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22. Juli 2017, 13:40 Uhr

Kartell der deutschen Autobauer

Einmal Schrottpresse

Ein Kommentar von und

Bislang waren Daimler, Volkswagen, Porsche, Audi und BMW der Stolz der deutschen Industrie. Dann kamen der Dieselskandal und nun der Kartellskandal. Die Branche riskiert nicht nur Milliardenstrafen - sie zerstört die Basis ihrer Geschäfte.

Der Kauf eines Autos stellt für die meisten Menschen eine der größten Investitionen ihres Lebens dar, gleich nach dem Kauf einer Wohnung oder eines Hauses. Nicht wenige nehmen dafür Kredite in Höhe eines Jahresgehalts auf. Sie vertrauen vor allem einem: Dem guten Ruf, über den gerade die deutschen Hersteller lange verfügten. Doch diesen zerstören Daimler, Volkswagen und Co. gerade in atemberaubender Geschwindigkeit.

Das Image, das jahrzehntelang mit guten Autos aufgebaut wurde, wird zerstört wie eine alte Karrosse, die mal eben in die Schrottpresse geschickt wird. Die Grundlage des Geschäfts der Autoindustrie ist ein Wert: die Glaubwürdigkeit. Wenn Kunden dem Versprechen der deutschen Marken nicht mehr glauben, dass diese vielleicht etwas teurer, aber gewiss auch besser als die ausländische Konkurrenz sind, fällt einer der wichtigsten Kaufgründe weg.

Noch hat der Dieselskandal nicht dazu geführt, dass weniger Kunden einen Volkswagen kaufen. Aber immer weniger kaufen einen Diesel. Und sie bringen damit die Hersteller, die so lange mit ihren Abgasen getrickst haben, in ernste Schwierigkeiten. Denn der Diesel stößt weniger CO2 aus als Benziner. Die deutschen Hersteller werden die neuen EU-Vorschriften für den Flottenverbrauch wohl nicht einhalten können. Ihnen drohen deshalb weitere Milliardenstrafen.

Glaubwürdigkeit lässt sich in Euro beziffern

Wenn Hersteller glaubten, mit Sparmaßnahmen bei der Abgasreinigung den Gewinn steigern zu können, zeigt sich nun, dass dies ein sehr kurzfristiges und falsches Kalkül war. Glaubwürdigkeit ist zwar ein schwammiger Begriff. Manchmal lässt sich der Wert der Glaubwürdigkeit aber in Euro beziffern. Spätestens, wenn die Strafen der EU zu bezahlen sind.

Das Geschäft der Autoindustrie ist auch deshalb so stark von ihrer Glaubwürdigkeit abhängig, weil sie ständig mit Politikern verhandeln muss, welche Regeln für die Branche künftig gelten, welche Abgasvorschriften beispielsweise.

Politiker bekommen jetzt vorgeführt, dass auf das Wort dieser Industrie kein Verlass ist. Warum sollten sie den Bossen von Volkswagen, Daimler und BMW noch Glauben schenken, wenn diese argumentieren, noch schärfere Abgasgrenzwerte könne man technisch nicht erreichen?

Auch hier wird der Verlust an Glaubwürdigkeit zum großen Problem für die Branche, von der in Deutschland fast jeder siebte Arbeitsplatz abhängt.

Video: Wie funktionierte das Auto-Kartell?

Lesen Sie dazu auch die Titelgeschichte im aktuellen SPIEGEL.

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