VW-Abgasaffäre Versiert und verlässlich? Das war mal

Volkswagen hat nicht nur seine Absätze in den USA in Gefahr gebracht, es ist viel schlimmer: Die VW-Konzernführung hat fahrlässig den Ruf der gesamten deutschen Industrie aufs Spiel gesetzt.

VW-Chef Martin Winterkorn: Unglaubliche Managementfehler
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VW-Chef Martin Winterkorn: Unglaubliche Managementfehler

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Bis zum vergangenen Wochenende gab es im kollektiven Bewusstsein der Autofahrer auf der ganzen Welt keinen Zweifel an der technischen Überlegenheit der deutschen Autoindustrie. Die Deutschen galten als Volk der Ingenieure, den Regeln verpflichtet und der besten technischen Lösung.

An diesem Ruf hat auch Martin Winterkorn jahrzehntelang mitgearbeitet. In kongenialer Eintracht mit seinem Förderer Ferdinand Piëch hat er den VW-Konzern zu neuer Größe geführt, mit mehr als 600.000 Beschäftigten, die stolz auf ihre Arbeit sind. Mit mehr als 200 Milliarden Euro Umsatz bei gut zehn Millionen verkauften Autos weltweit. Keine billigen Autos, aber ihr Geld wert.

Es droht der Generalverdacht

Und jetzt? Jetzt steht Winterkorn plötzlich da wie ein Taschenspieler. Seine Ingenieure tüfteln, wie man Regeln umgeht - anstatt Autos zu bauen, die Grenzwerte einhalten oder sogar unterbieten. Einerlei, ob der VW-Boss den Betrug selbst angeordnet hat, er ist unter seiner Ägide geschehen.

Im Video: Das Statement von VW-Chef Winterkorn

Der Schaden ist viel größer als Strafzahlungen, Kunden-Entschädigungen und die Reparatur von rund elf Millionen Autos es sein werden. Er droht auf die gesamte Autoindustrie überzugreifen - in Form eines Generalverdachts. Wirtschaftsvertreter sprechen hinter vorgehaltener Hand bereits von einem "Image-GAU" für die so stark auf den Export ausgerichteten deutschen Fahrzeugbauer. "Das Gütesiegel 'Made in Germany' insgesamt hat kräftige Kratzer bekommen", klagt ein führender Wirtschaftsvertreter. Andere befürchten gar, dass jetzt auch andere Branchen unter Druck geraten könnten.

Bislang bekamen deutsche Betriebe Aufträge nicht unbedingt deshalb, weil sie das billigste Angebot machten. Die Kunden zahlten einen Aufpreis dafür, dass sie ihren Lieferanten vertrauen konnten. Integrität und Verlässlichkeit sind in Zeiten eng getakteter Wirtschaftsabläufe bares Geld wert. An der Verlässlichkeit hat sich zwar auch nach dem VW-Skandal nichts geändert, doch jetzt können Neider und Konkurrenten nach Herzenslust Misstrauen säen.

In den USA zimmern sie schon fleißig am öffentlichen Pranger. Einige US-Politiker setzen sich bereits für eine Befragung vor dem US-Kongress ein. "Das amerikanische Volk verdient Antworten und Zusicherungen, dass dies nicht wieder passiert", heißt es in Washington. Der Abgas-Skandal von VW wird nicht nur den amerikanischen Autofahrern noch lange im Gedächtnis bleiben, darauf kann man jetzt schon wetten.

Fehler machen darf jeder, Fehler verschleiern nicht

Man kann natürlich viel über Ungerechtigkeiten und Sippenhaft lamentieren, und dass die Strafe für VW weit übers Ziel hinausschießt. Mag sein, dass das stimmt. Doch wenn jemand dafür die Verantwortung trägt, dann das VW-Management selbst. Rund eineinhalb Jahre hatten die Herren Zeit, um auf die anfangs ganz harmlosen Fragen der US-Umweltbehörde EPA zu reagieren. Eine schnellere Reaktion ohne Hinhaltetaktik hätte die Aufseher bestimmt deutlich milder gestimmt. So aber hat man das Blatt ausgereizt, bis nichts mehr ging.

Fehler können geschehen, auch Tricks sind verzeihlich, sofern man zurückzieht, wenn man erwischt wird. So gesehen kann die Strafe eigentlich nicht hart genug ausfallen. Man kann nur hoffen, dass sie auch all diejenigen trifft, die diese unglaublichen Managementfehler begangen haben.

Zum Autor
Michael Kröger ist Korrespondent im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Michael_Kroeger@spiegel.de

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insgesamt 142 Beiträge
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Seite 1
Big Duke 23.09.2015
1. Ich freue
mich, wenn die arroganten Autobauer nun mal kleinere Brötchen backen müssen. Knebelverträge für Zulieferer... So konnte es nicht weitergehen. Herr Prof. Winterkorn beschädigt noch seinen guten Ruf zum Schluß... so sollte man als Top Manager nicht ausscheiden. Schade eigentlich aber dennoch gerecht. Hochmut kommt vor dem Fall!
privado 23.09.2015
2. Nur Fahrlässig?
Eher grob fahrlässig. VW hat den Ruf der deutschen Industrie nachhaltig beschädigt. Gier frisst Hirn - auch in diesem Fall gilt der wohlbekannte Ausspruch.
DMenakker 23.09.2015
3.
Winterkorn als Lichtgestalt des deutschen Ingenieurswesen, der oberste gleiche unter gleichen mit seinen 600.000 fleissigen Arbeitern, und nur im Ruf beschädigt durch die böse US-Niederlassung. Mein Gottchen, was soll das sein? Grimms Märchen auf modern oder eine bezahlte PR Kampagne pro Winterkorn? Man wird ihn samt Sessel hinaustragen und entsorgen müssen. Er klebt halt wie so viele andere auch.
gympanse 23.09.2015
4.
Früher oder später hätte die Welt eh mitbekommen, dass Made in Germany im gloalisierten Zeitalter nichts mehr her macht. Dipl. Ing. gibt es nicht mehr. Der Verfall nach Bologna ist überall zu spüren. Deckt sich aber mit Niedriglöhnen. Und wenn das nicht reicht, wird halt direkt in China produziert und nur noch das Label ist Deutsch, auf dem Waschzettel steht schon lange, Made in China oder nur noch Assemled in Germany. Wer noch was werden will studiert BWL und wird Banker. So ist das halt.
steinbock8 23.09.2015
5. was ist bloß los
das soll die Krone der deutschen Industrie sein das sind dumme Jungs mit krimineller Energie erwachse vernünftige Männer lassen auf so einen Quatsch gar nicht ein oder lässt die Gier nach macht und Geld den Verstand sausen wird das das Jahrhundert der dummköpfe unser made in Germany ist auch im Eimer danke liebe industriebosse
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