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28. Januar 2018, 22:03 Uhr

Stickstoffdioxid-Experiment

Autoforscher sollen auch an Menschen Abgase getestet haben

Die deutsche Autoindustrie hat laut einem Medienbericht indirekt nicht nur Abgastests an Affen finanziert - sondern auch an Menschen. Daimler zeigt sich davon "erschüttert".

Zuletzt war ein von der Autoindustrie finanzierter Lobbyverein in die Kritik geraten, weil er Wissenschaftler in den USA mit Abgasversuchen an Affen beauftragt hatte. Laut einem Zeitungsbericht mussten aber auch menschliche Probanden das Reizgas Stickstoffdioxid (NO2) einatmen.

Demnach unterstützte die "Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" (EUGT) ein Experiment, bei dem 25 junge und gesunde Testpersonen an einem Institut des Uniklinikums Aachen über mehrere Stunden hinweg in unterschiedlichen Konzentrationen Stickstoffdioxid einatmeten. Das berichtet die "Stuttgarter Zeitung". Autoabgase gelten als Hauptquelle des Stoffes.

Anschließend wurden die Testpersonen untersucht. Ergebnis: Laut EUGT konnte keine Wirkung festgestellt werden. Die Studie wurde laut "Stuttgarter Zeitung" 2016 veröffentlicht. Die EUGT wurde ein Jahr später aufgelöst. Sie war 2007 von den Konzernen Daimler, VW, BMW und dem Autozulieferer Bosch gegründet worden.

Daimler distanziert sich von beiden Studien

Der zuständige Aachener Institutsleiter Thomas Kraus wies darauf hin, dass die Untersuchung nicht besonders aussagekräftig sei, weil man die Befunde nicht auf die gesamte Bevölkerung übertragen könne und weil Stickstoffdioxid nur einen Teil der gesamten Luftbelastung ausmache. Man dürfe den Versuch mit den Probanden deshalb nicht instrumentalisieren, um Entwarnung zu geben, zitiert die Zeitung den Wissenschaftler.

Der Stuttgarter Daimler-Konzern distanzierte sich am Sonntag sowohl von den Untersuchungen an den Affen als auch von der Aachener Studie. Man verurteile die Versuche "auf das Schärfste", sagte ein Sprecher gegenüber der Zeitung. Das Vorgehen der EUGT "widerspricht unseren Werten und ethischen Prinzipien". Jetzt soll es auf Wunsch des Konzerns eine "umfassende Untersuchung" geben.

Volkswagen hat sich bislang lediglichfür die Versuche mit Affen entschuldigt. Man distanziere sich klar von allen Formen der Tierquälerei. Betriebsratschef Bernd Osterloh sagte der "Welt", die Vorgänge in den US-Labors müssten offengelegt werden.

VW-Betriebsrat: "Personelle Konsequenzen prüfen"

"Wir als Betriebsrat haben da eine klare Meinung: Wenn das so stimmt, dann hat das mit einwandfreiem ethisch-moralischen Verhalten nichts, aber auch gar nichts zu tun", sagte Osterloh. Darin verwickelte VW-Manager sollten nach seinen Worten zur Rechenschaft gezogen werden. "Sollten damalige Verantwortliche noch an Bord sein, dann müssen personelle Konsequenzen geprüft werden."

Die Experimente mit den Affen waren durch eine Recherche der "New York Times" öffentlich geworden. Die Zeitung berichtete, 2014 seien die Tiere vier Stunden lang in Räumen mit Auspuffgasen eines - mit manipulierter Abgastechnik ausgestatteten - VW Beetle eingesperrt gewesen.

Die Tests waren Teil einer Studie, die beweisen sollte, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen hat. Das US-amerikanische Lovelace Respiratory Research Institute führte die Untersuchung durch, Auftraggeber war die EUGT. VW war laut dem Studienleiter dabei federführend.

mja

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