Zoff mit dem Zulieferer Das ist VWs Herausforderer Prevent

VW streitet mit seinen Zulieferern. Doch wer steckt hinter der Firmengruppe, die es mit dem größten Autokonzern Europas aufnimmt? Die Spuren führen zu einem reichen Geschäftsmann aus Bosnien.

Hauptsitz der Prevent DEV in Wolfsburg
imago

Hauptsitz der Prevent DEV in Wolfsburg

Von manager-magazin.de-Redakteur


Die Begründung ist ebenso spitzfindig wie wundersam: Leider, leider könne man in dem heftigen Konflikt zwischen dem Autokonzern Volkswagen und zwei seiner Zulieferer rein gar nichts tun. Das behauptet die Prevent DEV GmbH aus Wolfsburg.

Denn juristisch, so Prevent, sei sie mit den Getriebeteilespezialisten ES Automobilguss und dem Sitzbezug-Lieferanten Car Trim gar nicht verbunden. "Wir haben auch keinen Durchgriff auf die betroffenen Gesellschaften", teilt die Firma mit.

Dabei ist der Konflikt durchaus eine große Sache: Dass bei Volkswagen deshalb mehrere Fertigungslinien stillstehen, ist ein bislang einmaliger Vorgang in der Automobilindustrie. Zudem geben AS und Car Trim selbst an, dass sie der Prevent-Gruppe zuzurechnen seien.

Wer ist also der Strippenzieher im Hintergrund, der den Konflikt mit dem größten Autohersteller Europas aufnimmt?

Ihren formalen Hauptsitz hat die Prevent-Gruppe zwar in Slowenien. Doch groß geworden ist das Unternehmen in Bosnien-Herzegowina. Dort ist die Prevent-Gruppe mit insgesamt 15 Produktionsstandorten und einer eigenen Bank einer der größten Arbeitgeber. Laut eigenen Angaben beschäftigt der Konzern in seiner Heimat 6500 Leute.

Doch auch dort wirken das Unternehmen und sein Management lieber im Stillen, wie ein guter Kenner des Landes erzählt. Das Angebotsspektrum der ASA Prevent-Gruppe ist ziemlich breit: Ihre Unternehmen stellen nicht nur Auto-Sitzbezüge oder Getriebegehäuse her. Eine Tochter, die Prevent TWB, hat sich auf Sitzstrukturen spezialisiert. Das sind jene Drahtgestelle, die sich unter der Polsterung der Autositze verbergen. Bremsen für die Autoindustrie produziert das Unternehmen ebenso.

Von Schutzkleidung bis zu Jachten

Begonnen hat Prevent mit Schutzkleidung, heute zählen aber auch Interieurstoffe für Wohnungen und Couches sowie Modetextilien zum Programm. Mit dem Unternehmen Neofacture hat die Prevent-Gruppe auch einen Hersteller von Polstermöbeln im Programm. Eine Prevent-Tochter fertigt sogar Jachten.

Das auf den ersten Blick wilde Sammelsurium an Geschäftszweigen hat durchaus System und lässt sich aus der Firmenhistorie ableiten. Der Gründer der ASA Prevent-Gruppe, der bosnische Geschäftsmann und Ingenieur Nijaz Hastor, soll jahrelang in leitender Position im bosnischen Automobilwerk Tvorinica Automobila Sarajewo (TAS) tätig gewesen sein. Das Werk fertigte von 1972 bis 1992 VW-Modelle - zuerst den Käfer, danach den Golf, Jetta und den Caddy.

Die Produktion endete aufgrund des Bosnienkrieges. Nach Ende des Krieges gelang es Hastor auch aufgrund guter politischer Verbindungen, bei den Privatisierungen in Bosnien mitzubieten. Durch seine Führungsposition in dem VW-Werk verfügte er auch über gute Fachkenntnisse in der Autorindustrie- und hatte gute Kontakte nach Westeuropa.

Hastor schaffte es, mehrere Zulieferbetriebe zu übernehmen und diese kräftig auszubauen. Dabei ging er sehr professionell vor, wie ein Bosnien-Kenner erläutert. Anders als viele Unternehmer in den Balkanstaaten habe er nie allzu große Nähe zur Politik gesucht und sich auch nicht ins öffentliche Rampenlicht seines Landes gedrängt. Seine Unternehmen seien nach westlichen Managementmaßstäben geführt, Hastors Fokus liege klar auf der Automobilindustrie. Manche der von ihm übernommenen Zulieferer hatten aber Nebensparten wie etwa den Yachtbau, die Prevent behalten hat.

Auch Prevents Engagement im Möbel-Sektor lässt sich erklären: "Prevent erkannte wohl früh, dass Bosnien-Herzegowina auf sehr viel Holz sitzt", sagt ein Insider. "Da konnte er billig produzieren. Leute seines Schlages haben ein gutes Gespür dafür, wo Geld liegt."

Die Familie Hastor gilt in Bosnien-Herzegowina als eine der reichsten Familien des Landes. Einen Großteil des operativen Geschäfts hat Nijaz Hastor aber an seine Söhne Kenan und Damir abgetreten.

Die personellen Verflechtungen der Hastors

Kenan Hastor taucht im Umfeld des deutschen Autozulieferers Car Trim auf. Er ist Geschäftsführer der Parramatta Capital Holding, die im Handelsregister als Eigentümerin von Car Trim eingetragen ist. Und bis vor wenigen Monaten war Kenan Hastor auch Geschäftsführer der deutschen Prevent DEV GmbH. Zudem haben bosnische Zeitungen im Mai dieses Jahres die Übernahme von Car Trim durch Prevent vermeldet.

Ähnlich verworren ist die Eigentümerstruktur auch bei ES Automobilguss, dem zweiten Zulieferer, der mit VW über Kreuz liegt. Die Firma gehört seit Oktober 2015 zum überwiegenden Teil der Bloukrans Ohlanga Capital Holding mit Sitz in Wolfsburg. Alleineigentümerin von Bloukrans ist eine Eastern Horizon Group Netherlands mit Sitz in Amsterdam, deren Eigentümerstruktur vorerst unklar bleibt. Die niedersächsische Wolfenbütteler Zeitung meldete jedoch im Mai, dass ES Automobilguss ins Portfolio der Wolfsburger Prevent DEV GmbH aufgenommen wurde.

Leichter nachweisbar sind da zwei weitere Aktivitäten der Hastor-Familie: Kenan Hastor hat sich über die Beteiligungsgesellschaft Tahoe Investment, bei der er als Geschäftsführer fungiert, bei dem Küchenhersteller Alno eingekauft und könnte über ein Optionsgeschäft bald zweitgrößter Einzelaktionär des angeschlagenen Unternehmens werden.

Sein Vater Nijaz wiederum bleibt lieber der Autobranche treu. Über seine Investmentfirma Halog hat sich der bosnische Unternehmer im März 10,2 Prozent der Anteile am deutschen Autozulieferer Grammer gesichert und seine Beteiligung zuletzt auf 15 Prozent ausgebaut. Möglicherweise will Hastor also das deutsche SDax-Unternehmen übernehmen. Deutschlands Zulieferer werden den Namen des bosnischen Entrepreneurs also wohl noch öfters hören.



insgesamt 152 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Badischer Revoluzzer 19.08.2016
1. Das ist der Kardinalfehler
vieler Einkaufsabteilungen, daß sie sich nach und nach an einen einzigen Lieferanten binden. Umgekehrt wird natürlich auch ein Schuh daraus, wenn sich Lieferanten in die Hände eines einzigen Hauptkunden begeben. Wenns rummst sind immer Arbeitsplätze in Gefahr.
pablocremer 19.08.2016
2. ohne Polemik
koennte man auch sagen, eine fleissige Unternehmerfamilie.
infoseek 19.08.2016
3. Nicht ablehnbare Angebote
"Schönen Konzern haben Sie da. Wäre doch schade, wenn der wegen fehlender Zulieferteile Probleme bekäme ..." Jaja, das ist auch ein Geschäftsmodell, sogar ein bewährtes. Warum sollte das bei einem Global Player nicht funktionieren? Für dessen etwas größere Klöten braucht man halt das passenden Instrument. Ist in diesem Fall offenbar vorhanden.
frankenbaer 19.08.2016
4. Geiz?
Ich lasse mich gerne korrigieren wenn ich behaupte, das Problem ist die Preisdrückerei bei Zulieferern. Wenn ich nur billig einkaufen will, komme ich zwangsläufig an windige Firmengeflechte. VW muss auf Grund seiner überbordenen Betriebsstruktur, dem aufgeblähten Managerberg, dem allmächtigen Betriebsrat und dem dadurch ausgeufertem Lohngefüge beim Material um jeden Cent feilschen. Nicht umsonst ist der Gewinn je vekauftem Fahrzeug niedrig im Vergleich zu anderen Herstellern. Wohin die Einkaufspolitik führt, kann man an den Problemen sehen, mit denen sich Käufer herumschlagen müssen.
wx99 19.08.2016
5. Verwirrspiel Wirtschaft
Wozu ist dieses Beiteiligungswirrwar, Anteilseignerversteckspiel, Holdung GmbH & Co KG - Geflecht eigentlich gut? Steuerersparnis? Geldwäsche? Die Namen allein sind schon abenteuerlich und würden mich sehr skeptisch machen. Wehe, wer sich auf so etwas einläßt .-) ! Ein gutes Beispiel zeigt hier VW!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.