Volkswagen-Zahlen Fünf Gründe für die lausige Rendite

Der Umsatz steigt deutlich, der Gewinn auch: Das Quartalsergebnis von VW lässt sich als glänzendes Frühjahreszeugnis für Martin Winterkorn interpretieren. Doch in Wahrheit verbergen sich in den Zahlen gravierende Probleme.

VW-Chef Winterkorn vor der Konzernzentrale: VW verpulvert Geld wo es nur geht
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VW-Chef Winterkorn vor der Konzernzentrale: VW verpulvert Geld wo es nur geht

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Mitteilungen zu Bilanzen sind gewöhnlicher Weise etwas für nüchterne Zahlenmenschen. Doch diesmal brachte Volkswagen-Chef Martin Winterkorn während der Pressekonferenz Emotionen ins Spiel. "Die gesamte Mannschaft arbeitet mit voller Konzentration an dem Ziel, auch 2015 zu einem Erfolgsjahr zu machen", schwärmte er. Seine Botschaft: Alle ziehen am gleichen Strang, allein dem einen Ziel verpflichtet: den VW-Konzern voranzubringen. Und Winterkorn ist es, der das Ziel vorgibt.

Der Quartalsbericht scheint den Sieg im Machtkampf mit Ferdinand Piëch im Nachhinein zu rechtfertigen:

  • Der Umsatz von Europas größtem Autobauer stieg im ersten Quartal 2015 um mehr als zehn Prozent auf 52,7 Milliarden Euro.

  • Der Betriebsgewinn sprang überraschend stark um fast 17 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro.
  • Der Ausblick: rosig. Absatz, Umsatz und operatives Ergebnis sollen in diesem Jahr weiter zulegen. "Wir sind für die heterogene Entwicklung der weltweiten Automobilmärkte bestens aufgestellt", verkündet Winterkorn.

Um Indizien zu finden, die Piëchs Kritik an der Arbeit des VW-Vorstands untermauern, muss man das 52 Seiten starke Konvolut schon sehr genau durchforsten:

  • Das schwache Wachstum der Marke VW könnte man nehmen, das auf Seite 20 erwähnt ist.
  • Oder den Rückgang der Auslieferungen auf dem US-Markt, der alle Marken umfasst und bei minus 1,4 Prozent liegt.

Andere Hinweise finden sich nicht.

Aus Sicht von Arndt Ellinghorst vom Investmentberater Evercore ISI lenken diese Zahlen jedoch von den wahren Problemen ab, die dem Konzern zu schaffen machen. "Volkswagen kämpft bereits seit Jahrzehnten mit der schwachen Position auf dem US-Markt", erklärt der Analyst. "Warum also sollte es jetzt den Ausschlag für die versuchte Ablösung Winterkorns geben?"

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Ferdinand Piëchs Karriere in Bildern: Endë
Gleichwohl sieht der Experte gute Gründe für einen Wechsel der Führungsspitze - und zwar sowohl im Aufsichtsrat wie im Vorstand. Auf eine Kurzformel gebracht könnte man sagen: Volkswagen verpulvert sein Geld, wo es nur geht. Nachlesen kann man das in nahezu jedem Kostenkapitel der strategischen Finanzplanung. "Die Führungsspitze muss sich fragen lassen, warum Volkswagen bei seiner Größe kaum Skaleneffekte erzielt", sagt Ellinghorst.

Insgesamt macht der Analyst fünf Problembereiche aus, in denen die Kosten in den vergangenen Jahren stärker wuchsen als der Umsatz:

  • Die Personalkosten, die nur zum Teil dem teuren Standort geschuldet sind. Sie betrugen 2014 16,7 Prozent des Konzernumsatzes - das ist der höchste Anteil seit 1997. Der Hinweis auf den teuren Standort Deutschland taugt dafür als Argument nur bedingt. Der viel kleinere Premiumhersteller BMW, der ebenfalls den Schwerpunkt seiner Produktion in Deutschland hat, kommt auf einen Anteil von 12,1 Prozent. Der französische PSA-Konzern wies 2014 13,4 Prozent aus, obwohl dort der Umsatz pro Mitarbeiter viel niedriger liegt - und Frankreich auch nicht gerade als Billiglohnland bekannt ist.

  • Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung machten im vergangenen Geschäftsjahr 7,4 Prozent des Umsatzes aus. Das ist der höchste Anteil in der Volkswagen-Geschichte. Prinzipiell sind hohe Ausgaben in diesem Bereich ein Signal, dass der Konzern in die Zukunft investiert. Doch andere Unternehmen schaffen das deutlich billiger. Mercedes und BMW geben 5,5 beziehungsweise 5,7 Prozent vom Umsatz für Forschung und Entwicklung aus, ohne technisch zurückzufallen. Noch deutlicher ist der Rückstand gegenüber Toyota. Den Japanern genügen weniger als 4 Prozent ihres Umsatzes, um ihren Vorsprung etwa beim Hybridantrieb oder bei der Brennstoffzelle noch auszubauen.

  • Für Rohstoffe und Vorprodukte gaben die Wolfsburger 2014 insgesamt 132,5 Milliarden Euro aus. Diese Kosten fressen im Schnitt nahezu drei Viertel der Erlöse von jedem verkauften Auto auf. Dieser Anteil ist damit so hoch wie seit 1990 nicht mehr. Einspareffekte, die sich gemeinhin durch den Verkauf großer Mengen erzielen ließen: kaum feststellbar.

  • Auch Vertrieb und Verwaltung fordern immer höheren Tribut. Mit 13,9 Prozent des Umsatzes erreichten die Kosten für diese Bereiche 2014 einen historischen Höchststand.

Noch, warnt der Experte, schmälerten die erwähnten Posten lediglich die Rendite. Sobald sich die Nachfrage abschwäche, würden sie jedoch zu einem Risiko. Der alten Garde traut Ellinghorst den Kurswechsel nicht mehr zu: "Piëch und Winterkorn hatten mit ihrem Fokus in den vergangenen Jahren sehr großen Erfolg, sie sehen deshalb keinen Anlass, daran etwas zu ändern."

Tatsächlich hat das Duo den Konzern mit seinem verbissenen Einsatz für technisch anspruchsvolle Autos einen beispiellosen Aufschwung beschert. Als Piëch im Jahr 1993 die Führung in Wolfsburg übernahm, machte Volkswagen 40 Milliarden Euro Umsatz und hatte einen Marktwert von vier Milliarden Euro. Inzwischen liefern die zwölf Marken insgesamt rund 13 Milliarden Gewinn ab und der Aktienwert ist auf mehr als 110 Milliarden Euro gestiegen.

Die Meriten der Vergangenheit sind zwar wertvoll für das Image - "doch Geld verdient man nur, wenn Kosten und Ertrag in einem vernünftigen Verhältnis stehen", erklärt Analyst Ellinghorst. In seiner Substanz sei Volkswagen nach wie vor ein ausgezeichnetes Unternehmen - es müsse nur lernen, die Potenziale zu nutzen, die in ihm stecken.

Zusammengefasst:
Volkswagens Bilanz für das erste Quartal liest sich wie eine echte Erfolgsstory. Doch sie beantwortet nicht die Frage, warum die Rendite so dürftig ausfällt. Ein Blick in die Finanzplanung offenbart die Probleme, die der Konzern in naher Zukunft bewältigen muss. Es wird ein hartes Stück Arbeit - und es klappt nur mit einer neuen Führungsspitze.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, der Volkswagen-Konzern habe im Jahr 1993 einen Verlust von 40 Milliarden Euro gemacht - gemeint war aber der Umsatz. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Mögliche Winterkorn-Nachfolger in der Übersicht:

Porsche-Chef Matthias Müller: Als Meisterstück des 61-jährigen Topmanagers gilt die reibungslose Integration des Stuttgarter Sportwagenbauers Porsche in den Konzernverbund. Auch sonst kennt er das Reich bestens. Seine Karriere begann er bei Audi, sie führte ihn über mehrere Stationen bis zur Leitung der Abteilung für Konzernstrategie in Wolfsburg. Zu Piëch selbst hat er sogar persönlich Kontakt.

Heinz-Jakob Neußer: Der 55-Jährige gilt unter Beobachtern als Geheimtipp. Er ist jung und hat im Konzern bereits einige Meriten gesammelt. Vor allem genießt der Entwicklungsvorstand von VW einen Ruf als herausragender Techniker, der auch über diplomatisches Geschick verfügt. Anders als Müller wäre er jedoch kein Kandidat für den Übergang.

Herbert Diess: Der Ex-Einkaufschef von BMW hat noch nicht einmal bei Volkswagen angefangen. Erst im Sommer soll er in Wolfsburg seinen Job als Vorstand der Marke VW antreten. Er gilt als entschlossener Sanierer, der mit Sentimentalitäten für traditionelle Vorgehensweisen wenig am Hut hat. Seine Karriere bei VW wird auch davon abhängen, ob es ihm gelingt, den Rückhalt der Belegschaft zu gewinnen. Es wäre eine Überraschung, wenn er als Neuling direkt auf Winterkorn folgen würde.

Andreas Renschler: Dem Ex-Daimler-Vorstand kommt eine Schlüsselrolle im Konzern zu. Er soll die in tiefer Abneigung verbundenen Lkw-Bauer Scania und MAN zusammenführen. Das Talent dafür bescheinigen dem Nutzfahrzeuge-Vorstand viele: Er gilt als charmant und durchsetzungsfähig – und als jemand, der sich ausgezeichnet mit Gewerkschaftern verständigen kann. Wenn ihm die Integration der Schwerlast-Sparte gelänge, könnte er damit vielleicht sogar den Makel tilgen, kein Ingenieur zu sein. In Piëchs Kosmos sind nämlich allein Techniker in der Lage, das Volkswagenreich zu regieren.

Rupert Stadler: Dem Audi-Chef aus Ingolstadt sagt man trotz der Entfernung zu Wolfsburg ein enges Verhältnis zu Piëch nach. Kein Wunder – schließlich war er einmal sein Büroleiter. Sachlich spricht wenig gegen ihn. Der 52-Jährige ist zwar Betriebswirt und kein Ingenieur, was bei Piëch zu Minuspunkten führen könnte. Doch Stadler führt die Premium-Konzerntochter seit Jahren mit großem Erfolg und trägt den größten Teil zum Gewinn des Gesamtkonzerns bei. Allerdings war zuletzt auch Kritik laut geworden, weil Audi seine technische Vorreiterstellung eingebüßt hat. Volkswagen-Technik-Guru Ulrich Hackenberg zog eigens nach Ingolstadt, um das zu ändern.

Winfried Vahland: Der 57-Jährige ist mit der Führung von Skoda wesentlich bodenständiger unterwegs als sein Kollege Stadler. Doch er ist kaum weniger erfolgreich. Mit größtem Geschick hat Vahland die tschechische Marke zum Anbieter von Technik-Feinkost im Massensegment entwickelt. Pro Auto verdient Skoda rund doppelt so viel, wie die Stammmarke VW. Allerdings ist Mladá Boleslav, der Sitz von Skoda, recht weit weg von Wolfsburg. Die Zahl der Vahland-Fürsprecher in der Zentrale dürfte entsprechend gering sein.

Hans-Dieter Pötsch: Der Österreicher gilt schon lange als einer der mächtigsten Männer im Konzern. Er ist zwar für die Finanzen zuständig, findet aber auch Gehör, wenn es um strategische Entscheidungen geht. Als Wirtschaftsingenieur hat er im Studium auch einiges über das Ingenieurswesen gelernt. Pötsch könnte als Übergangskandidat zum Zuge kommen - für den Fall, dass man im Aufsichtsrat sonst keine Einigung findet. Denn kritisch betrachtet ist Pötsch auch ein Mann der alten Garde. Und mit 66 Jahren stünde seine Karriere in anderen Konzernen schon vor dem Ende.

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
widower+2 29.04.2015
1. Wo ist das Problem?
Der Konzern macht Gewinne, die Mitarbeiter verdienen in der Regel recht gut. Also? Was interessiert da das Gewäsch irgendeines Analysten, der gewiss nicht im Interesse der Arbeitnehmer handelt?
noalk 29.04.2015
2. 113 %
Soviel kommt zusammen, wenn man die vier im Artikel erwähnten Einzelwerte addiert. Wo ist der Fehler?
paulhaupt 29.04.2015
3. Diese Zahlen sind katastrophal!
Zehn Prozent mehr Umsatz = 52,7Mrd € 17% mehr Gewinn = 3,3Mrd € Gottohgott! VW steht praktisch vor dem Bankrott Dabei ist der allmächtige Ferdinand erst vier Tage weg!
veit.kessler 29.04.2015
4. vw
schuster bleib bei deinen leisten, es war einmal ein VOLKS -Wagen, nun ist der Grössenwahn herrschend, zuviele Wasserköpfe in der Spitze. v.K.
wilkoplabst 29.04.2015
5. interessante Zahlen
Ich hoffe nur, die Zahl für die eingesetzten Rohstoffe stammt nicht vom sog. Experten. Ist mehr als doppelt so hoch wie der Umsatz ... kein valides Geschäftsmodell
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