Großkunde des Autokonzerns "Die Haltung von VW ist unverschämt"

Mehr als tausend VW-Autos nutzte der Fischhändler Deutsche See in den vergangenen Jahren. Nach dem Abgasskandal fühlt sich die Firma arglistig getäuscht.

VW-Fischtransporter von Deutsche See
Deutsche See

VW-Fischtransporter von Deutsche See

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Ausgerechnet Nachhaltigkeit! Egbert Miebach lacht; Bitterkeit klingt durch. In den USA hat Volkswagen sein Engagement für die Umwelt betont: 2,7 Milliarden Dollar zahlt der Konzern in den kommenden drei Jahren in einen Fonds ein, dessen Ziel die Reduzierung von Diesel-Emissionen ist. Weitere zwei Milliarden fließen in einen Fonds, der in nachhaltige Zukunftstechnologien investiert.

Bis zu 10.000 Dollar Schadensersatz überweist Volkswagen den US-Käufern von abgasmanipulierten Diesel-Autos. Beim aktuellen Umrechnungskurs müsste Miebachs Firma rund vier Millionen Euro bekommen - wenn sie in den USA wäre.

Doch Miebach sitzt in einem Büro in Bremerhaven. Dafür kennt er sich mit beidem aus: mit Nachhaltigkeit und mit VW. Der 58-Jährige ist Geschäftsführer der Fischfirma Deutsche See und damit bisher Großkunde des Wolfsburger Autokonzerns. Vor 17 Jahren übernahm Miebach die Firma zusammen mit seinem Geschäftspartner Peter Dill und setzte, lange bevor es in der Lebensmittelbranche zum Trend wurde, auf Nachhaltigkeit.

Deutsche-See-Geschäftsführer Egbert Miebach
Deutsche See

Deutsche-See-Geschäftsführer Egbert Miebach

Der Schutz der Umwelt ist ihm offenbar so wichtig, dass er nicht nur die Produktion und die Prozesse optimierte, sondern auch den größten Brocken der CO²-Bilanz des Unternehmens anpackte: den Fuhrpark.

"Wir haben 450 Firmenwagen", sagt Miebach, "für unsere Vertriebsleute, für die Manager und vor allem Lieferfahrzeuge." Vor 17 Jahren war die Flotte eine wilde Mischung aus Größen, Marken und Modellen. "Wir haben nach einem Partner gesucht, mit dem wir gemeinsam unsere Idee von Nachhaltigkeit umsetzen können." Nebenbei spart es Geld, wenn der Fuhrpark auf wenige Modelle reduziert ist und auch der Service ausgelagert ist.

Der Partner, das war Volkswagen Nutzfahrzeuge und die VW-Tochter MAN: "Wir haben gemeinsam ein Konzept erarbeitet, VW hat uns viel versprochen." Dienstwagen und vor allem die gesamte Kühlfahrzeugflotte trugen fortan das VW-Emblem. Der Lohn: 2010 wurde Deutsche See mit den Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet - auch wegen der Fahrzeugflotte. Der Autokonzern selbst warb offensiv mit der Auszeichnung in Pressemitteilungen und entwarf großformatige Anzeigen: "Danke, dass wir Sie zum Titel fahren durften."

Im vergangenen Jahr aber wurde bekannt, dass VW ausgerechnet in den bei Deutsche See eingesetzten und als besonders "umweltverträglich und abgasarm" beworbenen Autos, eine Software eingesetzt hat, die die niedrigen Schadstoffwerte nur auf dem Prüfstand vorgaukelte. Die schönen Balken in der Nachhaltigkeitsbroschüre des Unternehmens, die den jedes Jahr sinkenden CO²-Ausstoß der Kühlautos eindrucksvoll illustrieren dürften in der abgasmanipulierten Wirklichkeit ganz anders aussehen.

VW-Crafter von Deutsche See
Deutsche See

VW-Crafter von Deutsche See

Miebach fühlt sich getäuscht. Er hätte auch "verarscht" sagen können, das hätte zu ihm gepasst. Mehr als tausend VW-Fahrzeuge hat sein Unternehmen in den vergangenen Jahren genutzt.

"Wir wollten eine moderne und ökologische Mobilität und VW hat Autos geliefert, die das Gegenteil tun", sagt Miebach. Er versuchte es mit Reden, das kann er gut. Er wollte mit den Verantwortlichen bei VW sprechen, sie zur Rede stellen, diskutieren, eine einvernehmliche Lösung finden. "Aber für uns war niemand erreichbar", sagt Miebach, immer noch verwundert; und zunehmend verärgert. Zum Start der Kooperation hatten noch 60 VW-Manager mitgefeiert - jetzt ist keiner mehr zu sprechen.

Kein Verständnis bei Volkswagen

"Unsere bisherigen und durchaus vernünftigen Gesprächspartner wurden durch Juristen und PR-Profis ersetzt", sagt Miebach. Der Manager wollte das nicht hinnehmen, er fühlte sich hintergangen, arglistig getäuscht. "Wir finden die Haltung von VW entsetzlich", sagt er und meint damit die Arroganz, die der Konzern gegenüber seinen Kunden in Deutschland zeigt - die bisher keinen Schadensersatz bekommen. "Ich finde es unverschämt, dass VW uns und andere Kunden als Trittbrettfahrer beschimpft, nur weil sie auch eine Entschädigung wollen."

Sollte man den Autokonzern nicht verklagen? Der Streitwert ist nicht gering: Rund zehn Millionen Euro für die Rückabwicklung der Leasingvereinbarungen der vergangenen sechs Jahre für die gesamte Fahrzeugflotte der Deutsche See. Ausnahmslos jeder, mit dem Miebach sprach, erzählt er, habe abgeraten. Zu mächtig sei der Gegner, zu groß das Risiko, zu aussichtslos der Kampf.

Lohnt es sich, eine Schlacht zu schlagen, die von vornherein verloren ist? Deutlich mehr als eine Million Euro in einen Rechtsstreit zu investieren, der keinen Erfolg verspricht? Dazu noch gegen eine Firma, die gleichzeitig mit ihrer Kantine und der Autostadt ein nicht ganz unwichtiger Kunde ist? So ganz sicher sind sich Miebach und sein Partner noch nicht.

Aber egal, wie die Entscheidung ausfällt: Nach einem neuen Partner für die Fahrzeugflotte sucht Deutsche See bereits. Ein deutscher Autohersteller wird den Zuschlag wohl nicht bekommen.

insgesamt 192 Beiträge
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Seite 1
bommer 03.07.2016
1. Einer der sich traut
Das finde ich super, daß mal einer gegen die Betrüger vorgeht. Gewiss der Gegner ist Mächtig. Aber für Ihn spricht der gesunde Menschenverstand. Wünsche viel Glück mit seinem Konzept der Nachhaltigkeit. Ciao
Prinzen Paule 03.07.2016
2. Nicht zu verzeihen ....
Glauben Sie ich mir als nä wieder einen VW kaufen werde ? Das ich , wenn mich jemand betrogen hat ihm nochmal glaube bei dieser Haltung des Konzerns ? Als Christ sollte ich und vergebe normalerweise allerdings bei dieser Haltung von VW ziehe meine Schlüsse und lasse mich von einem Anderen betrügen :-)
SanchosPanza 03.07.2016
3. Sippenhaft
Warum kazft diese Firma jetzt ihre Fahrzeuge "wohl nicht mehr von einem deutschen Hersteller"? Wird sie ihren Fisch dann auch nicht mehr an deutsche Kunden verkaufen?
cm1 03.07.2016
4. Danke Herr Winterkorn
Bei VW haben Sie Millionen kassiert, der Schaden, den Sie durch Unfähigkeit oder kriminelle Energie verursacht, ist vielfach größer. Ein verpfuschtes Leben als angestellter Manager, leider nicht untypisch für unser Land.
ichbinsjetzt 03.07.2016
5. Deutsche See
mit ausländischen Fahrzeugen? Nein das passt mir auch nicht. Vielleicht Nutzfahrzeuge aus der Türkei? Den Ball flach halten, gerade Fisch ist heute besonders belastet. Ob in der Natur oder schlimmer aus der Zucht. Anstatt sich Gedanken über den Fuhrpark zu machen, sich lieber um das Kerngeschäft kümmern. Ich esse schon lange keinen Fisch mehr. Hatte lange in der Branche zu tun.ää
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