Dieselaffäre VW-Aufsichtsrat berät über rechtliche Schritte gegen Winterkorn und Stadler

Martin Winterkorn und Rupert Stadler standen im Zentrum der VW-Abgasaffäre. Nun diskutiert der Aufsichtsrat nach SPIEGEL-Informationen über Schadensersatzansprüche gegen die beiden Ex-Bosse.
Ex-Autobosse Stadler und Winterkorn (2014): Möglicher Verstoß gegen Kontrollpflichten

Ex-Autobosse Stadler und Winterkorn (2014): Möglicher Verstoß gegen Kontrollpflichten

Foto: Tobias Hase / dpa

Fünfeinhalb Jahre nach Auffliegen der Dieselaffäre erwägt der VW-Konzern konkrete rechtliche Schritte gegen den ehemaligen Volkswagen-Chef Martin Winterkorn sowie gegen Ex-Audi-Boss Rupert Stadler. Wie der SPIEGEL aus dem Umfeld des Autokonzerns erfahren hat, wird der Aufsichtsrat am Freitagmittag nach zweitägiger Beratung mögliche Schadensersatzforderungen gegen die beiden Ex-Manager diskutieren. Ein VW-Sprecher wollte dazu keinen Kommentar abgeben.

Nach SPIEGEL-Informationen hat die Anwaltskanzlei Gleiss Lutz ihre vom Aufsichtsrat beauftragte Untersuchung zur Pflichtverletzung von Vorständen in der Dieselaffäre abgeschlossen. Seit Mittwoch werden die Ergebnisse nun dem VW-Aufsichtsrat mündlich präsentiert. Nach Angaben eingeweihter Personen sehen die Juristen Anhaltspunkte für Pflichtverletzungen aufseiten Winterkorns und Stadlers. Die international tätige Kanzlei berät den VW-Aufsichtsrat seit der Anfangsphase der Dieselkrise.

Mögliche Forderungen im dreistelligen Millionenbereich

Der Ausgang der Debatte am Freitag ist noch offen. Personen mit Kenntnissen der Materie betonen, Winterkorn und Stadler würden im Unternehmen weiterhin geschätzt. Es gebe allerdings Hinweise, dass sie ihre Kontrollfunktion nicht ausreichend wahrgenommen hätten. Deshalb stünden jetzt Regressforderungen im Raum. Winterkorn und Stadler haben jegliches Fehlverhalten stets bestritten.

Mit dem Abschluss der internen Untersuchung zur Dieselaffäre, heißt es, wolle Volkswagen nun einen Schlussstrich ziehen. Seit Jahren wird Volkswagen von Aktionärsschützern kritisiert, ehemalige Vorstandsmitglieder zu schonen und den Skandal nicht entschlossen genug aufzuklären.

Das Vorgehen des VW-Aufsichtsrats erfolgt unabhängig vom parallel laufenden Strafverfahren gegen die ehemaligen Vorstandschefs. Der Prozess gegen Winterkorn und vier weitere Beschuldigte wegen Betrugsverdachts wurde wegen der Coronapandemie mehrfach verschoben, er soll nun am 16. September vor dem Landgericht Braunschweig starten. Ex-Audi-Chef Stadler, der ebenfalls wegen Betrugsverdachts angeklagt ist, steht bereits seit Ende September in München vor Gericht. Beide Ex-Manager bestreiten die Vorwürfe.

Auch VW vertritt bis heute die Auffassung, dass der Dieselbetrug nicht vom Vorstand angeordnet worden sei. Ob Winterkorn und Stadler am Ende tatsächlich eine Verurteilung oder gar Haftstrafe droht, gilt im Konzern deshalb als zweifelhaft. Das hindert VW jedoch nicht daran, gegen seine Ex-Bosse wegen möglicher Pflichtverletzungen vorzugehen. Laut Aktiengesetz ist der Aufsichtsrat sogar verpflichtet, im Schadensfall Ansprüche gegen seine Vorstände zu prüfen.

Die Höhe der möglichen Schadensersatzforderungen gegen Winterkorn und Stadler steht noch nicht fest. Je nach Schwere der festgestellten Versäumnisse könnten sie sich im dreistelligen Millionenbereich bewegen. Insgesamt ist dem VW-Konzern im Zuge des Dieselskandals ein Schaden von mehr als 30 Milliarden Euro entstanden, vor allem für Rückkäufe manipulierter Fahrzeuge und Strafzahlungen in den USA.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.