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23. September 2015, 05:19 Uhr

VW-Abgasaffäre

Versiert und verlässlich? Das war mal

Ein Kommentar von

Volkswagen hat nicht nur seine Absätze in den USA in Gefahr gebracht, es ist viel schlimmer: Die VW-Konzernführung hat fahrlässig den Ruf der gesamten deutschen Industrie aufs Spiel gesetzt.

Bis zum vergangenen Wochenende gab es im kollektiven Bewusstsein der Autofahrer auf der ganzen Welt keinen Zweifel an der technischen Überlegenheit der deutschen Autoindustrie. Die Deutschen galten als Volk der Ingenieure, den Regeln verpflichtet und der besten technischen Lösung.

An diesem Ruf hat auch Martin Winterkorn jahrzehntelang mitgearbeitet. In kongenialer Eintracht mit seinem Förderer Ferdinand Piëch hat er den VW-Konzern zu neuer Größe geführt, mit mehr als 600.000 Beschäftigten, die stolz auf ihre Arbeit sind. Mit mehr als 200 Milliarden Euro Umsatz bei gut zehn Millionen verkauften Autos weltweit. Keine billigen Autos, aber ihr Geld wert.

Es droht der Generalverdacht

Und jetzt? Jetzt steht Winterkorn plötzlich da wie ein Taschenspieler. Seine Ingenieure tüfteln, wie man Regeln umgeht - anstatt Autos zu bauen, die Grenzwerte einhalten oder sogar unterbieten. Einerlei, ob der VW-Boss den Betrug selbst angeordnet hat, er ist unter seiner Ägide geschehen.

Im Video: Das Statement von VW-Chef Winterkorn

Der Schaden ist viel größer als Strafzahlungen, Kunden-Entschädigungen und die Reparatur von rund elf Millionen Autos es sein werden. Er droht auf die gesamte Autoindustrie überzugreifen - in Form eines Generalverdachts. Wirtschaftsvertreter sprechen hinter vorgehaltener Hand bereits von einem "Image-GAU" für die so stark auf den Export ausgerichteten deutschen Fahrzeugbauer. "Das Gütesiegel 'Made in Germany' insgesamt hat kräftige Kratzer bekommen", klagt ein führender Wirtschaftsvertreter. Andere befürchten gar, dass jetzt auch andere Branchen unter Druck geraten könnten.

Bislang bekamen deutsche Betriebe Aufträge nicht unbedingt deshalb, weil sie das billigste Angebot machten. Die Kunden zahlten einen Aufpreis dafür, dass sie ihren Lieferanten vertrauen konnten. Integrität und Verlässlichkeit sind in Zeiten eng getakteter Wirtschaftsabläufe bares Geld wert. An der Verlässlichkeit hat sich zwar auch nach dem VW-Skandal nichts geändert, doch jetzt können Neider und Konkurrenten nach Herzenslust Misstrauen säen.

In den USA zimmern sie schon fleißig am öffentlichen Pranger. Einige US-Politiker setzen sich bereits für eine Befragung vor dem US-Kongress ein. "Das amerikanische Volk verdient Antworten und Zusicherungen, dass dies nicht wieder passiert", heißt es in Washington. Der Abgas-Skandal von VW wird nicht nur den amerikanischen Autofahrern noch lange im Gedächtnis bleiben, darauf kann man jetzt schon wetten.

Fehler machen darf jeder, Fehler verschleiern nicht

Man kann natürlich viel über Ungerechtigkeiten und Sippenhaft lamentieren, und dass die Strafe für VW weit übers Ziel hinausschießt. Mag sein, dass das stimmt. Doch wenn jemand dafür die Verantwortung trägt, dann das VW-Management selbst. Rund eineinhalb Jahre hatten die Herren Zeit, um auf die anfangs ganz harmlosen Fragen der US-Umweltbehörde EPA zu reagieren. Eine schnellere Reaktion ohne Hinhaltetaktik hätte die Aufseher bestimmt deutlich milder gestimmt. So aber hat man das Blatt ausgereizt, bis nichts mehr ging.

Fehler können geschehen, auch Tricks sind verzeihlich, sofern man zurückzieht, wenn man erwischt wird. So gesehen kann die Strafe eigentlich nicht hart genug ausfallen. Man kann nur hoffen, dass sie auch all diejenigen trifft, die diese unglaublichen Managementfehler begangen haben.

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