Vitalia Schlammschlacht um Biomarktkette

Die Biomarktkette Vitalia steckt offenbar in Schwierigkeiten - daran konnte auch der Fast-Einstieg des SPD-Mittelstandsbeauftragten Christ nichts ändern. Der Eigentümer klagt über Liquiditätsengpässe und Ärger mit Lieferanten. Das Chaos passt so gar nicht zum harmonischen Image der Branche.

Von Achim Killer


München - Es ist ein seltsames Bild, das sich den Kunden in den Läden von Vitalia derzeit bietet: In den Verkaufsregalen der Reformhäuser klaffen unübersehbar Lücken, nicht mehr alle Produkte sind lieferbar. Denn die gleichnamige Unternehmensgruppe, zu der noch ein Versand- und ein Großhandel sowie eine Firma für Naturheilprodukte gehören, hat offenkundig massive finanzielle Schwierigkeiten.

Seit Tagen schon orakelt der Brancheninformationsdienst Biomarkt-Info über die "prekäre Lage bei Vitalia", selbst der Mehrheitseigentümer Paul Vorsteher räumt "Liquiditätsengpässe" und "offene Forderungen unserer Lieferanten" ein. Tatsächlich aber ist um die Zukunft der über 120 Bioläden mit einem Jahresumsatz von rund 80 Millionen Euro eine Schlammschlacht entbrannt, die so gar nicht zu dem friedliebenden Image der Naturkostbranche passen will.

Die Vitalia-Reformhäuser gehören mehrheitlich der IC Innovation Holding GmbH, die erst diesen Sommer 51 Prozent von Vitalia übernommen hat. Neben Eigentümer Vorsteher wollte dort auch Harald Christ mitmischen. Der war, bevor Schwarz-Gelb die Wahl gewann, Mittelstandsbeauftragter im Schattenkabinett von SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier - was der Biokette seinerzeit eine gute Presse bescherte. Zumindest zunächst.

Christs Parteizeitung, der sozialdemokratische "Vorwärts", bezeichnete ihn seinerzeit persönlich als Investor. Und das Leitorgan der Branche, die "Lebensmittelzeitung", zitiert Christ damit, in den kommenden fünf Jahren wolle Vitalia die Zahl der Filialen auf 240 verdoppeln.

"Erhebliche finanzielle Mittel entzogen"

Doch diese Pläne scheinen etwas hoch gegriffen - worauf schon der symbolische Kaufpreis deutet, den Investoren nun für die Vitalia-Mehrheit zahlen sollen: zwei Euro. Schon das lässt ahnen, dass der frühere Alleineigentümer Bernd Büttner die Biomarktkette in keinem besonders guten Zustand übergeben hat. Zwar erklärt der jetzige Vitalia-Chef Vorsteher ihn noch zum "erfolgreichen Gründer". Gleichzeitig aber wirft er ihm vor, in den Monaten vor der Übernahme "erhebliche finanzielle Mittel der Unternehmensgruppe entzogen" zu haben.

Dem Traditionshaus könnte sogar das Ende drohen: Bereits 1968 hatte Büttner mit einem ersten Bioladen begonnen und die Gruppe dann kontinuierlich zu ihrer heutigen Größe mit 800 Mitarbeitern ausgebaut. Jetzt aber braucht die Kette Geld - fünf Millionen Euro hatte Vorstehers IC Innovation deshalb als Soforthilfe für die Sanierung versprochen. Geflossen ist davon aber bisher so gut wie nichts - wegen der Vorwürfe gegen Unternehmensgründer Büttner.

Tatsächlich scheint es gravierende Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung von Vitalia zu geben - darauf weist ein Gutachten der renommierten Stuttgarter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Stehle, Hollaender und Partner hin: Handelsware für nahezu eine Million Euro habe vor der Unternehmensübernahme doppelt in den Büchern gestanden. Ein Gebäudekomplex in Sauerlach bei München sei während des Eigentümerwechsels für rund eine Million Euro unter dem Buchwert verkauft worden. Und schließlich sei das Eigenkapital um zwei Millionen Euro zu hoch angesetzt gewesen. Insgesamt summieren sich die Unstimmigkeiten, die die Wirtschaftsprüfer bemängeln, auf 6,89 Millionen Euro.

Die CSU fordert Christs Rücktritt

Büttners Anwalt Walter Beck hält dem entgegen, der neue Eigentümer wisse genau, "wie man jemanden, der eine Firma über Jahrzehnte hinweg aufgebaut hat, vorführen kann". Die Details des kritisierten Immobiliengeschäfts seien Paul Vorsteher bekannt gewesen und auch, dass es bei der Vorratsbewertung zu Unregelmäßigkeiten kommen kann, wenn über Jahre hinweg keine körperliche Inventur gemacht werde.

Viele der wechselseitigen Vorwürfe der Kontrahenten lassen sich nicht belegen. Fest steht lediglich, dass die Biokette in ernsten Schwierigkeiten steckt und dass der neue Mehrheitseigentümer derzeit versucht, den "erfolgreichen Gründer" von Vitalia mit allen Mitteln loszuwerden - um dessen Anteile anderen Kapitalgebern andienen zu können.

Verschärft wurde die Situation obendrein durch den Bundestagswahlkampf. Als der Machtkampf im Bioladen ruchbar wurde, ließ es sich der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Hartmut Koschyk, nicht nehmen, der "Heuschrecke" Harald Christ kräftig vors Schienbein zu treten: Er geißelte dessen vollmundige Ankündigungen und folgerte: "Herr Christ hat allen Grund, noch vor der Wahl abzutreten!" Die Rücktrittsforderung bezog sich natürlich auf dessen Position im SPD-Schattenkabinett - die sich nun erübrigt hat.

Von den Plänen mit dem Biomarkt hat sich der Gescholtene unterdessen längst zurückgezogen. Er stieg nicht als Gesellschafter der IC Innovation ein - der umtriebige sozialdemokratische Vorzeigekapitalist hat wohl schnell erkannt, wie schädlich es für sein Image ist, in den Machtkampf der Biobranche verwickelt zu sein.

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Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version des Textes wurde der Eindruck erweckt, der Unternehmer Harald Christ sei als Gesellschafter bei Vitalia eingestiegen. Dies ist nicht der Fall. Der Unternehmer hatte einen Einstieg nur angekündigt, dieser kam aber nicht zustande.

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#seb# 04.10.2009
1. Vitalia ist keine Biomarktkette!
Nur der Richtigkeit halber: im Unterschied zu Naturkost-Fachgeschäften oder Bio-Filialmärkten ist Vitalia eine Reformhauskette. Der Begriff Bio ist durch EU Verordnung klar definiert, in Bioläden ist das Sortiment durch die rechtmäßige Kennzeichnung der Lebensmittel "aus biologischer Erzeugung" beschränkt. Reformhäuser führen auch unter anderem biologische Erzeugnisse, jedoch auch konventionelle, z.B. diätetische Produkte.
attilaE, 04.10.2009
2. Die Leute lassen sich nicht mehr veräppeln...
Ist doch klar, dass solche Läden pleite gehen. Habe selbst mal bei einem "Naturkosmetikhersteller" in Calw gearbeitet. Die bieten ihre Ware total überteuert an und argumentieren damit, dass sie nur natürliche Inhaltsstoffe verwenden. Bei den Tests von "Stiftung Warentest" oder "Ökotest" schneiden sie dann i. d. R. schlechter ab als die Naturprodukte von z. B. Aldi, die wesentlich preiswerter sind. Die Leute haben das mittlerweile mitbekommen und sehen einfach nicht mehr ein, überteuerte Ware aus dem Reformhaus zu kaufen, wenn es die gleiche oder bessere Qualität woanders viel günstiger gibt. Das Gleiche gilt für die Unternehmenskultur. Während man seine Mitarbeiter mobbt, drangsaliert und massenweise entlässt, schwafelt man in Interviews großartig davon, wie wichtig man diese findet. Ich könnte Ihnen stundenlang berichten, wie übel in dieser Branche mit Menschen umgegangen wird. Dass es denen mal schlecht gehen wird, wurde höchste Zeit!
SaraS 04.10.2009
3. Wer soll hier bitte was diskutieren?
Möchte der Autor hier vielleicht eine Schlammschlacht anzetteln und hofft, das sich ein paar Forenteilnehmer so vorführen lassen? Oder hofft der Autor vielleicht auf Kommentare von Beteiligten die so vielleicht wenigstens etwas substantielles zu dem faden Artikel beisteuern könnten? Selbst das versuchte Spiegel-typische SPD-Bashing zieht hier nicht. 'Biomarkt-Kette' und 'SPD', da fehlt halt die griffige Verbindung für den BildZwo/SPON-Überschriften-Querleser. Ich frage mich wirklich, warum ich so einen Quatsch lese und werde mir wohl mal einen anderen Nachrichtenüberblick suchen. Klarmachen zum ändern! meint Sara
Gubanöhr 04.10.2009
4. Schlammschlacht durch unklare Begriffe
Zitat von sysopDie Biomarkt-Kette Vitalia steckt offenbar in Schwierigkeiten - daran konnte auch der Einstieg des SPD-Mittelstandsbeauftragten Christ nichts ändern. Der Eigentümer klagt über Liquiditätsengpässe und Ärger mit Lieferanten. Das Chaos passt so gar nicht zum harmonischen Image der Branche. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,651074,00.html
Die Schlammschlacht hat ja der spiegel mit der tendenziösen, unklaren berichterstattzung gestartet. Jetzt bietet sich sozusagen die einmalige möglichkeit seinen Hass ruszulassen. Das fängt damit an das die angebliche Biomarktkette, gar keine Biomarktkette ist. Damit werden Unternehmungen durch den Dreck gezogen, die eigentlich mit der Thematik gar nichts zu tun haben. Und warum soll es den in der Bio Branche so harmonisch zugehen? Weil mam dann vielleicht sagen kann: treten Schwierigkeiten auf, sieht man ja da, das alles schiefgegangen ist?! Ich finde das man an solchen Artikeln (und an den Reaktionen der Forumsmitglieder und Leser) merkt wie die Presse von einer objektiven Berichterstattung weit entfernt ist und wie sie ein mittel sein kann um die öffentliche meinung in jeder Richtung zu steuern.
mikausch 04.10.2009
5. Vitalia Krise nur vorübergehend
Ergänzend darf ich folgendes anmerken: 1. Bernd Büttner wurde zwischenzeitlich als Gesellschafter von der Gesellschafterversammlung der Vitalia Gruppe auf Grund der in Ihrem Artikel skizzierten Vorgänge ausgeschlossen. 2. Grundsätzlich handelt es sich bei der Vitalia um ein gesundes Unternehmen, das im laufenden Geschäft profitabel ist. Die skizzierten Probleme können nach dem Ausscheiden des Gründers nun schnell gelöst werden. 3. Die Geschäftsführung ist dabei, die aktuelle Liquiditätssituation kurzfristig zu verbessern. Hierzu werden derzeit intensive Gespräche mit den Lieferanten und Herstellern geführt. 4. Zur Vitalia Gruppe gehören sowohl Naturkostläden, als auch Bio-Märkte. 5. Die Rettung der Vitalia Gruppe liegt nicht nur im Interesse der mehr als 800 Beschäftigten der Gruppe, sondern auch im Interesse der vielen über lange Jahre treuen und zufriedenen Kunden der derzeit rund 120 Reformhäuser und Bio-Märkte der Gruppe. Michael Kausch (beratend für Vitalia tätig)
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