Gefälschte Abgaswerte von VW in den USA Deutsche Manipulationskunst

VW wirbt in den USA mit deutscher Ingenieurskunst, jetzt drohen nicht nur Milliardenstrafen, sondern auch ein massiver Imageschaden: Mit dem Skandal um manipulierte Abgaswerte ist der Konzern auf gefährliches Terrain geraten.
VW-Zentrale in Wolfsburg (Archiv): Was droht in den USA?

VW-Zentrale in Wolfsburg (Archiv): Was droht in den USA?

Foto: FABIAN BIMMER/ REUTERS

Wer in den USA Fernsehen guckt, kommt um Volkswagen-Werbung nicht herum. Einer der neuen VW-Spots, betitelt "Keine Kompromisse", preist den angeblich besonders umweltfreundlichen Jetta TDI Diesel: "Ist es nicht Zeit für deutsche Ingenieurskunst?"

Nun meldet die US-Umweltbehörde EPA, dass es handfeste Manipulationen bei Volkswagen gegeben hat. Sollte das stimmen, dürfte kein noch so cleverer Werbeclip das Image von Volkswagen in den USA retten können: Dem Konzern drohen zivil- und strafrechtliche Folgen mit Milliardenbußgeldern - ein unabsehbares Desaster im ohnehin schwierigen US-Automarkt. Die ersten Folgen der Abgasaffäre sind schon sichtbar: Die VW-Aktie verlor am Montag zeitweise mehr als 20 Prozent.

Was ist geschehen? Der EPA zufolge hat VW die Abgaswerte von fast einer halben Million US-Dieselautos mit einer Software manipuliert, die "die Abgasbegrenzung beim normalen Fahren ausschaltet und bei Abgastests anschaltet". VW-Chef Martin Winterkorn blieb nichts anderes übrig, als die Vorwürfe einzuräumen und eine Untersuchung anzuordnen.

Damit aber ist der Skandal längst nicht aus der Welt. Im Gegenteil: Die US-Justiz geht hart gegen Wirtschaftskriminelle vor - nicht nur in der Autobranche, wo zuletzt GM und Toyota Milliardenstrafen zahlen und ihre Top-Chefs vor dem Kongress Abbitte leisten mussten.

Wie mächtig die Umweltbehörde ist

In jenen Fällen ging es um Zündschlossdefekte, die Menschenleben kosteten - kein Vergleich zu dem Öko-Trick bei VW. Doch Umweltsünden wiegen bei den US-Behörden ebenfalls schwer.

Erst im August stattete US-Präsident Barack Obama die EPA mit neuen Vollmachten aus, um die CO2-Emissionen von Stromkraftwerken, Lkws und Öl- und Gasproduzenten zu drosseln. "Wir haben eine moralische Verpflichtung, unseren Kindern einen Planeten zu hinterlassen, der nicht verseucht oder beschädigt ist", teilte das Weiße Haus  dazu mit.

Kurs der VW-Aktie seit Mittwoch: Absturz am Montag

Kurs der VW-Aktie seit Mittwoch: Absturz am Montag

Foto: SPIEGEL ONLINE

VW wurde also auch in ein politisches Minenfeld geschleudert. Finanzielle Konsequenzen dürften nur der Anfang sein: 37.500 Dollar Zivilstrafe pro Auto kann die EPA den Wolfsburgern aufbrummen - bei 482.000 betroffenen Fahrzeugen wären das mehr als 18 Milliarden Dollar.

Oft gibt sich die EPA per Vergleich zwar mit weniger zufrieden. Die südkoreanischen Hersteller Hyundai und Kia zahlten voriges Jahr 100 Millionen Dollar Strafe für mehr als eine Million Autos, die mehr Treibhausgase ausstießen, als ihre EPA-Zertifikate offiziell angaben.

Drohen strafrechtliche Konsequenzen?

Doch diesmal fordern Insider ein hartes Durchgreifen. "Ich hoffe, dass die Behörde eine starke Botschaft an den Rest der Branche sendet", sagte die Umweltaktivistin Margo Oge , die 32 Jahre lang für die EPA arbeitete, zuletzt als Abteilungsleiterin für Transportwesen und Luftqualität. "Wir müssen klar machen, dass das nicht akzeptabel ist."

Das US-Justizministerium könnte sich ebenfalls einschalten: Wegen Verstoßes gegen das Umweltgesetz Clean Air Act, wie ihn die EPA dem VW-Konzern vorwirft, könnte es auch strafrechtlich Anklage erheben.

Es würde dem Ministerium gut ins Konzept passen. Anfang September erließ es neue Richtlinien, nicht mehr nur Firmen anzuklagen, sondern auch die verantwortlichen Manager. Diese erste umfassende Direktive unter Justizministerin Loretta Lynch ist eine späte Einsicht aus der Finanzkrise, deren Hauptdrahtzieher bisher ungeschoren davonkamen.

Selbst wenn sich das meist gegen Wall-Street-Banken richtet, könnte sich auch VW in diesem Netz verstricken. "Dies ist ein Test, wie ernst es die Regierung mit ihrer Zusage meint, die Wirtschaftskriminalität zu verfolgen", sagte Tyson Slocum von der Verbrauchergruppe Public Citizen der "Huffington Post" . VW dürfe nicht nur "sein Scheckbuch zücken" und "mit dem Geld der Aktionäre" eine Zivilstrafe zahlen.

Schon reichte die US-Anwaltskanzlei Hagens Berman im Namen betroffener VW- und Audi-Fahrer Sammelklage ein: Ihre Autos erlitten durch das "betrügerische" Verhalten von VW einen beträchtlichen "Wertverlust". Sie hätten je zwischen 1000 und 7000 Dollar mehr bezahlt, um ein umweltfreundlicheres Diesel-Auto zu erstehen.

"Die Amerikaner sollten sich empören über die zynischen und vorsätzlichen Anstrengungen des Konzerns, eines der wichtigsten Umweltgesetze dieses Landes zu verletzen", poltert die "Los Angeles Times" . "Dass der Menschheit katastrophaler Schaden droht von den Folgen der Treibhausschadstoffe, macht den Verstoß von VW umso ungeheuerlicher." Die Zeitung zitierte die Kalifornierin Priya Shah , die einen Jetta besitzt: Sie werde nie wieder einen Volkswagen kaufen.


Zusammenfassung: Volkswagen gerät wegen der Abgasaffäre in den USA massiv unter Druck. Die US-Justiz geht hart gegen Wirtschaftskriminalität vor. Dem Konzern drohen Geldbußen in Milliardenhöhe und ein großer Imageschaden. Eine US-Kanzlei hat bereits eine Sammelklage eingereicht.

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