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VoD-Unternehmer: Die furiosen Filmverleiher

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Spezial-Videotheken "Wir nehmen alles außer Pornos"

Video on Demand boomt. Doch bislang bieten Online-Videotheken hauptsächlich Massenware. Einige Start-ups wollen jetzt mit Special-Interest-Portalen im deutschen Netz Geld verdienen. Aber geht das überhaupt?

Ein Investmentbanker, der Arthouse-Filme liebt? Beweist guten Geschmack. Aber einer, der für diese Leidenschaft eine Karriere beim Wertpapierunternehmen Goldman Sachs hinschmeißt? Das dürfte vielen Menschen wohl deutlich sonderbarer vorkommen.

Es ist die Geschichte des türkischen Unternehmers Efe Çakarel ("Tschakárel"). Sie beginnt mit einer Anekdote, die er gerne erzählt. Eines Tages im Jahr 2006, erinnert er sich, saß er in einem Café in Tokio und wollte unbedingt seinen Lieblingsfilm - Wong Kar-wais Meisterwerk "In the Mood for Love" - auf seinem Tablet sehen. Aber er konnte ihn damals in Japan auf keinem einzigen Portal finden.

"Ich stieß im Internet nur auf große Unternehmen, die alle die gleichen Filme zeigen", sagt Çakarel. Schnell wurde ihm klar, dass es bislang keine einzige Online-Adresse für Arthouse-Kino gab. Çakarels Erlebnis in Tokio war die Geburtsstunde seiner Geschäftsidee. 2007 gründete der heute 37-Jährige in Palo Alto im Silicon Valley sein Start-up, ein Portal für Autorenfilme. Damals hieß es noch The Auteurs, heute heißt es Mubi.

Zur Person
Foto: mubi

Der türkische Unternehmer Efe Çakarel, geboren am 7. April 1976, landete 1994 bei der Mathematik-Olympiade in Genf auf Platz drei. Er studierte Elektrotechnik und Computerwissenschaften am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und machte einen MBA an der Universität Stanford. Mehr als drei Jahre lang arbeitete er als Investmentbanker für die Wertpapierfirma Goldman Sachs, bevor er 2007 im Silicon Valley sein Start-up gründete, das Online-Videoportal Mubi. Aktuell erkundet er den VoD-Markt in Hongkong, um die Expansion seiner Plattform nach Asien vorzubereiten.

Mubi lässt sich am ehesten beschreiben als eine Mischung aus Facebook und Videothek. Oder anders ausgedrückt: als Programmkino im Internet, dessen Besucher jeden Tag einen ausgewählten Film im Original mit Untertiteln sehen und über ihn auch diskutieren können.

Çakarels Unternehmen hat inzwischen 25 feste Mitarbeiter in zehn Ländern. Vier weitere Markteintritte stehen seinen Angaben zufolge unmittelbar bevor, in Mexiko, Brasilien, den Niederlanden und Russland. Mubi Deutschland gibt es seit Januar 2013.

Doch trotz aller vorzeigbaren Erfolge, Profit macht Çakarels Unternehmen "natürlich nicht", wie er sagt: "Wir haben viel von Jeff Bezos bei Amazon gelernt." Soll heißen: Im aktuellen Entwicklungsstadium seines Unternehmens gehe es ihm vor allem um Umsatzwachstum, nicht um Gewinne.

Special-Interest-Unternehmen am deutschen VoD-Markt

Der Start des Portals Mubi in Deutschland steht beispielhaft für Entwicklungen des Video-on-Demand-Markts hierzulande. Die Branche wächst rasant. Laut aktuellen Zahlen  des Bundesverbands Audiovisuelle Medien (BVV) allein in den ersten drei Quartalen 2013 um 40 Prozent (siehe Kasten).

Zahlen zum Home Entertainment in Deutschland

Der deutsche Videomarkt hat in den ersten drei Quartalen 2013 - und damit noch ohne das wichtige Weihnachtsgeschäft - laut Bundesverband Audiovisuelle Medien (BVV)  das beste Ergebnis seiner Geschichte erzielt. Der Umsatz wächst im Vergleich zu den ersten drei Vorjahresquartalen um sechs Prozent auf 1,145 Milliarden Euro. Zwar entfallen noch 90,2 Prozent des Marktes auf sogenannte physische Produkte wie DVD und Blu-ray. Doch im Internet verzeichnet vor allem ein Bereich ein rasantes Wachstum: der Videoverleih. Bereits ein Drittel oder 33 Prozent der Konsumentenausgaben entfallen auf Angebote im Video on Demand (VoD, "Video auf Abruf"). Das Geschäft der Online-Videotheken legt um rund 40 Prozent zu: von 53 Millionen Euro in den ersten drei Quartalen 2012 auf 74 Millionen Euro in den ersten drei Quartalen 2013.

Zudem entsteht gerade eine bunte Sparten-Landschaft, ähnlich wie in den vergangenen Jahrzehnten im Pay-TV-Sektor. Während große Anbieter wie "Maxdome", "Lovefilm", "Videoload" und "iTunes" die Branche schon seit Jahren erobern, drängen im Zuge des Booms jetzt immer mehr Nischenanbieter auf den Markt. Dazu gehören:

Vor allem wollen diese Plattformen mit ihrer Ausrichtung auf eine klare Zielgruppe in der Branche punkten. Sie positionieren sich als Heimat für Spezialisten und Fans eines Themas oder Genres. Als Vorteil empfinden die Macher der kleinen Portale es außerdem, dass sie Nutzern innerhalb der Nische besonders gute Orientierung durch eine redaktionelle Auswahl bieten können.

Nicht nur im Silicon Valley, auch in Deutschland versucht sich gerade ein Pionier an einem solchen Spartenprojekt: der deutsche Produzent und Regisseur Hans W. Geißendörfer. Der Erfinder und Macher der TV-Serie "Lindenstraße" will allen deutschen Filmen eine Heimat geben - im Online-Portal alleskino.de, das er im Februar 2013 gelauncht hat.

Sein Ziel: In ferner Zukunft soll das gesamte deutsche Filmerbe auf der Plattform zu finden sein, später auch das deutschsprachige aus Österreich und der Schweiz, laut Geißendörfer insgesamt 12.000 bis 15.000 Titel. Der Weg dahin ist lang. Aktuell können Nutzer auf der Plattform rund 600 Filme per Einzelabruf ansehen, jeden Tag kommen zwei bis drei hinzu.

Zum Repertoire sollen die Schätze der Murnau-Stiftung  gehören, die sich um den Erhalt der deutschen Filmkultur kümmert, ebenso wie die Werke von Michael "Bully" Herbig oder Til Schweiger. "Wir haben keinen cineastischen Qualitätsmaßstab", sagt Geißendörfer. Einziges Kriterium: "Die Filme müssen deutsch sein. Wir nehmen alle - mit Ausnahme von Pornografie."

"Es steckt ein hohes Risiko dahinter"

Das Geld für das kostspielige Portal kommt im Moment nur von Geißendörfer und seinen zwei Mitgesellschaftern, dem Filmproduzenten Joachim von Vietinghoff und dem Medienunternehmer Andreas Vogel. So hat Geißendörfers Liebe zum Kino auch ihn zum Start-up-Unternehmer gemacht. "Es steckt ein hohes Risiko dahinter", findet er.

Immerhin soll sich das Portal irgendwann aus den Umsätzen selbst finanzieren. Doch davon ist es noch weit entfernt. "Der Markt wächst, auch wir wachsen," sagt der 72-Jährige, "aber für unsere Firma wird es mindestens fünf Jahre, wenn nicht acht Jahre dauern, bis wir wirklich sagen können: Wir haben es geschafft!"

Zur Person
Foto: Helmut Hien

Der deutsche Produzent, Regisseur und Autor Hans W. Geißendörfer, geboren am 6. April 1941, ist dem Fernsehpublikum vor allem bekannt als Erfinder und Macher der TV-Serie "Lindenstraße". Im Jahr 2001, 15 Jahre nach deren Start, wurde er dafür mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Der Filmemacher inszenierte und produzierte auch zahlreiche Kinofilme. Im Februar 2013 hat er das Online-Videoportal alleskino.de gestartet. Aktuell arbeitet er an der Co-Produktion eines Afghanistanfilms der Regisseurin Feo Aladag mit Hauptdarsteller Ronald Zehrfeld.

Trotz dieser Unsicherheiten: Geißendörfer denkt bereits einen Schritt weiter. Da sich der Kinomarkt sehr auf Blockbuster konzentriere, könnten bestimmte Filme künftig auch ihren Verleih und Vertrieb über die Plattform haben, sagt er: "Dann gehen sie direkt ins Video on Demand."

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