Wolfsburg und die VW-Krise Die Wagenburg

Wolfsburg hat 120.000 Einwohner, die meisten arbeiten bei VW. Kein Wunder, dass viele hinter dem Abgasskandal eine Verschwörung wittern. Manche sehen das Weggucken aber auch kritisch.

Hendrik Buchheister

Aus Wolfsburg berichtet


Die Leute in der Tunnelschänke bleiben mittlerweile lieber unter sich. Zigarettenrauch hängt in der Luft, an der Theke sitzen Männer beim Veltins. Hinter der Tunnelschänke liegt der Mittellandkanal und dahinter das Volkswagen-Werk, deshalb ist die Kneipe beliebt als Treffpunkt von Volkswagen-Mitarbeitern.

Seit vor einem halben Jahr der Abgasskandal öffentlich wurde, kamen immer wieder auch Journalisten, um die Stimmung in der Belegschaft auszukundschaften. Irgendwann wurde es den Besitzern der Tunnelschänke zu viel. Wer nicht zum Biertrinken kommt, sondern nur zum Fragenstellen, wird freundlich gebeten, wieder zu gehen.

Man kann verstehen, dass die VW-Mitarbeiter ihre Ruhe haben wollen, wenn sie sich in der Tunnelschänke auf den Feierabend einstimmen. Dass sie dann nicht auch noch Auskunft geben wollen, wie sie sich gerade fühlen und ob sie um ihren Job fürchten. Trotzdem hat der Ausschluss der Öffentlichkeit Symbolcharakter.

Die Solidarität mit VW sei ungebrochen bei den Mitarbeitern und in der Stadt, so formulieren das die Wolfsburger selbst. Doch als Außenstehender bekommt man schnell den Eindruck, dass diese Solidarität auch ein Abwehrmechanismus ist.

Die Stadt schottet sich ab - gegen die Angriffe der Presse, die nach Wolfsburger Wahrnehmung mit immer neuen Negativschlagzeilen Stimmung macht, und gegen die Amerikaner, die doch selbst die größten Umweltverschmutzer sind, nun aber Volkswagen anschwärzen. Wolfsburg und sein Autobauer sind in der Krise noch stärker verschmolzen. Es herrscht Wagenburgmentalität.

Das hat damit zu tun, dass die Stadt abhängig ist vom Konzern. 120.000 Einwohner hat Wolfsburg. Rund 70.000 Menschen arbeiten im VW-Werk. Fast jede Familie hat dort mindestens einen Angehörigen.

Genervt vom Krisengerede

Es steckt aber noch etwas anderes hinter der Abschottung: Die meisten Wolfsburger verstehen nicht, was denn da genau schiefgelaufen ist in der VW-Spitze. "Wir als Beschäftigte sind an der Situation vollkommen schuldlos", sagt Dietmar Balke, der bei VW im Einkauf arbeitet. Seit 30 Jahren ist er bei dem Autobauer beschäftigt. Angst um seinen Job hat er nach eigenem Bekunden nicht. Es sei ja immer noch genug Arbeit da, die gemacht werden müsse.

Eher sind die Leute im Werk latent genervt vom Krisengerede. "Natürlich trifft es uns als VW-Beschäftigte, dass die Medien auf unserem Unternehmen rumhacken", sagt Balke. "Sie sehen nur den Diesel-Skandal, nicht die vielen positiven Dinge, für die wir alle hier stehen." Solche Sätze hört man oft in Wolfsburg. Natürlich, die Aufgabe der Medien sei, über den Skandal zu berichten, schiebt Balke noch hinterher. Aber man dürfte nicht nur die eine Seite zeigen. Nicht nur die schlechte.

Die Anspannung in Wolfsburg ist auch deshalb so groß, weil unklar ist, wie es weitergeht. Wie hoch die Strafen sind, die der Konzern zahlen muss, ob noch weitere Tricksereien ans Licht kommen und was das alles für die Arbeitsplätze bei VW bedeutet. "Es ist nicht klar: War es das schon oder ist es die Ruhe vor dem Sturm?", sagt Balke.

Die Wolfsburger Einkaufsmeile heißt Porschestraße. Hier sitzt Ehme de Riese in seinem Geschäft und erzählt von seinen Aufklebern. De Riese ist Optiker und im wahrsten Sinne des Wortes ein bunter Vogel. Sein Anzug in Gelb und Grün sieht aus, als wäre er aus Pfauenfedern gefertigt, dazu trägt er einen passenden Hut.

"Verharmlosung und Verniedlichung"

Als die Krise losging, hat de Riese Aufkleber drucken lassen. Ein blaues Herz, in der Mitte die beiden Buchstaben, die Wolfsburg definieren: VW. 45.000 Stück sind weggegangen, eine neue Auflage ist geplant. Die Aufkleber sollten ein Signal über den Kanal senden, so sagt de Riese das. Über den Mittellandkanal, der Stadt und Werk trennt. Die Arbeiter bei VW sollten spüren, dass die Stadt hinter ihnen steht.

De Riese fühlt mit den Angestellten, weil sie seiner Meinung nach ausbaden müssen, wofür sie nichts können. Doch er sieht die Stimmung in der Stadt auch kritisch. "Es ist alles auf dem Weg der Verharmlosung und Verniedlichung. Am Anfang der Krise war große Empörung spürbar, mittlerweile gibt es eine Ignoranz der Situation", sagte de Riese, in Wolfsburg geboren, Porschefahrer seit 30 Jahren.

Auch er hat den Eindruck, dass viele Wolfsburger lieber auf die Medien schimpfen oder darauf verweisen, dass andere Autobauer auch schummeln würden, anstatt sich kritisch mit VW zu befassen. "Im Moment ist alles zu weichgespült", sagt de Riese.

Tatsächlich ist die Krise für viele Wolfsburger schwer zu fassen. Sie hängt über der Stadt, aber sie beeinflusst die Menschen in ihrem Alltag bisher wenig. Wenn die Sonne scheint, sitzen sie vor dem Eiscafé Roma am Hugo-Bork-Platz, dazu spielt ein Straßenmusiker mit Gitarre und Mundharmonika. Sieht so die Krise aus?

In ihrem Kiosk steht Sabine Spyra, beide Söhne bei VW. Am Kaufverhalten ihrer Kunden habe sich nichts geändert, berichtet sie. Trotz gestiegener Zigarettenpreise. "Geraucht wird ja immer", sagt Spyra und lacht. Selbst die Zeitungen gingen trotz der schlechten Nachrichten weg wie immer.

Natürlich, zu Beginn sei der Abgasskandal auch in ihrem Laden Gesprächsthema gewesen, doch mittlerweile sei die Normalität zurück. Die Wolfsburger haben sich eingerichtet im Zustand der Unsicherheit und harren der Dinge, die da kommen mögen.

insgesamt 108 Beiträge
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Spiegelleserin57 02.04.2016
1. nicht nur wegschauen!
Deutschland wurde schon öfters gerügt wegen der hohen Exporte. Dass dies einen Wirtschaftskrieg vermuten läßt liegt nahe da besonders in anderen Ländern die Wirtschaft kriselt. Natürlich haben viele VWler und auch die Angestellten der Zulieferfirmen Angst. Aber man sollte auch die Aspekte nicht außer Acht lassen dass eben VW auf dem Weltmarkt wohl vielen ein Dorn im Auge ist. Erstaunlich ist um so mehr dass eben auch die anderen betroffenen Marken nicht zum Thema werden und nur VW in großen Lettern erscheint. Auch das gibt zu denken und hinterläßt einen merkwürdigen Eindruck! Es ist wirklich höchste Zeit diese Autokrise neutral zu betrachten und auch die anderen Autobauer zu beleuchten. Dann wird auch ein anderere Eindruck entstehen. So aber bleibt der fade Nachgeschmack der Einseitigkeit.
saarpirat 02.04.2016
2.
Die Wolfsburger können einem Leid tun. Auf die Stadt und die Bewohner wird noch einiges zu kommen. Und auf Niedersachsen und Deutschland in der Folge. Aber Schuld sind nicht die Medien. Auch nicht die Amerikaner. Sondern ganz alleine VW und da das verantwortliche Management.
upalatus 02.04.2016
3.
"Die meisten Wolfsburger verstehen nicht, was denn da genau schiefgelaufen ist in der VW-Spitze." Man könnte dagegenhalten: "Die wissen genau, wie`s läuft." Ich denke, dass die, die es ganz "genau" wissen, nach Aussen gerne stille schweigen, der große Rest (die meisten VW-WOBer) es sich jedoch durchaus zusammenpuzzlen können, so wie es Zuschauer in einem Internen-Theaterhaus mit täglicher Chaosaufführung auch tun. Die Schlussfolgerungen daraus schneiden u.U. auch tief ins ganz persönliche, eigene AN-Fleisch. Denn wer möchte nicht auch mit auf die Bühne mit Rampenlicht und +Salär+ und Weisungsbefugnis und Einflussnahme und ewiglicher Familienversorgung usw. . Prinzipielle Talente und Befähigungen fürs Kerngeschäft bleiben dabei schon mal auf der Strecke, und als Folge knallt eine Firma einmal mehr, einmal weniger, gegen die Leitplanken.
spon-facebook-1261351808 02.04.2016
4. Weggucken in der Provinz!
Weggucken in der Provinz ist doch mittlerweile Realität geworden in Deutschland. In fünf Jahren haben wir wieder Zustände und Mentalitäten wie in den 50er Jahren hier...
detlef_kaufhold 02.04.2016
5. Mehr Chancen sehen, als über die Situation lamentieren
Leider ist das Geschehene nicht mehr rückgängig zu machen, die Verfehlung Einzelner wird teuer werden. Dennoch sehe ich - als VW Mitarbeiter - mehr Chancen. Die Situation aktuell führt zu einer Neuausrichtung, die anders vielleicht nicht so schnell umzusetzen wäre... Das wird VW in den nächsten Jahren helfen. Daumen drücken...
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