VW-Abgasaffäre Strafanzeigen gegen Bosch-Chef

Die Verwicklung des weltgrößten Autozulieferers in die VW-Abgasaffäre könnte Konsequenzen für den Konzernchef Volkmar Denner haben: Bei der Staatsanwaltschaft sind mehrere Strafanzeigen gegen ihn eingegangen.

Volkmar Denner
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Volkmar Denner


Im VW-Abgasskandal richten sich Betrugsvorwürfe jetzt auch gegen den Chef des Autozulieferers Bosch persönlich. Gegen Volkmar Denner seien mehrere Strafanzeigen eingegangen, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart mit. Gleichzeitig betonte er, dass sich die Ermittlungen in dem Verfahren trotz dieser Anzeigen derzeit nicht direkt gegen den Bosch-Chef richten.

Die Staatsanwaltschaft hatte im Dezember ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Betrug gegen das Unternehmen Bosch eingeleitet. Sie ermittelt gegen unbekannt. Auch jetzt gebe es noch "keinen Anfangsverdacht gegen Mitarbeiter von Bosch oder Herrn Denner", sagte der Sprecher. Man müsse erst die Stichhaltigkeit der Anzeigen prüfen.

Ein Sprecher von Bosch erklärte, dem Unternehmen lägen zu den Anzeigen keine Informationen vor. Deshalb wolle es sich nicht äußern.

Bosch, der weltgrößte Autozulieferer, ist in der Abgasaffäre zuletzt immer stärker unter Druck geraten. Der Konzern hatte Volkswagen einen Teil der Motorsteuerung geliefert, mit der VW den Stickoxid-Ausstoß von Dieselmotoren manipulierte. Unklar ist, wie tief Bosch in die Entwicklung der illegalen Abschalteinrichtung involviert war.

Nach Bekanntwerden des Skandals hatte Bosch erklärt, nur Komponenten für die Abgasnachbehandlung geliefert zu haben. Für deren Integration sei dann aber VW verantwortlich gewesen. Zuletzt waren aber Details aus VW-Dokumenten bekannt geworden, laut denen Mitarbeiter von Bosch schon 2008 von einem "Defeat Device" in VW-Dieselmotoren gewusst haben sollen.

Bosch äußert sich angesichts laufender Ermittlungen und Sammelklagen nicht zu dieser Sache.

Vermont verklagt VW im Abgasskandal

In den USA hat sich derweil ein weiterer Bundesstaat der Klagewelle gegen Volkswagen angeschlossen. Generalstaatsanwalt Bill Sorrell wirft dem Konzern in einer Mitteilung vom Donnerstag den Vertrieb von Dieselwagen mit illegaler Abgassoftware, irreführende Werbung und Verstöße gegen Emissionsregeln vor. Vermont folgt damit anderen US-Staaten wie Maryland, Massachusetts, New York und Pennsylvania.

"Sieben Jahre lang haben die Beklagten unsere Luft verschmutzt und ihr Fehlverhalten verschleiert, um die Umweltbehörden zu täuschen", sagte Sorrell einer Mitteilung zufolge. VW und seine Konzerntöchter Audi und Porsche hätten Fahrzeuge als umweltfreundlich beworben, obwohl der Schadstoffausstoß die Grenzwerte um das bis zu 40-Fache überschreite. Die eklatante Missachtung der Gesetze zum Schutz der Umwelt, der öffentlichen Gesundheit und der Verbraucher werde nicht toleriert.

VW war zunächst nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Aus Gerichtsdokumenten geht aber hervor, dass der Konzern einen Vergleich anstrebt. Die Gespräche sollen spätestens am 1. November beginnen, bis dahin melden möglicherweise noch weitere US-Staaten Ansprüche an. Zuvor hatte sich VW in den USA bereits mit Hunderten Zivilklägern auf einen Vergleich in Höhe von bis zu 15,3 Milliarden Dollar geeinigt.

VW weist Vorwürfe von EU-Kommission zurück

Einen Vorwurf der EU-Kommission wies Volkswagen unterdessen zurück. Diese hatte den Konzern beschuldigt, wegen der Abgasmanipulation gegen europäisches Verbraucherrecht verstoßen zu haben.

In einem Schreiben an EU-Kommissarin Vera Jourova weist der Konzern nun auf die angelaufene Rückrufaktion für die insgesamt 8,5 Millionen betroffenen Fahrzeuge in Europa hin. Mit dieser werde dem Kunden schriftlich garantiert, dass es keinerlei technische Verschlechterungen gebe. Auch habe Volkswagen nicht gegen die EU-Richtlinien zu Garantien und über unlautere Geschäftspraktiken verstoßen.

ssu/dpa/Reuters



insgesamt 3 Beiträge
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Pango 09.09.2016
1. Auf die harte Tour
Tja, was dachte Bosch denn? Dass die eigenen Verantwortung unter den Teppich gekehrt werden kann, wenn VW alle Schläge kassiert? Dumm nur, wenn man sich vorher die umfassende Kontrolle über die betrügerische Software zusichern lässt ... "Plausible Deniability", das Leugnen ohne Geschmäckle, ist damit nicht mehr möglich. Jetzt wird sich die Salami-Taktik rächen, nur das nötigste zuzugeben. Gelegenheit für den reinen Tisch verpasst – eine Schande für das Traditionsunternehmen!
Motorkopf 09.09.2016
2. übliche Vorgehensweie...!
Aus der Praxis weiß ich nur zu gut, daß das Vorgehen von Bosch absolut alltäglich und normal in der Industrie ist. Ja gar nicht anders Möglich! Ein Kunde bezahlt die Entwicklung bis zur Serienreife, macht natürlich eigene Vorgaben und wird (mit dem Verweis auf die Möglichkeit der Illegalität) vom Hersteller beliefert.... Bosch hat VW gewarnt und sich per Unterschrift rückversichert, daß die gelieferten Bauteile auch gesetzeswidrig eingesetzt werden können. Ich bezweifle stark, daß Bosch ein Fehlverhalten nachzuweisen ist. Dann müsste der absolute Großteil der deutschen Industrie in Kittchen!!
FilmCity 09.09.2016
3. Doppelt kassieren?
Will hier jemand nun doppelt kassieren? Einmal bei VW und nun auch bei Bosch? Bosch hat das geliefert, was der Kunde haben wollte. VW wurde darauf hingewiesen, dass diese Software keinen legalen Ansprüchen genüge sein wird und dass die Nutzung in den USA illegal sein würde. Der eigentliche verantwortliche ist somit eindeutig VW. VW hat das bekommen, was es wollte und hat dies bei den von VW erzeugten Produkten installiert. Nun also soll Bosch dafür verantwortlich gemacht werden, weil der Kunde bewusst die Software eingesetzt hat, vor der Bosch gewarnt hat? Es hat mehr den Anschein, dass hier eine Art Wirtschaftskrieg stattfindet, bei dem deutsche Unternehmen gezielt geschädigt werden, die auf dem US Markt aktiv sind. Sollte man wirklich glauben, dass VW der einzige Hersteller ist, der solche Schummelleien einsetzt? Alle US-Autos erfüllen also die Normen ohne ähnliche Tricksereien? Kann ich mir nicht vorstellen!
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