Rücktritt von Ferdinand Piëch Der Patriarch entmachtet sich selbst

Er wollte VW-Chef Winterkorn loswerden, jetzt muss Aufsichtsratsboss Piëch selbst gehen. Der Konzernpatriarch hat seine Macht spektakulär überschätzt - und sich selbst einen mehr als unwürdigen Abgang beschert.

Branchenlegende Piëch: Unwürdiger Abgang
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Branchenlegende Piëch: Unwürdiger Abgang


Ferdinand Piëch hat sein Mandat als VW-Aufsichtsratschef mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Für dieses Ende einer beispiellosen Karriere in der Automobilindustrie ist vor allem ein Mann verantwortlich: Ferdinand Piëch selbst.

Der Aufsichtsratsboss hatte durchaus gute sachliche Gründe für seine Attacke auf VW-Chef Martin Winterkorn. Falsche Modellpolitik für den US-Markt, keine Kleinwagen-Strategie, Minimal-Rendite bei Volkswagen. Doch Piëch hatte sich diesmal keine Verbündeten gesucht, bevor er seinen Angriff startete.

Die Arbeitnehmer nicht, die ihn jahrzehntelang unterstützten, weil er nicht 30.000 Mitarbeiter entließ, als er an die Spitze des Volkswagen-Konzerns kam, sondern mit der Vier-Tage-Woche ihre Jobs rettete. Sie stehen hinter Winterkorn. In der eigenen Familie hatte Piëch ebenfalls niemanden auf seiner Seite. In dieser Situation hätte er auf Überzeugungsarbeit setzen müssen. Doch das ist seine Sache nicht.

Die fünf Kollegen im Präsidium des Aufsichtsrats, dem innersten Machtzirkel von VW, hatten ihm eine Brücke gebaut, als sie sich in einer Erklärung hinter Winterkorn stellten, Piëch aber versicherten, sie wollten weiter mit ihm an der Spitze des Kontrollgremiums arbeiten. Er hätte Ruhe geben müssen, ein paar Wochen, ein paar Monate vielleicht, in denen er den anderen Aufsichtsräten seine sachliche Kritik am Kurs des VW-Chefs hätte erklären können.

Chronologie des Machtkampfs
Doch ein Piëch gibt keine Ruhe, wenn er ein Ziel einmal im Visier hat. So wie er vor einem Jahr einmal sagte, "guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war". Damals hatte jemand aus dem Konzern die Nachricht verbreitet, Winterkorn werde Aufsichtsratschef Piëch in Kürze ablösen, weil dieser erkrankt sei.

Nun hat er sich gewissermaßen selbst guillotiniert. Schon wenige Tage nach dem Beschluss des Aufsichtsratspräsidiums, Winterkorn zu unterstützen, fragte er Porsche-Chef Matthias Müller, ob dieser bereit wäre, Winterkorn zu ersetzen. So kann vielleicht der Besitzer einer Motorradwerkstatt mit seinen Angestellten umspringen, aber nicht der Vorsitzende des Aufsichtsrats eines Weltkonzerns mit rund 600.000 Beschäftigten. Damit hatte Piëch die rote Linie überschritten.

Die Aufsichtsräte des VW-Konzerns konnten keine Rücksicht mehr nehmen auf das Lebenswerk des Mannes, der zuerst Audi zu einem Konkurrenten für Mercedes-Benz und BMW aufgebaut, dann den Volkswagen-Konzern mit Bentley, Scania und MAN in eine neue Größenordnung geführt hatte und in der Branche auf einer Stufe mit Henry Ford, Eiji Toyoda und auch mit seinem eigenen Großvater Ferdinand Porsche gesehen wird.

Dieses Lebenswerk wird ihm bleiben. Doch an seinem Ende steht nun ein äußerst unwürdiger Abgang.

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Der Patriarch geht

Ferdinand Piëch tritt bei VW als Aufsichtsratschef zurück. Wie finden Sie das?

insgesamt 105 Beiträge
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ubbo2 25.04.2015
1. Naja
Irgendwie konnte ich Piech nie leiden, er verkörpert in seinem Umgang und seiner Gefühllosigkeit den Kapitalismus wie er im Buche steht. Nur: Das ist die Szene, in der ein Weltkonzern agiert und ob Winterkorn wirklich - jetzt noch in Dankesverpflichtung zu Gewerkschaft und Polititk - der Mann ist, den man braucht? Er hat die Marke Volkswagen fraglos mit heruntergewirtschaftet, ich werde erstmals seit langem keinen VW mehr kaufen, zu teuer, zu fehlerhaft und ohne klare Designaussage. Piech hat wohl erkannt, dass Winterkorn zu der notwendigen radikalen Revision, die der Konzern braucht, nicht in der Lage war. Tragisch für das Unternehmen, dieser Ausgang.
mcbrayne 25.04.2015
2. Und wenn alles Kalkül wäre ?
Piëch geht gegen Winterkorn, seinen Ziehsohn und designierten Nachfolger. Auf einmal, und ohne erkennbaren Grund stellt sich Piëch gegen Winterkorn, bedrängt ihn und, wer hätte das gedacht, verliert sogar zum ersten Mal. Und wer steigt in der Aktion, gestärkt vom gewonnenen Konflikt ? Der Ziehsohn Winterkorn. Und wenn alles so geplant gewesen wäre ?
tailspin 25.04.2015
3. Anschauungsunterricht
Schlechte Publicity ist genauso gut wie eine gute, wenn man in dem Punkt Donald Trump folgen will. Eines zeigt der Fall allerdings. Diese an den Tag gelegte Sorte Unnachgiebigkeit und Hartnaeckigkeit hat Piech sicher auch geholfen, seine steile Karriere und seine Konzerne erfolgreich zu formen. Eins geht nicht ohne das andere und diese Charaktermerkmale sind Bestandteil der Persoenlichkeit. In diesem Fall ist es nicht akzeptiert worden, und Piech zeigt ein weiteres Merkmal. Er ist brutal konsequent, dreht sich auf dem Absatz um und geht. So muss man sein, wenn man was werden will.
PowlPoods 25.04.2015
4. Oh
mein Gott. Piech ist zurückgetreten. Und jetzt? Wie geht es weiter? Wird es für uns noch ein morgen geben, oder ist das jetzt der Untergang des Abendlandes? Wie sieht es eigentlich mit ein paar Brennpunkten aus? Warum reagiert man nicht, bei ZDF, Ard und all den anderen? Piech ist gegangen....Himmel hilf uns.
vandenplas 25.04.2015
5. Alternative Sicht
Man könnte es nähmlich auch ganz anders sehen. Piech ist fast 80 Jahre alt. Wie lange hätte er den Konzern noch leiten können? Es brauchte also einen Nachfolger. Nicht irgendeinen, sondern jemanden der nach dem Rückzug Piechs von Anfang an fest im Sattel sitzt. Piech hätte Winterkorn einfach zu seinem Nachfolger ernennen können. Das hat er aber nicht getan, sondern diesen im Gegenteil in einen öffentlich ausgetragenen Machtkampf gezwungen. Sein Nachfolger Winterkorn profitiert nun davon in vielfacher Weise: Unter anderem dürfte er jetzt seine Gegner kennen - also diejenigen die gegen ihn Stellung bezogen haben. Aus dieser Erkenntnis wird er einen neuen Führungsstab zusammenstellen können. Der Machtkampf verhalf ihm auch zur Legitimation die er, aber vorallem der Konzern, unbedingt braucht. Winterkorn hat bewiesen, dass er eine Mehrheit im Konzern hinter sich hat. Ein Vakuum an der Spitze nach dem Ausscheiden Piechs wäre für das Unternehmen mit weltweit 600'000 Angestellten eine Katastrophe gewesen. Positionskämpfe und Führungslosigkeit in der Konzernleitung sind nun nach dem Rücktritt Piechs weitgehendst ausgeschlossen. Aus dieser Sicht betrachtet, war das eine taktisch kluge und bestens ausgeführte Übergabe der Konzernleitung an den seit langer Zeit feststehenden Nachfolger.
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