerns gegenüber einer staatlichen Raumfahrtbehörde?

Whitesides: Beide sind auf ihre Weise toll. Die Nasa ist eine große Regierungsbehörde mit einem Jahresbudget von 21 Milliarden Dollar und Hunderttausenden Mitarbeitern, wenn man die Vertragsfirmen mitrechnet. Virgin Galactic ist ein kleines Team, das die Welt verändern will, wir sind schlanker und zielgerichteter.

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"VSS Unity": 30 Sekunden Raketenantrieb

Foto: Virgin Galactic/ MarsScientific.com & Trumbull Studios

SPIEGEL: Virgin Galactic, SpaceX, Blue Origin - zahlreiche Firmen arbeiten an Weltraumträumen: Stehen wir am Beginn eines neuen Zeitalters?

Whitesides: Ich spreche oft mit jungen Leuten in der Branche, für die ist das wirklich die aufregendste Zeit seit dem Apollo-Programm. Und in gewisser Weise haben wir heute mehr Möglichkeiten. Damals gab es nur ein einziges, staatliches Programm, jetzt gibt es mehrere und auch private, und das macht alles sehr aufregend.

SPIEGEL: Eine neue Generation von Weltraum-Nerds.

Whitesides: Wir brauchen mehr Weltraum-Nerds! Wir müssen die Reihen wieder auffüllen. Nicht mehr nur mit so alten Sonderlingen wie mir (lacht).

SPIEGEL: Aber es bleibt ein teures Vergnügen. Ein Roundtrip mit Virgin Galactic kostet 250.000 Dollar.

Whitesides: Am Ende wird der Preis wohl noch etwas höher liegen.

SPIEGEL: Wenn man das Geld hätte, was wäre Ihr Pitch? Was bieten Sie dafür?

Whitesides: Dieses Produkt verkauft sich fast von selbst. Die Menschen träumen seit Jahrhunderten davon, ins All zu kommen. Es wird eine absolut erstaunliche Erfahrung sein. Das fängt damit an, dass sie echte Astronautenabzeichen bekommen. Sie werden offiziell zum Astronauten. Dann werden sie drei Tage lang im Spaceport America, unserem Weltraumbahnhof in New Mexico, trainieren, bevor sie losfliegen. Sie werden ihre Crew kennenlernen. Und am vierten Tag wird ihre Mission in den Weltraum starten.

SPIEGEL: Wie kann man sich die vorstellen?

Whitesides: Aufregend und umwerfend und lebensverändernd. Sie werden auf ihren Heimatplaneten herabschauen. Frühere Astronauten und Kosmonauten haben uns von diesem enormen Moment der persönlichen Transformation erzählt, wie das ihre Beziehung zum Planeten grundlegend verändert hat.

SPIEGEL: Am besten müsste man jeden Menschen einmal ins All schicken, wenn das den Blick aufs Leben so verändert.

Whitesides: Ja, nicht wahr? Zumindest alle Staatschefs und Führungspersönlichkeiten, damit sie die Dinge mal aus einer anderen Perspektive betrachten.

SPIEGEL: Virgin Galactic hatte Sicherheitsprobleme, auch wenn die jetzt ein paar Jahre zurückliegen. Die Nasa hatte ihre eigenen Katastrophen. Kann man überhaupt garantieren, dass niemals etwas passieren wird?

Whitesides: Wir fühlen uns wirklich gut mit dem Raumfahrzeug, das wir entwickelt haben. Es hat jetzt zehn Jahre Testflüge hinter sich. Man will ja während eines Testprogramms lernen, und manchmal sind das eben harte, harte, harte Lektionen.

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SPIEGEL: Lebensgefahr einkalkuliert?

Whitesides: Schauen Sie zurück aufs Apollo-Programm, das hatte am Anfang einen tödlichen Unfall, Apollo 1, und später noch andere Probleme. Ich möchte das nicht kleinreden, aber wir haben eine bemerkenswert robuste Architektur und den einfachsten Raketenmotor, der je für den bemannten Raumflug entwickelt wurde. Ich werde damit fliegen. Richard wird damit fliegen. Unser Investor Chamath Palihapitiya, der Chef unserer Partnerfirma Social Capital Hedosophia (IPOA), wird damit fliegen.

SPIEGEL: Warum brauchte es ausgerechnet drei Milliardäre wie Sir Richard Branson, Elon Musk und Jeff Bezos, um die Raumfahrt wieder in Gang zu bringen? Liegt es am Geld oder an der Kreativität oder einfach am Sinn fürs Verrückte?

Whitesides: Es ist Mut, Entschlossenheit, Innovation. Sie erkennen das Potenzial, den Planeten zu verändern. Sie können die Kosten senken, etwa durch die Wiederverwertbarkeit der Raumschiffe. Und dann denke ich, dass es auch ein bisschen kindliche Inspiration ist. Der Weltraum steht für das Beste der Menschheit.

"VSS Unity", das Weltraumschiff von Virgin Galactic, bei einem Testflug im Februar

"VSS Unity", das Weltraumschiff von Virgin Galactic, bei einem Testflug im Februar

Foto: VRIGIN GALACTIC/HANDOUT HANDOUT/EPA-EFE/REX

SPIEGEL: Sie haben eine etwas ungewöhnliche Form des Börsengangs gewählt, die Fusion mit IPOA, einem bereits notierten Silicon-Valley-Unternehmen. Warum?

Whitesides: Es gibt verschiedene Wege, an die Börse zu gehen. Der traditionelle Weg, ein Initial Public Offering (IPO), nimmt 18 bis 24 Monate in Anspruch, und alles kann am letzten Tag noch platzen. Unsere Methode hat den Vorteil, dass das Geld quasi schon da ist, und sie können alles in unter sechs Monaten erledigen. Bei uns waren es im Kern drei oder vier Monate.

SPIEGEL: Profitabel sind Sie aber noch lange nicht, in der ersten Hälfte 2019 hatten Sie 90 Millionen Dollar Nettoverlust. Wie geht das weiter?

Whitesides: Profitabel sind wir nicht. Wir hatten bisher praktisch keinen Umsatz, bis auf zwei Flüge, die wir für die Nasa unternommen haben. Erste Einnahmen werden generiert, wenn wir mit den bemannten Flügen beginnen.

SPIEGEL: Trotzdem wird das erst mal nur ein Luxusmarkt bleiben.

Whitesides: Ja - aber je mehr Kunden wir finden, umso mehr können wir die Preise senken und neue Kunden anlocken.

SPIEGEL: Wie bei der Concorde.

Whitesides: Richtig. Überlegen Sie mal, wie teuer früher ein Transatlantikflug war, der lag im Bereich von Hunderttausend Dollar. Jetzt kriegen Sie ein Ticket für 1000 oder 500 Dollar.